Notabene Chris von Rohr Hunger

Musiker, Produzent und Autor Chris von Rohr, 64, über Welthunger, Glaubenssätze und Essenlust.

In einer Ecke der Gaststube stochert eine spitznasige Mittdreissigerin in der Polenta, leckt ab und zu eine Prise von den Gabelspitzen, legt dann reserviert ihre Serviette auf den gelben Brei und schiebt den noch reich beladenen Teller von sich weg. Weshalb bestellt sie so was, wenn sie nicht essen mag? Reut sie weder Geld noch Essen? Hoffentlich kriegen es wenigstens die Schweine! Ah nein, es ist ja jetzt verboten, Übriggebliebenes aus den Beizen den Säuen zu verfüttern. Da man die Reste zuerst aufkochen musste, um sicher zu gehen, dass sie hygienisch unbedenklich sind für die Tiere, was vom Veterinäramt überwacht wurde, generierte man einen absurden Mehraufwand und schoss am Ziel vorbei. Mit etwas Schwein werden die Reste heute einer Verwertungsanlage zugeführt, die daraus Strom produziert. Aber vermutlich lohnt sich das auch nicht. Nach Afrika ist es zu weit. Afrika – wie viele Mütter haben früher ihre Kinder angehalten, mit dem Essen dankbar und besonnen umzugehen, um die armen «Negerli» (diese Bezeichnung war damals noch nicht unanständig) nicht zu demütigen? So doof war das gar nicht.

Die Umstände des Welthungers sind seit Jahrzehnten unverändert. Der Mensch hat es hingekriegt, auf den Mond zu blochen, hat selbstfahrende Göppel und eigenmächtig spekulierende Geldmaschinen erfunden und kann innert Sekundenbruchteilen eine Nachricht, ein Bild oder einen Song auf die gegenüberliegende Seite der Erde schicken. Aber den Hunger zu stillen oder die Erde zu tränken, das vermag er nicht. Schande über uns! Ich war im Komitee «Stoppt die Lebensmittelspekulationen» und wollte, dass die Zockerei mit dem Brot der Menschen aufhört. Leider ohne Erfolg.

Essen ist etwas Erfüllendes und Tröstliches! Viele Menschen tun es derart hingebungsvoll und pausenlos, dass sie eine Beratung benötigen, wie sie damit aufhören oder sich zumindest etwas beherrschen können. Impulskontrolle heisst dies im psychiatrisch-neurologischen Fachjargon. Wer jedoch nicht daran denkt, sich zusammenzureissen, kann in westlichen Ländern eine Beratung in Anspruch nehmen, wie man seine Körperfülle in Gewänder hüllt, damit sie weniger ins Auge sticht. Und wenn ich dies hier so zensurfrei ausspreche, laufe ich Gefahr, von irgendeiner gebrechlichen, zweifelnden Seele so missinterpretiert zu werden, dass ich mich am Entstehen des Gegenteils – einer freiwilligen Mangelernährung beziehungsweise Magersucht – mitschuldig zu machen drohe. Das Thema ist ein Spaziergang auf einem schmalen Grat. Dennoch sollten wir uns darüber Gedanken machen dürfen und müssen. Über so viel Nahrung zu verfügen, bedeutet, Verantwortung zu tragen. Wir sind mit unserem Konsumverhalten Richter über das Leben zahlloser Kreaturen und Landstriche, über den Zustand der Luft und die Arbeitsbedingungen der Menschen in der Zweiten oder Dritten Welt.

Ich liebe Rituale, sie geben Rhythmus und bereichern das Leben. Zurzeit habe ich den Mittwoch zu meinem nahrungsfreien Tag erklärt. Ich meine, dadurch sensibler, kreativer und dankbarer zu werden. Am Donnerstag feiere ich dafür mein Essen regelrecht ab, und jeder Bissen ist ein Ereignis. Was man sich sonst gedankenlos und selbstverständlich ins Gesicht schiebt und einverleibt, schätze ich gleich viel mehr. Natürlich finde ich es grotesk, dass ein gewaltiger Teil der Weltbevölkerung am Hungern ist, während andere einer bescheuerten Diät folgen.

Mittlerweile stehen hierzulande Kochbücher wie Bibeln herum. Wer sich an einer Portion Pommes frites gütlich tut, muss in manchen Kreisen die Beichte ablegen. Die Auswahl der Glaubensrichtungen ist spektakulär. Vom Veganer (keinerlei Tierprodukte) zum Ovo-Lacto-Vegetarier (keine Tiere) und Flexitarier (ab und zu Fleisch) über Pescetarier (Meeresfrüchte und Fisch), Pollotarier (kein rotes Fleisch, aber Geflügel und Eier) bis zu Frutariern (nur gepflückte Pflanzen) … Schon die Bezeichnungen machen mich sturm. Mich kann man wohl als Rock’n’Rollarier bezeichnen: Ich bekenne mich auch hier zu keiner Religion und geniesse die wunderbare Vielgötterei. Ich esse gesetzbuchabstinent und inszenierungsfrei meist massvoll sämtliche Gaben, die mir die Welt offeriert.

Fazit der Betrachtungen: Das Mindeste, was wir tun können, ist, unser Essen zu geniessen! Zufälle … Wie ich diese Kolumne hier einreiche, stelle ich fest, dass sich meine Kolumnenkollegin letzte Woche ähnliche Gedanken gemacht hat. Das Thema muss wichtig sein. Falls Sie jetzt eine Überdosis davon haben, dann beschweren Sie sich am besten beim Osterhasen.

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