«Senkrecht» mit Natascha Knecht So schütze ich mich vor Facebook

Natascha Knecht, 48, Journalistin und Alpinistin, Buchautorin und Bloggerin, ist empört, dass Facebook ihre Daten nicht verkaufen wollte.

Wenn ich ein paar Tage ins Hochgebirge gehe, geniesse ich das, was derzeit als neuer Gesellschaftstrend entdeckt wird: eine digitale Auszeit. Ich habe dort oben weder Telefon- noch Internetverbindung, kein WhatsApp, keine Newsapp, kein Facebook, nichts. Wunderbar.

Doch irgendwann endet jedes Bergabenteuer. Ich kehre zurück in die Zivilisation und erlebe jedes Mal ein Nachrichten-Gewitter. Unglaublich, wie viel innert kürzester Zeit läuft. Kaum schalte ich das Smartphone ein, hagelt alles in geballter Ladung auf mich ein: Push-up-News, E-Mails, SMS, Benachrichtigungen verpasster Anrufe. Das Gerät surrt und vibriert wie ein aufgebrachter Bienenstock.

Meistens beginne ich schon auf der Heimfahrt im Zug, die Mitteilungen zu durchforsten. Schliesslich könnte Wichtiges passiert sein. Vielleicht hatte ja die Polizei versucht, mich zu erreichen. Weil Einbrecher in meiner Wohnung waren und den Laptop mitlaufen liessen – inklusive externer Festplatte mit dem Backup meiner Dateien. Es wäre der Horror.

Man hat mich im grossen Stil bestohlen

Aber zum Glück bin ich bislang vor solch schlimmen Ereignissen verschont geblieben. Jedenfalls bis vor wenigen Wochen. Da erfuhr ich über alle Kanäle, dass wir alle im grossen Stil bestohlen wurden. Von Facebook, diesem Räuber! Das soziale Netzwerk habe von uns Nutzern sensible Daten abgeschöpft und heimlich an die dubiose Firma Cambridge Analytica verkauft. Es sei ein Skandal, eine Gefahr für die Demokratie und betreffe sogar Leute, die kein Facebook-Konto haben. Frechheit!

Ich atmete auf, weil nichts Schlimmeres passiert ist. Trotzdem nahm mich wunder, was Facebook von mir gesammelt hat – und forderte meine Daten-Akte an. Natürlich hoffte ich insgeheim, etwas speziell Skandalöses zu entdecken, damit ich hier eine schmissige Kolumne schreiben kann.

Bereits nach fünf Minuten traf die Datei bei mir ein. Und siehe da, ich stellte wirklich Skandalöses fest: Für Facebook bin ich unbedeutend. Ein Nichts. Eine Nullnummer. Mein digitales Verhalten ist offenbar so belanglos, dass Cambridge Analytica meine Daten nicht kaufte.

Andere Firmen wissen noch mehr über mich

Spätestens jetzt war ich auch empört. Meine Daten sind denen nicht gut genug? Die von 87 Millionen Facebook-Nutzern sind es, aber meine nicht? Frechheit!

Ohnehin enttäuschte mich, was Facebook fichiert hat. Ich hatte mehr erwartet. Schliesslich bin ich seit zehn Jahren dabei und poste regelmässig Bilder von meinen Bergtouren. Doch der Algorithmus folgerte daraus lediglich, dass mein Interesse die Berge sind. Wie langweilig. Kein Wunder, wollte Cambridge Analytica meine Daten nicht kaufen.

Andere Firmen wüssten sensiblere Dinge von mir. Migros Cumulus protokolliert, was ich zum Znacht esse oder welches Deodorant ich benutze. Die Swisscom registriert, mit wem ich wann und wie lange telefoniere. Cablecom misst, welche TV-Sendungen ich schaue und zu welchen Zeiten ich im Internet unterwegs bin. Und erst Google, dieses Biest. Die Suchmaschine kennt mich besser als ich mich selber.

Was mit diesen Daten geschieht, können wir nicht absehen. Wir können uns auch nicht wirklich schützen. Ausser man lebt wie vor hundert Jahren. Oder man postet nur Bilder vom Hochgebirge – und wird von den Datenräubern verschmäht, wie ich. Frechheit!

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