Unterwegs mit Susanne Hochuli Jenseits von Afrika

Susanne Hochuli, 52, war acht Jahre Regierungsrätin im Aargau. Jetzt ist sie oberste Patientenschützerin und lebt mit zwei Flüchtlingsfamilien auf dem eigenen Hof in Reitnau AG. In ihrer Kolumne in der «Schweizer Illustrierten» schreibt sie über die andauernde Hitze - und die damit einhergehenden Sorgen.
Susanne Hochuli
© HO

Schlapp! Auch Stossgebete zum Himmel helfen der SI-Kolumnistin zurzeit nicht über ihre Kümmernis hinweg.

«Nei, s prässiert ned met Säie, s goht sowieso aus kapott», sagte der Bauer in der Landi zum Angestellten, der fragte, wie schnell er das Saatgut bereitzustellen habe. Das Wetter ändere ja nicht, es bleibe trocken und heiss, meinte der Bauer. Und es zeige sich, dass das Sprichwort «Das Wetter am Siebenschläfertag sieben Wochen halten mag» zutreffe. «Am 27. Juni hat der ‹Blick› geschrieben, der Siebenschläfertag würde uns einen tollen Sommer bescheren», sagte der Angestellte. Der Bauer erwiderte: «Ich finde ihn mörderisch.» 

Der Hitzesommer geht weiter

Ich weiss, es ist schon viel gesagt und geschrieben worden über diese Trockenheit – die schlimmste seit 1921. Doch kann man sich einen schöneren Sommer vorstellen als diesen? Man wacht mit der Sonne auf, schläft mit ihrer Hitze ein oder eben nicht; tagsüber bewegt man sich träge, am liebsten gar nicht, denkt langsam, weil es zu heiss ist für Gedankensprünge und man zu wenig geschlafen hat und dazu das Gefühl nicht loswird, die anstehende Arbeit liegen zu lassen.

Ich sehne mich nach Regen. Mindestens eine Woche lang möchte ich vom Regen geweckt und in den Schlaf getrommelt werden. Mich bekümmern die Pflanzen, die welk und krank aussehen: Die grossen Rhabarberblätter haben ihren Glanz verloren und rollen sich ein, als würden sie sich von der Welt verabschieden.

Doch nun ist das Bangen um Regen jenseits von Afrika angekommen

Ich komme mir vor, als wären die Gartenschläuche an mir angewachsen: Frühmorgens und spätabends hoffe ich, mit ihnen die ärgste Not der Pflanzen lindern zu können. Jeder Blick auf die Wetter-App endet mit einer Enttäuschung: Die Hitze hält an, der Regen bleibt aus, das Wässern wird zur öden Angelegenheit, und die Frage, was ich wohl mache, wenn das Wasser zum Tränken ausgeht, dominiert die schleppenden, erdenschweren Gedanken.

Lernen, wie mit dem Wassermangel umzugehen ist

Ich erinnere mich zurück an Reisen in Afrika und sehe Menschen, die entlang der Strasse matt im Schatten sitzen, wartend, aber mit mehr Gleichmut, als ich der Hitze gegenüber aufbringe. Sie haben gelernt, anzunehmen, was nicht zu ändern ist: Der Regen kommt, oder er kommt nicht. Im Gegensatz zu mir schleppen sie jeden Tropfen Wasser kilometerweit zu ihren Feldern oder in ihr Zuhause.

Ich drehe den Wasserhahn auf, drücke auf den Startknopf der Pumpe, und das Wasser sprudelt. In Afrika beherrscht jedes Kind in trockenen Gebieten die Technik, keinen Tropfen Wasser zu vergeuden; mit flinken Handbewegungen waschen sie mit wenig Wasser das Gesicht, wölben ihre Hände zu einer Schale, die jeden Tropfen in den Mund fliessen lässt. Ich bewundere ihre Geschicklichkeit und muss mit ihnen über mich selber lachen, wenn ich es ihnen nachzumachen versuche. 

Das Bangen um Regen

Ich liebe es, ausgiebig zu duschen. Ohne ständiges Händewaschen kommt man sich als unzivilisierter Grüsel vor; ich hege Pflanzen in Töpfen, die zwar schön, aber sonst sehr nutzlos sind. Ich gebe ihnen Wasser, weil sie mein Gemüt erfreuen. Ich bin wie alle in der Schweiz: Wir haben Wasser und brauchen es. Masslos oft und uneingeschränkt.

Doch nun ist das Bangen um Regen jenseits von Afrika angekommen. Und es wird bleiben, mit Unterbrüchen zwar, aber es wird uns und unser Leben verändern.

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