«Senkrecht» mit Natascha Knecht Volkshobby Diät

Natascha Knecht, 48, Journalistin und Alpinistin, Buchautorin und Bloggerin, sinniert über den weit verbreiteten Diät-Wahn in der Gesellschaft.

Jeden Frühling dasselbe: Kaum liegen die ersten Spargeln in den Regalen der Supermärkte, wollen plötzlich sehr viele Leute werden wie eine Spargel. Schlank und rank. Spätestens bis zur Badi-Saison sollen die Winterpölsterchen verschwunden sein. Also starten sie eine Abmagerungskur. Wie schon letztes Jahr. Atkins, Paleo, Intervallfasten, Trennkost, FdH, Zauberdrinks – oder was gerade als modebewusst gilt.

Die meisten Diäthungrigen, die ich kenne, sind erprobte Profis, die jeden Frühling eine neue Methode ausprobieren. Sie könnten mühelos eine Doktorarbeit schreiben über Kalorien, Stoffwechsel, Fettverbrennung und Jo-Jo-Effekt. In ihrem Leben haben sie schon so zahlreiche Studien, Fachmagazine, Bücher und Tricks von Hollywood-Stars gelesen, dass sie einfach alles wissen über die moderne Ernährungslehre – und die dazugehörigen Bereiche wie Biochemie, Anatomie und Fitnessologie.

Abspecken war schon im 19. Jahrhundert ein Thema

Diät halten ist ein beliebtes Volkshobby, das von immer mehr Leuten praktiziert wird. Doch wer hat diesen Kult eigentlich erfunden? Die Weight Watchers? Heidi Klum? Facebook? Nein, auf diese Idee kam ein erfolgreicher Bestattungsunternehmer! William Banting, Engländer, lebte im 19. Jahrhundert. Wie es sich damals für einen wohlhabenden Viktorianer gehörte, war er übergewichtig. Irgendwann wurde ihm sein Bauch dann doch zu gross. Mit seinem Arzt tüftelte er eine Ernährungsstrategie aus und merkte, dass er mit kohlenhydratarmen Mahlzeiten am schnellsten Gewicht verlor.

Innerhalb eines Jahres nahm Banting angeblich 23 Kilo ab. In der Absicht, anderen zu helfen, schrieb er seine emotionale Geschichte nieder und veröffentlichte sie 1863 unter dem Titel «Offener Brief über Korpulenz, an das Gesamte Publikum gerichtet». Die Schrift schlug beim Publikum ein wie der Blitz, wurde sogleich ein Mega-Bestseller und in mehrere Sprachen übersetzt. Es handelte sich um die allererste konkrete Diät-Anleitung der Welt und versetzte die Oberschicht in ganz Europa in ein Diätfieber. Auf die Figur zu achten und auf das tägliche Brot zu verzichten, galt plötzlich als chic.

Was wäre unsere Wirtschaft ohne Diäten?

Kritiker glauben, Banting habe damit Böses bewirkt. Wegen seiner Schrift habe die Stigmatisierung übergewichtiger Menschen begonnen – und der zwanghafte Schönheitswahn, dem heute bereits Kinder nacheifern. Sie wünschen ihm deswegen den Scheiterhaufen. Für die Industrie ist Banting dagegen ein Gott, der rückwirkend heilig erklärt werden müsste. Denn was wäre unsere Wirtschaft ohne Diäten? Was würden die Hersteller von Appetitzüglern, Light-Joghurts und XXS-Grössen tun? Und erst die Ernährungsberater, Personal Trainer, Fastenkliniken, Apotheker und Yoga-Lehrer?

Zwar weiss heute jeder, dass einseitige Ernährung und radikale Abmagerungskuren der Gesundheit schaden. Dass Schönheit von innen kommt. Aber ich sage immer: Jeder soll machen, was ihn glücklich macht. Jedem sein Hobby. Als Bergsteigerin ernähre ich mich auf meinen Touren schliesslich auch nicht gesund. Ich habe beim Klettern schon extrem Hunger und Durst gelitten. Und wenn ich zu Hause bin, geht es auf meinem Menüplan mehr um die Wurst als um die Spargel.

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