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Unterwegs mit Susanne Hochuli

Zeit für Weihnacht

Susanne Hochuli, 53, war acht Jahre Aargauer Regierungsrätin. Jetzt ist sie Präsidentin von Greenpeace Schweiz und oberste Patientenschützerin. Mit zwei Flüchtlingsfamilien lebt sie auf dem eigenen Hof in Reitnau AG. In ihrer Kolumne in der «Schweizer Illustrierten» sinniert sie über die Weihnachtszeit.

Guetsli backen
Guetsli backen: «Ich knetete den Mailänderliteig mit meinen Kinderhänden so lange, bis er nicht mehr ausgewallt werden konnte.» HO

Die Übelkeit beginnt meist im Oktober. Draussen färben sich die Blätter bunt und künden den Herbst an. Letzte Altweibersommertage ringen den Nebelschwaden Wehmut nach dem Sommer ab. Drinnen hingegen hängen bereits farbige Kugeln von den Decken, Kunstschnee rieselt leise, und noch erklingen die süsslichen Töne abgelutschter festlicher Lieder gedämpft. 

Das flaue Gefühl im Bauch erinnert mich daran, wie es mir als Kind fast während der ganzen Adventszeit übel ergangen ist: Der meiste Chrömliteig fand den Weg in meinen Magen statt aufs Backblech; nichts kam mir weihnachtlicher vor als der Mailänderliteig, den die Kinderhände so lange kneteten, bis er fettig glänzte wie Butter und so weich und aufgewärmt war, dass er nicht mehr ausgewallt werden konnte. «Denn essisch ne haut», sagte die Mutter, und schwups war der Klumpen verschwunden. 

Der meiste Chrömliteig fand den Weg in meinen Magen statt aufs Backblech

Die jetzige Übelkeit hat nichts mehr mit einem Zuviel an ungebackenen Weihnachtschrömli zu tun. Ihr zugrunde liegt eine lang andauernde Übersättigung durch weihnachtliches Drum und Dran: Ab Oktober kann man nicht einmal einen Salatkopf kaufen, ohne auf pausbäckige Engelchen zu stossen, die nicht mehr wissen, was sie eigentlich zu verkünden haben.

Eigentlich tut sie mir leid, die Weihnacht, die von mir aus gesehen auf leisen Sohlen oder – stilgerecht – barfuss in unsere Stuben huschen sollte. Am Abend wäre sie plötzlich da, mit leeren Händen und müden Augen. Abgewirtschaftet würde sie aussehen mit ihren geflickten und fadenscheinigen Kleidern, den Frostbeulen an den Füssen, den Hautrissen an den Händen und den Trauerrändern an den Fingernägeln. Ihr Bündel wäre genauso unscheinbar wie sie. 

Ab Oktober kann man nicht einmal einen Salatkopf kaufen, ohne auf pausbäckige Engelchen zu stossen

Nur mit zwei Dingen wäre sie gesegnet: mit Geschichten und der Zeit, die man braucht, um sie zu erzählen. Bevor sie aber zu berichten begänne, müssten die klammen Finger aufgewärmt, die schmerzenden Füsse gewaschen und eingesalbt werden. Man stelle sich vor, wir hätten all dies am Heiligen Abend unvorbereitet zu erledigen! Welch Bescherung, würden wir seufzen, woher die Zeit nehmen? 

Je älter ich werde, umso mehr mangelt es mir an Zeit. Ich weiss, es geht allen so. Deshalb schenkt wohl niemand mehr Zeit: Alle haben zu wenig davon. Und so überhäufen wir uns selber und andere mit Materiellem und ersaufen fast darin. Den Ausfluss des Überflusses sehe ich, wenn Menschen, die es gut meinen, einen Teil des über das zuträgliche Mass an Angehäuftem Hinausgehenden ausscheiden und weitergeben.

Und so überhäufen wir uns selber und andere mit Materiellem und ersaufen fast darin

Beliebte Objekte, um damit beschenkt zu werden, sind Flüchtlingsfamilien, die in unseren Wohlstand immigriert sind, oder Hilfswerke, die das Material in ärmeren Ländern verteilen. Auch dort sammeln sich dann in vielen Stuben Stofftierchen und Plastikspielzeug an; alles Dinge, die ihren Reiz verlieren, weil sie in ihrer Unzahl nichts Spezielles mehr sind. 

Statt sich am kommenden Wochenende in den Kaufrausch zu stürzen: Schenken Sie, liebe Leserin und lieber Leser, etwas Zeit. Und sei es auch nur, um Kinderbäuche mit fettig glänzendem Mailänderliteig zu füllen. 

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Von Susanne Hochuli am 24. Dezember 2018