Unterwegs mit Susanne Hochuli «Ich müsste den Pass abgeben»

Susanne Hochuli, 51, war acht Jahre Regierungsrätin im Aargau. Jetzt ist sie oberste Patientenschützerin der Schweiz und lebt mit zwei Flüchtlingsfamilien auf dem eigenen Hof in Reitnau AG.

Ich vermute, dass Sie mindestens einmal in der Woche Pommes in der Fritteuse machen und deshalb wissen, wo Sie das Öl zu entsorgen haben. Funda Yilmaz wusste es nicht. Ich weiss es auch nicht, weil ich wie sie keine Fritteuse habe. Beide, die in der Schweiz geborene 25-jährige Türkin und ich Schweizerin, die ihre Mutter sein könnte, wissen aber, dass man das ausgediente Öl nicht in den Schüttstein giessen darf. Ich würde, müsste ich es entsorgen, bei unserem Gemeindearbeiter nachfragen: «Du, Guido, chan i Fritteuse-Öu e de Sammuschtöu abgäh?» Funda Yilmaz würde googeln.

Den schriftlichen Staatskundetest bestand die junge Frau hingegen zu hundert Prozent.

Die junge Frau will in Buchs AG das werden, was ich von Geburt an bin: Schweizerin. Sie wurde es nicht, weil sie laut Einbürgerungskommission im mündlichen Test elementare Dinge nicht wusste, die das Wesen von uns Eidgenossinnen und Eidgenossen ausmachen: Schweizer Sportarten (richtig sind nur Hornussen und Schwingen), Berggipfel in der Nähe ihrer Skiferiendestination (sie kann also Ski fahren, ich nicht), der Name des Dorfmetzgers oder die Brauchtümer der Umgebung. Den schriftlichen Staatskundetest bestand die junge Frau hingegen zu hundert Prozent.

Über ihren Fall wird viel geschrieben, er dient als Grundlage für Kommentare, Statements und Fragen, und er lässt mich daran zweifeln, ob wirklich dort Schweiz drinsteckt, wo Schweiz draufsteht – vor allem auch bei demokratisch gewählten Behördenmitgliedern, die wie Funda Yilmaz von Geburt an von schweizerischen Werten geprägt worden sind. Zu diesen Werten gehört Bescheidenheit, die bei der jungen Frau mit Schüchternheit gepaart ist. Wäre es besser gekommen, wenn sie sich aufgespielt hätte beim Einbürgerungsgespräch, statt so nervös zu sein, wie sie es anscheinend immer ist in Prüfungssituationen?

Beim Dorfladen habe ich Schulden

Ich kann Ihnen problemlos sagen, was Ihr Anteil bei der Pflegefinanzierung im stationären wie im ambulanten Bereich ausmacht, weil ich mich jahrelang damit beschäftigt habe. Funda Yilmaz würde uns Begrifflichkeiten aus dem Tiefbauzeichnen um die Ohren schlagen – das ist ihr Beruf.

Als Schweizer Sportarten hätte ich Skifahren und Schiessen genannt und wohl deswegen den Schweizer Pass abgeben müssen. Den Namen der Geschäftsleiterin unseres Dorfladens weiss ich, weil ich Schulden bei ihr habe; man darf im Laden zwar anschreiben, aber ob das auch schweizerisch ist?

Funda Yilmaz erfrechte sich, dem ganzen Einwohnerrat der Gemeinde einen Brief zu schreiben mit der Bitte um Wohlwollen. Das kam nicht gut an, obwohl es doch zeigt, dass die junge Frau weiss, dass man sich an Behördenmitglieder und politische Gremien wenden kann.

Je mehr er beim Beantworten herumdrückte, desto perfider wurden die Fragen.

Die Familie eines gut situierten Bekannten will sich in einer sehr wohlhabenden Gemeinde der Schweiz einbürgern lassen. Beim Einbürgerungsgespräch wurden auch Fragen an den 14-jährigen Sohn gestellt; einen Jungen, der kein Haudegen, sondern schüchtern und zurückhaltend ist. Je mehr er beim Beantworten herumdrückte, desto perfider wurden die Fragen.

Die Sekretärin der Einbürgerungskommission begleitete nach dem Gespräch die Familie nach draussen, legte dem Jungen den Arm um die Schulter und meinte: «Mach dir nichts draus, mein Sohn hätte all die Antworten auch nicht gewusst.»

Wie gut, dass Werte, die die Schweiz ausmachen, doch noch gelebt und ausgedrückt werden!

 

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