Unterwegs mit Susanne Hochuli

Ich denke mit Scham an meine Vorurteile

Susanne Hochuli, 52, war acht Jahre Regierungsrätin im Aargau. Jetzt ist sie oberste Patientenschützerin und lebt mit zwei Flüchtlingsfamilien auf dem eigenen Hof in Reitnau AG. In ihrer Kolumne in der «Schweizer Illustrierten» erinnert sie sich an eine peinliche Situation von ihrer Wanderung von der Schweiz an die Ostsee.

© ZVG

Wortkarg, aber nett: Die Hilfsbereitschaft der Familie Falkenberg beschämt mich noch heute. Wie schnell ich doch Vorurteilen aufsitze!

Da sass ich nun. In dieser Gaststube in Dunkeldeutschland. Im kalten, kahlen Raum kamen die Ängste hoch, welche die Franken in Nürnberg in mir geschürt hatten: «Was? Du willst durch Dunkeldeutschland wandern? Das kommt nicht gut!» Nun sass ich hier und spürte: «Das nimmt kein gutes Ende.»

Ich würde nichts verstehen von dem, was die Leute brabbeln, falls sie überhaupt mit mir redeten, wurde mir prophezeit. Tatsächlich verstand ich fast nichts; die ältere Frau, die ich um eine Suppe und einen Tee bat, war wortkarg und nuschelte; laut lief das Radio, ein Staubsauger hallte im grossen Raum, in dem ich der einzige Gast war.

Das Essen? Ungeniessbar sei es und schwer. Immerhin war die Fleischklösschensuppe, die vor mich gestellt wurde, heiss. Aber das Toastbrot war nicht knusprig, sondern lag schlaff auf dem Teller. 

Wie ein Westdeutscher in der DDR

Ich würde sehen, hiess es in Nürnberg, die Leute seien unfreundlich und jammerten nur. Die Tochter der älteren Frau erschien; mir kamen beide abweisend vor, ungepflegt, einfach nicht so, wie ich mir Menschen vorstellte, die einen Gast zu bedienen hätten.

Dass ich selber auch nicht wie ein Gast aussah, den man sich in einer Gaststube wünschte, daran dachte ich in jenem Moment nicht. Ich und mein Hund waren mit Schlamm verspritzt, wir waren nass und hinterliessen am Boden Pfützen. Ich fror, war bleich, hatte zerzauste Haare und war verzweifelt. 

Auf meiner Wanderung durch Deutschland begann mein Hund zu lahmen, und als ich im ersten neuen Bundesland ankam, wusste ich: So kommen wir nicht mehr weiter. Es kam mir alles dunkel vor. So erging es früher den Reisenden aus der BRD, wenn sie in Ostdeutschland ankamen. Weil es in der DDR nicht so viele Strassenbeleuchtungen und Neonreklamen wie im Westen gab, hatten sie das Gefühl, es hätte jemand gerade das Licht ausgeknipst: Dunkeldeutschland!

Ich denke mit Scham an meine Vorurteile

Mich plagten andere Sorgen als historische Begriffsdefinitionen. Wie sollte ich mit meinem hinkenden Hund das nächste reservierte Nachtlager erreichen? Wie meine Wanderung quer durch Deutschland zu Ende bringen?

Schüchtern fragte ich die beiden Frauen, ob in diesem Ort jemand einen alten Kinderwagen hätte oder ein ähnliches nicht gebrauchtes Gefährt, in das ich den Hund reinsetzen könnte. Nein, so was wäre ihnen nicht bekannt, meinten sie. Die ältere der beiden setzte sich an meinen Tisch, und ich erzählte ihr meine Sorgen und davon, zu Fuss die Ostsee erreichen zu wollen. Ob ich den Hund bei ihnen lassen wolle, fragte sie, sie hätten auch Hunde. Nein, winkte ich erschrocken ab. Sie stand auf und ging.

Kurze Zeit später kam sie zurück mit der jüngeren Frau und deren Mann. Dieser streichelte den nassen Hund und meinte, da müsse wohl der Fahrradanhänger der Oma dran glauben. Der würde zwar noch für den Holztransport gebraucht, deshalb wären sie froh, wenn er wieder zu ihnen zurückfände.

Der Fahrradanhänger ist schon längst wieder zurück. Und heute kommt im Landgasthof Alte Post in Dunkeldeutschland ein Paket voller Dank für die Hilfsbereitschaft vor einem Jahr an. Ich selber denke heute noch mit Scham an meine Vorurteile von damals.

Susanne Hochuli am 19. Februar 2018, 10.23 Uhr