Unterwegs mit Susanne Hochuli Stolz auf gute Dienste sein

Susanne Hochuli, 52, war acht Jahre Regierungsrätin im Aargau. Jetzt ist sie oberste Patientenschützerin und lebt mit zwei Flüchtlingsfamilien auf dem eigenen Hof in Reitnau AG. In ihrer Kolumne in der «Schweizer Illustrierten» ärgert sie sich über unfreundliche Dienstleister.

Ich fahre oft und gerne Zug und habe dabei das Gefühl, mein Steuergeld und die Ausgaben für das Generalabonnement seien gut investiert. Manchmal hinterfrage ich allerdings dieses Gefühl.

Ich stand mit meinem E-Bike auf dem Perron 8 in Bern. Dort war mein Zug angekündigt. Sehr kurzfristig änderte sich sein Abfahrtsgleis, und ich, unaufmerksam in ein Buch vertieft, bekam das selbst verschuldet nicht mit. Als ich es merkte, wars zu spät. Ich ärgerte mich über mich selber und suchte per App den nächsten Zug, eilte, da nur wenige Minuten blieben, aufs angegebene Perron und fragte den netten Mann beim Bistrowagen nach dem Velowagen. Er schickte mich nach hinten. Dort fand ich das Velosignet jedoch nicht, die Abfahrtszeit kam im Sekundentakt näher, deshalb stieg ich kurz entschlossen durch die nächste Türe in den Zug. Ich fand mich im Vorraum der 1. Klasse wieder und blieb dort stehen.

Als der Kondukteur kam, zeigte ich mein GA und das Velobillett, und er fragte, wo der Klassenaufschlag sei. Ich antwortete, ich würde ja keinen Sitz benutzen. «Hier stehen dürfen Sie aber mit dem GA 2. Klasse nicht!» Und überhaupt, knurrte er weiter, könne er mich noch mit 90 Franken büssen, da hier kein Velo geduldet sei. Ich entschuldigte mich und erklärte, warum ich hier stünde. Ich zahlte den Aufschlag von 10 Franken und 50 Rappen für die 1. Klasse und blieb dort stehen, weil ich ja nicht mit dem E-Bike durch den Erstklass- in den Zweitklasswagen wechseln konnte. Der Zug hatte massive Verspätung, ich verpasste in Olten meinen Anschluss. Weder motzte noch knurrte ich.

Weiss er, wer seinen Lohn zahlt?

Natürlich, der SBB-Angestellte hat alles richtig gemacht. Einfach unfreundlich und überheblich. Und, so fragte ich mich, weiss er überhaupt, wer seinen Lohn bezahlt? Weiss der Arzt, der arrogant und vor lauter Fremdwörtern unverständlich mit einem Patienten redet, wie die Schatulle geäufnet wird, aus der das Geld in seine Tasche fliesst? Überlegt er sich, dass jede Person, die vor ihm sitzt, mit Steuer- und Prämiengeldern nicht nur sein Studium bezahlt hat, sondern auch seinen Lohn finanziert und dazu das ganze Spital am Laufen hält? Macht er sich solche Überlegungen?

Bei einem Gespräch fragte ich eine mir unbekannte Frau, was sie arbeite. Sie druckste ein wenig herum und sagte, sie leite die Steuerverwaltung einer Gemeinde. «Hoppla», sagte ich, «das würde ich mir nie zutrauen, so viele Zahlen, so viele bestimmt frustrierte Kunden.» Sie lachte und meinte, normalerweise würden die Leute eher negativ auf ihre Berufsangabe reagieren, da anscheinend sehr viele schlechte Erfahrungen mit der Verwaltung gemacht hätten.

Sie aber schärfe ihren Mitarbeitenden ein, dass jede Person, die eine Auskunft wolle oder auch mal eine Reklamation anbringe, schlussendlich ihre Arbeitgeberin sei, indem sie mit ihren Steuern die Verwaltung alimentiere. Dadurch habe sie ein Recht auf respektvolle Behandlung und neutrale, sachliche Auskunft, auch wenn man sich über sie ärgere. «Wir leisten doch einen Dienst, und darauf dürfen wir stolz sein, wenn wir ihn gut leisten», sagte sie. «Das sollten sich doch alle Dienstleistenden vor Augen halten.»

Weitere Beiträge von Susanne Hochuli finden Sie hier.

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