Unterwegs mit Susanne Hochuli Unser Boden, der letzte Dreck?

Susanne Hochuli, 52, war acht Jahre Regierungsrätin im Aargau. Jetzt ist sie oberste Patientenschützerin und lebt mit zwei Flüchtlingsfamilien auf dem eigenen Hof in Reitnau AG. In ihrer Kolumne in der «Schweizer Illustrierten» schreibt sie über die Vernachlässigung der Erde.

Manchmal überlege ich mir, wie das Land in meine Familie gekommen ist. Mit unseren knapp sieben Hektar eigenem Land ist unser Hof laut gängiger Agrarpolitik viel zu klein zum Überleben. Trotzdem: Vor langer Zeit ist meine Familie zu Landbesitzern geworden. Wie dem auch sei: Wir sind privilegiert, wir haben Land, wenig zwar, aber gutes, fruchtbares Ackerland.

Vor 30 Jahren habe ich ein Buch gelesen über die Zerstörung von Landschaft und Umwelt durch die moderne Landwirtschaft. Der Titel des Buches hat mich fasziniert: «Unser Boden, der letzte Dreck?» Als Kind liebte ich es, zu «dräckele». Mit Erde und Wasser machte ich einen Brei, sprang barfuss hinein und kratzte später die getrockneten Dreckspritzer von den nackten Beinen.

Damals wurde mir eingebläut, dass man dem Boden Sorge tragen soll, weil er nicht uns alleine gehört, sondern für die Nachwelt erhalten werden sollte. Unter Nachwelt konnte ich mir zwar nichts Genaues vorstellen. Aber dass der «Dreck», der Erdboden, etwas Kostbares ist, das hat sich festgesetzt.

Das Buch «Unser Boden, der letzte Dreck?» scheint wenig bewirkt zu haben. Heute wird der Boden nach wie vor wie Dreck behandelt. Kaum abgeerntet, vermieten einige Bauern die Flächen an Gemüsebauern, die Salat anbauen und damit den Boden auslaugen, bis er dann im Herbst vom Besitzer wieder in Beschlag genommen und durch seine Bewirtschaftung ausgezehrt wird. Eine Pause scheint der Boden nicht nötig zu haben. Dabei wissen wir, dass in Böden doppelt so viel Kohlenstoff in Form von Humus gespeichert ist, als in der Atmosphäre vorkommt. Humusreiche Böden schlucken Treibhausgase wie durstige Menschen Bier oder Wasser.

Bei unseren Nachbarn kennt man nicht nur die Rolle des Bodens beim Klimaschutz, sondern es wird auch etwas dafür getan: In der Steiermark werden «Humusaufbau-Bauern» mit CO2-Zertifikaten belohnt, die wiederum an verantwortungsvolle Unternehmen verkauft werden, die damit ihre nicht vermeidbaren CO2-Ausstösse kompensieren. Das Geld fliesst in die Taschen der Bauern.

Dank einer Kooperation des Lebensmittelhändlers SPAR mit dem WWF erhalten Humusbauern in ganz Österreich eine Prämie. SPAR hat für die Gemüsesorten aus Humusanbau sogar ein eigenes Label entworfen und bindet damit umweltbewusste Konsumentinnen und Konsumenten an sich. Im Bundesland Brandenburg engagiert sich der Landkreis Havelland im Humusaufbau: Er überlässt als Leihgabe den Bauern Anbaugeräte, die den Boden humusfreundlich beackern.

Man müsste also nur wollen: Landwirte, Umweltorganisationen, die Wirtschaft und die öffentliche Hand können zusammen etwas bewirken! Vielleicht trägt der trockene Sommer nicht nur zum Umdenken etwas bei, sondern auch zum Handeln. Unserer Nachwelt wäre es zu wünschen.

Weitere Beiträge von Susanne Hochuli finden Sie hier.

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