Notabene Chris von Rohr über die Gefahr des Ausbrennens

Musiker, Produzent und Autor Chris von Rohr denkt in seiner neuesten Kolumne über getriebene Menschen nach.

Menschen gibt es wie Sand am Meer. Mehr noch – ich frage mich, wo der Sand überhaupt noch Platz findet. Und alle diese Menschen beschäftigen sich. Und mich beschäftigt manchmal, wie und womit sie sich beschäftigen. Manche wirken so sehr beschäftigt, dass sie ausserstande sind zu bemerken, womit sich ihre Nächsten beschäftigen.

Viele Bademeister hirnen an einem Handyverbot herum. Die Eltern vernachlässigten ihre Aufsichtspflicht, klagen sie. Stattdessen lassen diese sich ihrerseits von virtuell anwesenden Freunden dirigieren. Diese elektronischen Kleinstgeräte und ihre Nutzer scheinen derart über sie zu herrschen, dass es ihnen wichtiger vorkommt, Echtzeit-Bilder des badenden Kindes zu verbreiten, als auf das kleine Schutzbefohlene achtzugeben. Ein Bademeister erzählt sogar, er habe ein Kind vor dem Ertrinken gerettet, ohne dass es die Mutter mitgekriegt habe.

Die einen haben Zeit, um mit den Kindern die Badi zu besuchen, aber sie wissen nichts mit diesem Geschenk anzufangen. Andere jagen der Zeit nach und finden sie doch niemals. Es gibt Menschen mit mehr als einer Leidenschaft. Sind sie am Arbeiten, tun sie es mit Hingabe. Die Familie lieben sie auch über alles. Diese beiden Welten dürften sich nicht konkurrieren und tun es trotzdem unentwegt. Solche Menschen brennen für alles, was sie tun. Gleichgültigkeit ist ihnen fremd. Gerade wer in einem sozialen Beruf tätig ist, kennt das Gefühl kaum, dass es heute auch ohne ihn gegangen wäre. Die Patienten im Spital wären nicht klargekommen ohne die Pflegerin. Die Kinder im Hort wären nicht gewickelt oder gefüttert worden. Und die Schüler hätten auf andere Klassen und Lehrkräfte verteilt werden müssen. Man hätte ihnen ein Arbeitsblatt in die Finger gedrückt, damit sie ihre Schulzeit beschäftigt abgesessen hätten. Die Kollegen ihrerseits hätten nebst ihrer eigenen fordernden Klasse noch ein paar «Verschüpfte» beherbergen und sich spontan und flexibel etwas mit ihnen einfallen lassen müssen. Nicht da sein geht nicht, erzählt mir eine gute Freundin, die Lehrerin ist.

Wer mit Menschen arbeitet, muss es ertragen können, niemals fertig zu sein mit der Arbeit. Auch wenn es längst Zeit wäre, Feierabend zu machen – es ist viel zu tun. Das Gewissen plagt einen, wenn man nicht zu Hause ist, und liegt man endlich im Bett, legen sich die Gedanken an die Dinge, die noch anstehen dazu, und sie halten einen wach. Irgendwann steht man auf und erledigt nachts ein paar Dinge, damit sie einen nicht mehr plagen. Man legt sich dann wieder hin und steht morgens todmüde auf. Am Wochenende will man unbedingt ein paar Traktanden abbauen, damit man es – hoffentlich – in der kommenden Woche etwas ruhiger hat. So gern würde man dann wieder mal einen Spaziergang machen. So wie früher... Aber bei jedem Aufstarten des Computers erscheinen 15 neue Mails, die eine Reaktion erfordern. Also arbeitet man diese schnell durch. Auch die anderen sind froh, wenn sie weiter handeln können, und man kann wieder ein paar Mails deleten... Irgendwann ist man so weit, dass man in den Keller läuft und dort keinen Schimmer mehr hat, was man wollte, da der Kopf bereits die nächste Aufgabe in Bearbeitung hat.

Man traut sich kaum mehr, Tickets für ein Konzert oder einen Kinobesuch zu kaufen, weil man zum fraglichen Termin möglicherweise überlastet oder zu müde sein wird. Man hört andere von Ferienreisen erzählen und wünscht sich selber nichts sehnlicher, als daheimbleiben zu dürfen. Koffer packen, wegrennen und zusammengeknittert im engen, dröhnenden Flieger hocken? Um Gottes willen, nein! Keine Aufregung, einfach in Ruhe mein Zeug erledigen. Mal wieder in den Wald oder einen Bummel durch die Stadt... wie schön wäre das!

Leidenschaft kann Leiden schaffen. Eine Tragödie! Denn wie wäre unsere Welt ohne die Menschen, die sich von innerem Feuer getrieben verausgaben? Würden die erwähnten Flugzeuge überhaupt existieren? Geniale Musik, Bilder und Bücher? Was ist mit Medikamenten und anderen lebensrettenden Einrichtungen?

Der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht. Manche Menschen scheinen von Ehrgeiz getrieben zu werden, andere vom Verlangen nach Diplomen, Boni und Anerkennung. Aber einige gibt es, die haben einfach ein umfassendes Pflichtbewusstsein und ein riesiges Herz, das alles tun will, um zu helfen. Solche Menschen können sich nicht aus der Verantwortung stehlen, ihr Gewissen hindert sie daran. Facebook ist ihnen wurscht. Und genau diese Art Mensch brennt, bis der Brennstoff alle ist.

Im Dossier: Alle Kolumnen von Chris von Rohr

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