Unterwegs mit Susanne Hochuli Das Glück im Spargelfeld

Susanne Hochuli, 52, war acht Jahre Regierungsrätin im Aargau. Jetzt ist sie oberste Patientenschützerin und lebt mit zwei Flüchtlingsfamilien auf dem eigenen Hof in Reitnau AG. In ihrer Kolumne in der «Schweizer Illustrierten» schreibt sie über die Freude am Hier und Jetzt im Spargelfeld.
Susanne Hochuli Notabene
© ZVG

Spargeln zählen und umranden: Mit einfachsten, aber erfüllenden Arbeiten bleibt man im Hier und Jetzt.

Die Fensterscheiben waren geputzt. Auch der Staub war den kritisch prüfenden Fingern zum Opfer gefallen. Der Rand der Grünfläche, die vorgibt, ein Rasen zu sein, war akkurat geschnitten; schwachen Pflänzchen im Blumenbeet ein Holzstecken zur Seite gestellt, das Laub auf dem Kiesweg aus den Steinen herausgeklaubt, der Ansatz für zehn Liter Holunderblütensirup kühl gestellt.

Auf dem Spargelfeld, schon dreimal gejätet, hatte jede der bereits hervorlugenden 86 Spargelspitzen ein schützendes Mäuerchen aus Steinen und Erdklumpen erhalten – und ich überlegte mir, wie viel Zeit ich aufzuwenden hätte, um alle 600 selber und tief eingegrabenen Spargeln zu ummauern, falls sie überhaupt das Licht der Welt erblicken sollten.

Habe ich eine Störung?

Als ich mir aber vorstellte, dem Auto, das gelb war vom Blütenstaub, mit dem Hochdruckreiniger zu neuem Glanz zu verhelfen, wusste ich: Da stimmt etwas nicht mit mir. Irgendetwas ist falsch. Ich wasche nämlich nie Autos. Ich vermutete eine gravierende Störung (Hurra, werden sich nun einige sagen, endlich hat sie es selber eingesehen!) und machte mich daran, die Ursache zu finden.

Sie war schnell entdeckt: Ich sollte ein Referat schreiben für eine illustre Gesellschaft; sagen wir für eine, die weiss, dass sie sich aus Individuen zusammensetzt, die sich nicht zu Unrecht zur Intelligenzija zählen. Und ich fragte mich, was ich ihnen zu erzählen habe. Natürlich, das Thema war gegeben und keines, das mir fremd ist. Während ich mich jedoch mit Alltagsarbeiten von der Schreibarbeit ablenkte, erinnerte ich mich an Veranstaltungen, an denen viel geredet, wenig gesagt und noch weniger gehört worden ist.

Die meisten Zuhörenden haben es längst verlernt, im Hier und Jetzt zu sein

Nein, ich nehme mich nicht aus! Ich bin keinen Deut besser als die anderen. Wie oft sitzt man irgendwo als Zuhörerin, konzentriert sich wenige Minuten auf das Gesagte und schweift ab, denkt an anderes, macht anderes. Noch schnell diese Mail beantworten, den nächsten Termin bestätigen, einen wichtigen Gedanken notieren – und ah, Herr Müller ist auch hier! Ihm wollte man schon lange etwas sagen.

Irgendwann hat man den Faden verloren, selbst verschuldet. Kommt dazu: Nur selten gelingt es Rednern und Rednerinnen, die Anwesenden im Moment zu behalten. Und die meisten Zuhörenden haben es längst verlernt, im Hier und Jetzt zu sein. Ich auch. Zufrieden und glücklich ist man dabei nicht. «Du kannst nicht beides gleichzeitig sein, unglücklich und völlig präsent im Jetzt», schreibt Eckhart Tolle, ein Bestsellerautor und Weisheitslehrer.

Deshalb baue ich so gerne Spargelmäuerchen: Ich gehe langsam über das Feld und suche nach der neusten Spargelspitze, die ans Licht drängt. Manchmal sind die Dingelchen streichholzdünn und schwach, und ich wundere mich, wie sie es schaffen, die groben Erdkrumen beiseitezuschieben. Jedes neu entdeckte Pflänzchen macht mich froh und lässt mich ganz in der Gegenwart sein. Nichts lässt mich abschweifen, höchstens der Gedanke, das Glück des Entdeckens mit anderen teilen zu können. Oder die Vorfreude auf den ersten Spargelschmaus in drei Jahren.

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