Unterwegs mit Susanne Hochuli Der blaue Handschuh

Susanne Hochuli, 52, war acht Jahre Regierungsrätin im Aargau. Jetzt ist sie oberste Patientenschützerin und lebt mit zwei Flüchtlingsfamilien auf dem eigenen Hof in Reitnau AG. In ihrer Kolumne in der «Schweizer Illustrierten» sinniert sie über die Haltung Europas zur Flüchtlings-Politik.
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© Jon Nazca/Reuters

Asyl-Streit in Europa: Was löst das Bild der geretteten Bootsflüchtlinge in uns aus?

Beim Zmorgekaffee fiel mein Blick auf die blau behandschuhte Hand. Und er blieb hängen. Rote Decken, die Wärme spenden. Die Hand eines Angehörigen der südspanischen Küstenwache, die, geschützt mit dem blauen Gummihandschuh, den Flüchtlingen den Weg zeigt. Die Hand berührt die Menschen nicht, aber sie weist sie auch nicht ab.

Kein Land fühlte sich für die Flüchtlinge zuständig, bis sich Spanien ihrer erbarmte und der Odyssee auf dem Mittelmeer ein Ende setzte. Bei der Ankunft der Erschöpften drückte der Fotograf Jon Nazca ab und schoss für Reuters dieses Bild: dominierendes Rot, ängstliche Augen und die blaue Hand.

Ich trank einen Schluck Kaffee und überlegte mir, wie die blau behandschuhte Hand auf die Menschen wirkte, die endlich wieder an Land waren. Gerettet bis auf Weiteres.

Zum Glück gibt es die blauen Handschuhe

Nahmen sie sie wahr, oder waren sie einfach froh, wieder festen Boden unter den Füssen zu haben? Schoss ihnen wie mir durch den Kopf, dass der blaue Handschuh eine abweisende Wirkung hat? Dass er indirekt die Haltung Europas ihnen gegenüber symbolisiert? Die Haltung eines Kontinentes, der nichts mit ihnen zu tun haben möchte?

Verstehen Sie mich richtig: Zum Glück gibt es die blauen Handschuhe. Im Spital sind sie der meist gebrauchte Gegenstand. Die Hände, die in ihnen stecken, können sich vor vielem schützen: vor Ansteckung, Schmutz, Ekel. Sie werden übergezogen, die Arbeit wird erledigt, die Handschuhe landen im Abfall. Sie sind ein Segen. Sie sind im Internet für jedermann in allen Grössen zu haben. Sie können bei alltäglichen Arbeiten Allergikerhände schützen, in der Lebensmittelindustrie für Hygiene sorgen, beim Putzen den Kontakt mit grausigem Zeugs verhindern, beim Giftspritzen Verätzungen vorbeugen, beim Empfang von Flüchtlingen ansteckende Krankheiten fernhalten.

Ja, es ist gut, trug der südspanische Küstenwächter diese Handschuhe. Die Flüchtlinge waren tagelang auf dem Schiff zusammengepfercht in unhygienischen Verhältnissen. Auch barmherzige Taten wie die Aufnahme der Menschen in Spanien sollen mit Vernunft gepaart sein. Das Bild von Jon Nazca macht auch keinen Vorwurf. Es zeigt das Gesicht des Küstenwächters nicht. Es respektiert den Mann, der seine Arbeit tut.

Sie verbergen nicht, wie falsch die Güter verteilt sind

Nazca schreibt auf seiner Homepage: «I respect the photojournalists who reflect reality without any manipulation, and I respect the people I photograph. For me, both of these things are the basis of real photojournalism.» Er respektiere die Fotojournalisten, die die Realität ohne jegliche Manipulation reflektieren, und er respektiere die Menschen, die er fotografiere. Beides sei für ihn die Grundlage von echtem Fotojournalismus.

Und dann sitzt eine wie ich beim Zmorgekaffee vor diesem Bild und sieht darin ein Europa, das sich blaue Einweghandschuhe überzieht, um mit dem Elend der Welt nicht in direkten Kontakt zu kommen. Sieht Länder, die aus der eigenen Geschichte wissen, was Elend, Not und Flucht bedeuten, und sich nun in Schichten von blauen Gummihandschuhen flüchten. Sie werden einfach auf die Dauer nichts nützen. Denn sie verbergen nicht, wie falsch die Güter verteilt sind in der Welt.

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