Pedro Lenz' «Gschichte vo hie und hütt» Vom Schriiben und vom Läse vo Läser-Kommentär

Pedro Lenz, 52, Schriftsteller und Publizist, sinniert in seiner Mundart-Kolumne für die «Schweizer Illustrierte» über das Schreiben und Lesen von Leserkommentaren.

Mängisch machts eim fasch chli Angscht. Irgendwo uf der Wäut passiert öppis Schlimms, vilecht grad genau jetz. De passiert auso öppis Furchtbars, es Ching wird entfüehrt, es Tier wird misshandlet, es Wohnhuus explodiert oder e Zug entgleist. Und wi immer, wenn öppis Schlimms passiert, cha mes wenig spöter scho ir Zitig läse. Dank der Technik chöme aui Nachrichte blitzartig i jeden Egge vor Wäut.

Mir chöi nis de di schlimme Nachrichten inklusive Büudmateriau bim ne Kafi Crème z Gmüet füehre, zum Bischpüu uf em Handy oder uf em Labtop. Möglecherwiis si mer uf en erscht Blick schockiert oder zmingscht unagnähm berüehrt. Zwar kenne mer d Opfer vo dene schlimme Nachrichte nid. Mir wüsse ou no nid genau, wie dass es zu dene schlimmen Ereignis het chönne cho. Churz gseit, mir hei über d Hingergründ vo däm, wo mer läse, no kei Ahnig. Trotzdäm hets meischtens unger jedere schlimme Nachricht innerhaub vo wenige Minute scho nes paar Läser-Kommentär.

Normalerwiis isch jede Kommentar numen e dummi, arroganti, aggressivi, zynischi oder primitivi Besserwüsserei

Das si meischtens Kommentär, wo wüsse, wär tschuud isch, wo wüsse, wär was fautsch het gmacht, wo wüsse, wi me ds jewiligen Unglück hätt chönne verhindere, wo wüsse, wär di Gueten und wär di Böse si, und wo wüsse, was d Behörde unbedingt und sofort müesste mache. Churz gseit, bevor dass me sech emotionau oder intellektuell uf ne schlimmi Nachricht het chönnen iischtöue, isch si scho dürekommentiert vo irgend so Schlaumeier, wo offesichtlich gäng aues genau wüsse, gäng aues chöi bewärte und gäng zu auem e Meinig i d Wäut usebloose.

Es git Lüt, wo säge, di Kommentärfunktione sige wichtig. Me müess di Kommentär aus Väntiiu verstoh. Und wenn d Mönsche di Möglechkeit nid hätte, zu auem und jedem ihre Sänf derzue z gä, de chiems nid guet use. Es git sogar Lüt, wo säge, di Kommentär sigen e Teil vor öffetleche Debatte und drum ou wichtig für d Demokratie. Ds Komische isch nume, dass me praktisch nie e so nen Online-Kommentar list, wo zu irgend ere Nachricht en erhäuende Biitrag leischtet. Normalerwiis isch jede Kommentar numen e dummi, arroganti, aggressivi, zynischi oder primitivi Besserwüsserei.

Vilecht isch Kommentär läse sogar e Möglechkeit, di schlimme Nachrichte besser z verdränge.

«Muesch jo di Kommentär nid läse!», sägen aube d Fründe, wenn i mi wieder einisch drüber ufrege. Aber wär weiss, vilecht wott i mi jo drüber ufrege. Vilecht isch Kommentär läse sogar e Möglechkeit, di schlimme Nachrichte besser z verdränge. Wenn me nämlech lang gnueg drüber nochedänkt, wi dumm dass di Kommentär ir Regu si, de muess me weniger drüber nochedänke, wi schlimm dass d Nachrichte mängisch si.

Und eso gseh, hets ds Läse vo Kommentär en ähnlechi Würkig wi ds Schriibe vo Kommentär. Der Ungerschied isch nume, dass me sech bim Läse nid öffetlech zum Trottu muess mache.

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