Unterwegs mit Susanne Hochuli Statt Ziegen in Zürich ein Ochse für Sefiew

Susanne Hochuli, 52, war acht Jahre Regierungsrätin im Aargau. Jetzt ist sie oberste Patientenschützerin und lebt mit zwei Flüchtlingsfamilien auf dem eigenen Hof in Reitnau AG. In ihrer Kolumne in der «Schweizer Illustrierten» sinniert sie über ihre Äthiopienreise und die Kaufverhandlung eines Ochsen.
Susanne Hochuli Kolummne
© ZVG

«Wie im Stall zu Bethlehem»: So wie die 7-jährige Addis leben in Äthiopien viele Kinder mit den Tieren in einer gemeinsamen Hütte.

Doch, es war eine Begegnung auf Augenhöhe, auch wenn sich zwei Welten, zwei Kulturen, Geld und Armut getroffen haben. Auf 3300 Metern, in der Bergwelt oberhalb von Lalibela, setzen wir uns zum Abschluss unserer in die Hütte von Sefiew und Workie. Die beiden haben uns zu einer Kaffeezeremonie eingeladen.

«Das ist ja wie der Stall zu Bethlehem», raunt mir mein Partner Marcel zu. Links vom Eingang der runden Hütte ist einekleine Kuh mit ihrem Stierkalb angebunden; darüber, aus Ästen konstruiert und mit Gras bedeckt, befindet sich das Bett der fünfköpfigen Familie. «Die Wärme der Tiere steigt», lacht der 27-jährige Sefiew.

In der Mitte der Rundhütte, aus dünnen Eukalyptusstämmen gebaut und mit Erde und Kuhmist bepflastert, qualmt das Feuer, auf dem die 24-jährige Workie die grünen Kaffeebohnen röstet. Auf ihren Rücken gebunden schläft der achtmonatige Berket, der 4-jährige Asechale spielt draussen, die 7-jährige Addis hilft der Mama und knabbert an den frisch gerösteten Weizenkernen und Kichererbsen.

Spontan sagt Marcel, dann würde er ihnen Geissen kaufen

Verstohlen schaue ich mich in der Hütte um und vergleiche deren Dürftigkeit mit dem Überfluss bei mir zu Hause: mein teurer Holzboden, auf dem ich so gerne barfuss gehe, hier der gestampfte Erdboden, auf dem sich das Leben abspielt. Hätte ich Sefiew und Workie in meine Wohnung eingeladen, würden ihnen die Augen überquellen ob all dem unnütz herumstehenden Zeug. Ich suche in ihrer Hütte nach den Dingen, ohne die ich mir das Leben sehr schwierig vorstelle.

Marcel, seit Langem ein Geissen-Fan und begeistert von der Schönheit der äthiopischen Ziegen, fragt, warum hier keine zu finden seien. Sefiew antwortet, für Ziegen fehle das Geld. Spontan sagt Marcel, dann würde er ihnen Geissen kaufen, in Zürich könne er selber ja keine haben. Sefiew und Workie schauen überrascht; freudig, aber nicht nur. Marcel fragt nach: «Sind die Ziegen das, was ihr braucht?»

Lange diskutiert nun das Bauernpaar mit dem Dolmetscher. Dann lässt Sefiew uns ausrichten, dass er von Herzen dankt für das Angebot. Eigentlich brauche er aber etwas anderes: einen Ochsen. Er müsse sich diesen zum Pflügen von anderen Bauern ausleihen, meist überteuert. Oder dann bekomme er ihn erst, wenn es zu spät sei und er schon säen sollte. Mit Ochsen und einem einfachen Pflug «z Acher fahre», das brauche halt seine Zeit.

Als Bäuerin schmunzle ich: Gewisse «Maschinen» müssen auf jedem Bauernhof zu finden sein, auch wenn es vierbeinige sind. Eifrig wird über den Preis eines Ochsen diskutiert und darüber, ob ein guter auf dem Markt in Lalibela zu finden sei. Der äthiopische Bauer und der Schweizer Städter, der keine Ziegen haben kann, einigen sich auf einen Ochsen.

Tags darauf warten wir in Lalibela mit 8000 Birr, knapp 300 Franken, auf Sefiew. Wird er kommen, finden wir ihn? Zwei Stunden Fussmarsch liegen hinter ihm und wir uns alle in den Armen, als wir das Geld übergeben.

Kaum sind wir zurück in der Schweiz, schickt uns der Dolmetscher per Whatsapp ein Bild: Sefiew mit seinem roten Ochsen, den er sich auf dem Markt gekauft hat und mit dem er dreieinhalb Stunden steil über Felsen nach Hause gehen wird.

Im Dossier: Alle Kolumnen von Susanne Hochuli

Auch interessant