Unterwegs mit Susanne Hochuli Zuckerberge und Schrittzähler

Susanne Hochuli, 53, war acht Jahre Regierungsrätin im Aargau. Jetzt ist sie oberste Patientenschützerin und lebt mit zwei Flüchtlingsfamilien auf dem eigenen Hof in Reitnau AG. In ihrer Kolumne in der «Schweizer Illustrierten» präsentiert sie ihre neue Geschäftsidee.

Kürzlich hatte ich eine Idee. Abgekupfert habe ich sie bei einer Freundin, die mir lachend erzählte, sie entwickle ein neues Geschäftsmodell. Sie werde nämlich Schrittzählerausführerin. Da sie sowieso jeden Tag den Hund ausführe, könne sie auch die Schrittzähler viel beschäftigter Kopfmenschen mitnehmen, da diese kaum Zeit haben, sich genug zu bewegen. Wenn Gesundheitspolitikerinnen die Vorstellung haben, man könne ein «Prämienmodell Schrittzähler» entwickeln, dank dem sportlich aktive Menschen Krankenkassenprämien sparen, müsse man sich überlegen, wie man selber diesen Vorschlag in Cash umsetzen könne, es gehe sowieso nur um Geld im Gesundheitswesen. Sie also werde sich mit Schrittzählern Fremder bestücken und losmarschieren. 

Ich selber bin ein bewegungsfanatischer Mensch. Im Schnitt gehe ich rund 14 000 Schritte pro Tag, freiwillig und gern. Zu meiner Schande gestehe ich aber, dass ich mir nach der Erklärung meiner Freundin überlegte, wie ich mein tägliches Schritt-Resultat optimieren könnte, und verwirklichte die Idee, kaum war sie geboren: Ich band mein iPhone dem Hund um. So weit, so gut! 

Ungesunde Verlogenheit hinsichtlich Gesundsein

Die Verlogenheit der Politik lässt sich, gerade wenn es ums Gesundsein geht, bestens aufzeigen: Mit erhobenem Finger mahnen die Gesundheitsapostel die Menschen, sich eigenverantwortlich mehr zu bewegen! Diese Mahnfinger ziehen sich aber wie empfindliche Schneckenfühler zurück, wenn die Verhältnisse so zu ändern wären, damit die Menschen sich gesund ernähren könnten. Zum Beispiel verpflichtet das Lebensmittelgesetz der Schweiz die Lebensmittelindustrie nicht, den Zuckergehalt auszuweisen. Es ermöglicht den Herstellern vielmehr, den effektiven Zuckergehalt zu verschleiern. So essen wir tagtäglich versteckten Zucker in Produkten, die gar nicht nach Zucker aussehen: in Chips, Essiggurken, gesunden Müesli-Mischungen, Joghurt, Fruchtgetränken, Reiswaffeln, Tomatensauce, Apfelmus.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt, nicht mehr als 25 Gramm zugefügten Zucker pro Tag zu konsumieren. In der Schweiz kommen wir im Durchschnitt auf 125 Gramm, das entspricht 31 Würfelzuckern! Wehe aber, die Lebensmittelhersteller sollen mit einer Zuckersteuer in die Pflicht genommen werden. Sofort wird reklamiert, man dürfe die Wirtschaftsfreiheit nicht einschränken; uns alle will man aber am Gängelband führen und zum Gehen verpflichten. 

Ein guter (Aus-)Gang

Der Hund übrigens, alt und arthritisch humpelnd, am Tag des Experimentes faul, weil es ihm zu heiss war, und unmotiviert, weil ihn die umgebundene Tasche mit dem iPhone störte und ihn meine Erklärung, er nehme quasi an einer pseudowissenschaftlichen Studie teil, nicht überzeugte, dieser Hund also machte auf einer kurzen Strecke doch 200 Schritte mehr als ich. Ich überlege mir nun, sollte das «Prämienmodell Schrittzähler» eingeführt werden, einen jungen Hund anzuschaffen.

PS: Immerhin eine gesunde Auswirkung hatte mein Versuch. Ich konnte weder Mails kontrollieren noch SMS schreiben noch kurz etwas nachschlagen noch meine Schritte zählen. Mit dem iPhone am Hund blieb mir nichts anderes übrig, als die Natur und das Gehen zu geniessen.

Weitere Beiträge von Susanne Hochuli finden Sie hier.

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