Unterwegs mit Susanne Hochuli Der Herbst und die alten Kämpfer

Susanne Hochuli, 52, war acht Jahre Regierungsrätin im Aargau. Jetzt ist sie oberste Patientenschützerin der Schweiz und lebt mit zwei Flüchtlingsfamilien auf dem eigenen Hof in Reitnau AG. In Ihrer Kolumne in der «Schweizer Illustrierten» sinniert sie über die Umstellung auf die Winterzeit - und welche Worte ihr dabei immer in den Sinn kommen.

Lange ists her, ich weiss noch gut, wie sich mein Vater aufregte, als die Sommerzeit in der Schweiz eingeführt wurde. Mein Vater lebt nicht mehr, es stehen keine Kühe mehr im Stall, und genau diese waren der Grund, warum mein Vater meinte, die Sommerzeit sei von «Gschtudierten» erfunden worden, die noch nie unter einer Kuh sassen und keine Ahnung hätten, wie heiss es im Kuhstall beim Melken sei, und dies erst noch zu einem Sonnenstand, der nicht der richtigen Zeit entspreche.

Uns Kindern kam die Sommerzeit entgegen; wir konnten länger draussen spielen und das Ins-Bett-Gehen hinausschieben, weil wir mit unserem Gezeter glaubhaft darlegten, dass es genau wie im Kuhstall zu heiss sei, um schlafen zu gehen. Tempi passati. Heute kommt die Sommerzeit zuverlässig wie Ostern und Weihnachten und verschwindet unaufgeregt im Herbst. Jahr für Jahr.

Ob mein Vater damals das Referendum gegen die Einführung der Sommerzeit unterschrieben hatte, weiss ich nicht, vermute es aber

Geht sie, werde ich zuverlässig wehmütig, und egal wie schön die Herbsttage sein mögen, kommt mir ein Herbstgedicht von Rainer Maria Rilke in den Sinn. Nun denken Sie bestimmt an die Zeilen: «Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben». Ja, das sind berührende und die bekanntesten Zeilen aus dem Gedicht «Herbsttag».

Doch beim Ende der Sommerzeit kommen mir andere in den Sinn; wohl weil ich an den alten Mann denke, der mein Vater nun wäre, und weil ein anderer nun alter Mann damals gegen die Sommerzeit kämpfte, obwohl er keine Kühe im Stall zu melken hatte. Er sah aber den Volkswillen in den Mist gezogen.

Ob mein Vater damals das Referendum gegen die Einführung der Sommerzeit unterschrieben hatte, weiss ich nicht, vermute es aber. Dass sie trotz erfolgreicher Abstimmung 1981 eingeführt wurde, liess ihn manchen Sommer über gegen die «Herren dort oben in Bern» wettern und fluchen, und bestimmt wäre die Mistgabel gegen «die feinen Pinkeln» verwendet worden, hätte sich die Gelegenheit dazu ergeben.

Der andere alte Mann war der damals junge Christoph Blocher, der sich nach einem Jahr Sommerzeit mit einer Initiative gegen diese unnatürliche Zeit und die Missachtung des Volkswillens wehren wollte; ziemlich erfolglos, wie wir Jahr für Jahr feststellen.

Ja, die alten Männer! Der eine tot, der andere am Weiterkämpfen und der dritte unsterblich geworden dank seinen Zeilen über alte, unerbittliche Kämpfer und den Herbst:

Jetzt reifen schon die roten Berberitzen,
alternde Astern atmen schwach im Beet.
Wer jetzt nicht reich ist, da der Sommer geht,
wird immer warten und sich nie besitzen.
Wer jetzt nicht seine Augen schliessen kann,
gewiss, dass eine Fülle von Gesichten
in ihm nur wartet, bis die Nacht begann,
um sich in seinem Dunkeln aufzurichten:
der ist vergangen wie ein alter Mann.
Dem kommt nichts mehr,
dem stösst kein Tag mehr zu,
und alles lügt ihn an, was ihm geschieht; 
auch du, mein Gott. Und wie ein Stein bist du,
welcher ihn täglich in die Tiefe zieht.
(Rainer Maria Rilke, «Jetzt reifen schon die roten Berberitzen», 1901)

Im Dossier: Alle Kolumnen von Susanne Hochuli

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