Unterwegs mit Susanne Hochuli Das Leben der anderen

Susanne Hochuli, 51, war acht Jahre Regierungsrätin im Aargau. Jetzt ist sie oberste Patientenschützerin der Schweiz und lebt mit zwei Flüchtlingsfamilien auf dem eigenen Hof in Reitnau AG. Im Trödelladen macht sich Hochuli Gedanken über fremde Leben, die Einzug in ihr Zuhause finden.

Für mein Leben gern stöbere ich in Antiquitätenläden und auf Brocanten in fremden Leben. In anderen Leben wühlen: Das ist es doch, was ich mache, wenn ich alte, gebrauchte Sachen betrachte, berühre und mir dazu Geschichten ausdenke. Geschichten über Dinge, die in mir fremden Stuben hingen. 

Jedes Stück trug dazu bei, dass sich die Menschen daheim fühlten: die gehäkelte Decke auf der Sofalehne und die handgeschliffene Weinkaraffe mit den passenden Gläsern, die seit Generationen zum Familienstolz gehörten. Bilder, filigran in Gold oder Silber gerahmt, zeigen Vater und Mutter und Kinder in steifen Kleidern und mit ebensolchen Gesichtsausdrücken; stramm in den Schulbänken sitzende Mädchen und Buben; Hochzeitspaare, respektvoll in die Kamera oder in die Zukunft blickend; Männer in Uniform – das ganze Leben hing an den Wänden neben der Vitrine mit dem guten Porzellangeschirr, das nur für den Sonntagsbraten und den Besuch aufgetischt worden ist.

Hochuli Gläser
© ZVG
Stöbern im Trödelladen: Woher stammen all die Gegenstände? Welche Geschichten erzählen sie uns?

Diese Woche tauchte ich in Schleswig-Holsteins Antiquitätenläden in fremde Leben ein, in dem Bundesland, das im Jahr nach dem Zweiten Weltkrieg rund eine Million mehr Menschen zählte als vor dem Krieg: Obdachlose flüchteten aus den zerbombten Städten aufs Land; die meisten Ostflüchtlinge aus Preussen, Pommern und Schlesien wurden hier im Norden Deutschlands aufgenommen. 

Drei Hinzugezogene auf vier Einheimische bedeutete das damals, gar nicht zur Freude der ansässigen Bevölkerung. Grossgrundbesitzer wurden zur Landabgabe verpflichtet. Die Besatzungsmächte verlangten, dass den Flüchtlingen Platz in den Wohnungen der hiesigen Menschen angeboten wurde.

Der Liebe waren der Dialekt und die Herkunft der Menschen egal

So standen sich in der Küche Gegenstände gegenüber, die aus sehr verschiedenen Leben kamen: aus jenen der Vertriebenen aus dem Osten des Deutschen Reiches und aus jenen der Eingesessenen, die nach dem Krieg schnell dem normalen Leben entgegengehen und vieles vergessen wollten. Auf Plattdeutsch und im ostpommerschen Dialekt wurde nun in der eng gewordenen Küche gekeift. Auch geheiratet wurde zwischen den Eingesessenen und den Aufgenommenen; der Liebe waren der Dialekt und die Herkunft der Menschen egal. Nur Jiddisch war nicht mehr zu hören, und niemand wollte genau wissen, ob nicht auch die eine oder andere Schüssel der zusammengewürfelten Haushalte aus dem geplünderten Hausrat einer jüdischen Familie stammte – aus Leben, die ganz ausgelöscht worden waren. 

Vieles aus diesen Leben steht nun beim Trödler herum, die Geschichten der Leben verblassen. In ihnen stöbere ich. Und nun hängen fremde, bereits gelebte Leben als Bilder in meiner Wohnung, stehen als Gläser in meinem Schrank, warten als Emaille-Schüssel darauf, gebraucht zu werden. Diese Schüssel hat vielleicht die Flucht aus dem Osten überstanden. Viele Dinge blieben auf dem Weg neben erfrorenen Menschen liegen; wurden zurückgelassen, weil die Menschen zu schwach waren, sie weiterzuschleppen.

Fremde, bereits gelebte Leben haben nun ihren Platz in meiner Wohnung. Weitere Leben werden gerade jetzt gelebt, neben mir und mit mir: Auf sie kann ich Einfluss nehmen – im Guten wie im Schlechten.

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