Unterwegs mit Susanne Hochuli Unerzählte Frauenleben

Susanne Hochuli, 52, war acht Jahre Regierungsrätin im Aargau. Jetzt ist sie oberste Patientenschützerin und lebt mit zwei Flüchtlingsfamilien auf dem eigenen Hof in Reitnau AG. In ihrer Kolumne in der «Schweizer Illustrierten» erinnert sie sich an zwei körperlich gezeichnete Frauen aus ihrer Kindheit.
Unterwegs mit susanne Hochuli
© ZVG

War früher alles besser? Die Fotos verblassen – die Erinnerungen an Hermine und Luise begleiten unsere Kolumnistin ein Leben lang.

Hermine und Luise waren für mich alt, bevor sie es wirklich waren. Ich war ein Kind, Hermine und Luise waren vielleicht zehn Jahre älter, als ich es heute bin. Welcher Unterschied zu heute: Die Schauspielerin Meryl Streep zum Beispiel ist 69 Jahre alt, agil und attraktiv, und sagt sie etwas, wird es gehört. Auch vom mächtigsten Mann der Welt, Donald Trump, der gehässig über sie twitterte. Streep prangerte ihn in einer Rede an, weil er einen behinderten Reporter nachgeäfft hatte.

Ob Hermine und Luise viel geredet haben, ob jemand wahrgenommen hat, was sie gesagt haben, weiss ich nicht.

Ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass sie reden; wenn ich ihnen begegnete, sagte ich nur «Grüessech» und senkte schnell den Blick, weil man Menschen nicht anstarren durfte. Auch solche wie Hermine und Luise nicht. Hermine trug einen Buckel, und Luise schaute nur den Boden an: Ihr Rücken war so stark verbogen, dass sie rechtwinklig durchs Leben ging. Die beiden Frauen trugen über ihren verwaschenen blauen Röcken verblichene graue «Schöibe» – mir kam das alles so «töötelig» vor, dass es mich nicht verwundert hätte, wenn es eines Tages geheissen hätte: «Hermine und Luise sind tot.» Beide zusammen gestorben, obwohl sie nichts miteinander zu tun hatten. Ausser dass beide Tag und Nacht am «Chrampfe» waren.

«Weisst du, warum Luise so ist, wie sie ist?»

Ich sah sie auf den Feldern, gebückt am Arbeiten, sie wuschen in klirrender Kälte das Milchgeschirr am Brunnen, sie schrubbten die Kleider, sie kochten, flickten, zogen Kinder gross, kümmerten sich um deren Kinder und um die wunderschönen roten Geranien, welche die Bauernhäuser schmückten. All das sah ich mit meinen Kinderaugen. Und es war für mich normal. Damals überlegte ich mir nicht, ob Frauen wie Hermine und Luise auch geheime Wünsche hatten, was sie gesagt hätten, wenn sie gefragt worden wären: «Hermine, was würdest du tun, wenn du einfach könntest?» – «Luise, was hättest du aus deinem Leben machen wollen, was war dein Traum als Kind?» Ich weiss nicht, ob die beiden Träume hatten, ob sie glücklich waren oder nicht.

Mich trieb vielmehr ein Gedanke um: Sollte Luise sterben, wie könnte sie dann im Sarg liegen? Läge sie auf dem Rücken, würden ihre Beine senkrecht nach oben ragen! Seitwärts hätte sie auch keinen Platz. Was also wäre zu tun mit der toten Luise? Diese Frage beschäftigte mich mehr und mehr, und ich fürchtete mich vor jeder noch so flüchtigen Begegnung mit Luise auf der Strasse: Ich konnte meinen Blick fast nicht mehr von ihr wenden.

Ich beschloss, den einzigen Menschen, dem man eine solche Frage stellen darf, danach zu fragen: «Wie bringt man Luise in den Sarg?» Die Antwort meiner Mutter war keine, die meine Neugier befriedigt hätte. «Weisst du, warum Luise so ist, wie sie ist?», fragte sie nämlich zurück und beantwortete ihre Frage gleich selber: «Sie ist ‹abegwärchet› von der schweren Arbeit in ihrem Leben.» Körperlich gezeichneten Frauen wie Hermine und Luise begegne ich längst nicht mehr auf unseren Strassen. Und Träume, ja die könnten einfacher gelebt werden als zu Hermines und Luises Zeiten; aber wie viele Frauen würden heute auf die Frage «Was ist dein Lebenstraum?» antworten: «Ich habe ihn gelebt»?

Auch interessant