Notabene Peter Bichsel Über das Wetter reden

Schriftsteller und Publizist Peter Bichsel, 78, über die Sprache, die aus weit mehr als nur Worten besteht.

Vielleicht lesen Sie das an einem heissen Tag. Ich jedenfalls habe es an einem heissen Tag geschrieben. Schon auf dem Weg zu meiner Schreibstube haben mir mehrere freundliche Leute mitgeteilt, dass es heiss ist. Doch, ich rede gern über das Wetter, ich rede gern mit Leuten. Ich rede mit Dir, ich rede mit Ihnen - das ist Freundlichkeit, ein Angebot der Freundschaft. Italiener können das. Sie reden in der Bar auf mich ein, auch wenn sie wissen, dass ich nichts verstehe, und bieten mir redend ihre Freundschaft an.

Es ist wie das Reden über das Wetter. Der Inhalt des Redeschwalls spielt kaum eine Rolle. Wir werden dabei, hier und für jetzt, Freunde und verstehen uns. Sprache braucht man zum Sprechen. Er braucht sein Italienisch zum Sprechen und ich mein Deutsch - wir verstehen die Sprache des anderen nicht, aber wir reden miteinander, wir verstehen uns. Wir könnten auch übers Wetter reden, darüber, dass es heiss ist, in allen Sprachen dieser Welt, wir könnten dabei mit dem Handrücken über die nasse Stirn fahren, und jeder könnte in seiner Sprache reden. «Es gibt nur eine Sprache», hat der grosse jüdische Philosoph Franz Rosenzweig gesagt. Ja, nur eine Sprache, die Sprache der Menschen.

Ich erinnere mich an einen heissen Tag in München vor bald fünfzig Jahren. Das Goethe-Institut hatte mich eingeladen für eine Lesung vor fremdsprachigen Deutschlehrern - ein Sommerkurs in einem heissen Saal. Vor der Lesung kam ein Japaner zu mir mit einem winzig kleinen Zettelchen, und einem winzig kleinen Bleistift und sagte: «Hönnen Sie hier Ihren Namen sriben.» Nun sass er während der Lesung in der hintersten Reihe und winkte mir mit dem Zettelchen strahlend zu. Ich las in viele leere, fragende Gesichter. Ich las verzweifelt, immer langsamer, immer lauter, es waren wohl wenige da, die meine Geschichten mitbekamen. Wir hätten wohl besser über das Wetter gesprochen.

Die Geschichte ist in unserem Internet-Zeitalter unvorstellbar

Das taten wir dann auch hinterher in einem Biergarten und verstanden uns endlich. Ich sass einer fülligen Holländerin gegenüber, die fliessend Deutsch sprach und sich auch darüber freute, dass sie endlich fliessend sprechen durfte. Wir hatten es lustig, aber nach dem zweiten Bier zweifelte ich mehr und mehr an meinem Geisteszustand, und ich fragte die Holländerin zögernd: «Kann es sein, dass über ihrer Schulter, abwechselnd mal über der linken, dann über der rechten, ein Kopf erscheint?»

«Ja», sagte sie, «er hat Angst, er ist schon die ganze Woche an meiner Seite oder eben hinter meinem breiten Rücken, wir sprechen Französisch miteinander», und sie erzählt: Er ist Franzose und hat irgendwo weit ab von der Zivilisation als Kolonialbeamter Französisch unterrichtet, dabei verwilderte er nach und nach, und seine Behörde vergass ihn wohl auch. Nun erreichte das Land die Unabhängigkeit. Als er nun nach den langen Feierlichkeiten mit seinem Unterricht weiterfahren wollte, sagten die Schüler: «Wir sind frei, wir wollen nicht mehr Französisch lernen.» - «Was wollt ihr denn?» - «Deutsch», sagten sie, und er beschaffte sich irgendwo und auf Umwegen ein Deutschlehrbuch, lernte mit ihm Deutsch und lehrte es seinen Schülern. Jahre später entdeckte ihn das Goethe-Institut und lud ihn zu diesem Kurs in München ein. Hier angekommen, musste er feststellen, dass sein Deutsch kein Deutsch war. Er hatte die Wörter in seinem Deutschlehrbuch französisch gelesen und umgebogen bis sie französisch aussprechbar waren und dabei auch die Grammatik seinem Sprachempfinden, das inzwischen nicht nur ein französisches, sondern auch ein afrikanisches war, angepasst. Nun fürchtete er sich in München nicht nur vor der Zivilisation, die ihm fremd geworden war, sondern auch vor ihrem Deutsch, das nicht das seine war. Es muss irgendwo in der Savanne unzählige Menschen geben, die eine Sprache mit viel Fleiss gelernt haben, die es nicht gibt, eine Sprache, in der man gut über das Wetter reden kann.

Die Geschichte ist in unserem Internet-Zeitalter unvorstellbar. Im Internet aber habe ich rausgefunden, wann das genau war. Ich traf anderntags, es war heiss, in einem Plattenladen ein weinendes Mädchen, das mir sagte, dass gestern John Coltrane gestorben sei, das war am 17. Juli 1967.

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