Notabene Peter Scholl-Latour Wird die Türkei islamistisch?

Nahost-Experte und Buchautor Peter Scholl-Latour, 89, über die Protestwelle in der Türkei.

Mit dem Arabischen Frühling und dem Sturz verschiedener orientalischer Potentaten lässt sich die Protestwelle, die die grossen Städte der Türkei in Unruhe versetzt, nicht vergleichen. Dafür sitzt der zunehmend autokratische Regierungschef Recep Erdogan viel zu fest im Sattel. Er ist immerhin von 50 Prozent der türkischen Bevölkerung gewählt worden und verfügt bei den ländlichen Massen Anatoliens, die der schleichenden Re-Islamisierung der Türkei positiv gegenüberstehen, über breiten Anhang.

Dazu kommt der sensationelle wirtschaftliche Aufschwung, den das Land unter der Ägide der auf Erdogan ausgerichteten Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) seit ihrem Machtantritt vor zehn Jahren erfasst hat. Erdogan, die Kämpfernatur, wird sich durch die Freiheitsforderungen einer säkular ausgerichteten Mittelschicht nicht ohne Weiteres in die Schranken weisen lassen. Doch die Tatsache, dass die Revolte in Istanbul und Ankara überwiegend von Jugendlichen getragen wird, dürfte seiner Selbstherrlichkeit einen herben Schlag versetzt haben.

Das weltweite Prestige von Premier Erdogan ist undwiderruflich beschädigt

Vor allem das weltweite Prestige von Erdogan ist unwiderruflich beschädigt. Hatten die üblichen Illusionisten in Amerika und Europa bereits gehofft, der türkische Ministerpräsident verkörpere endlich eine gemässigte, auf ethnischen und konfessionellen Ausgleich bedachte Form islamischer Modernität - nun werden sie eines Besseren belehrt. Der deutsche Aussenminister Guido Westerwelle faselt zwar weiterhin von einer Europäisierung der Türkei im Geiste von Toleranz und Liberalismus, doch wird er sich auf eine neue Tonart einstellen müssen.

Noch war in Ankara nicht die Rede von der Wiedereinführung der koranischen Gesetzgebung, der Scharia. Aber das System ist hinsichtlich Frauenemanzipation und Alkoholgenuss zunehmend restriktiv geworden. Die Vorstellung, die Türkei könne eine Brücke schlagen zwischen westlicher Freiheit und den Zwängen islamischer Gesellschaftsformen, entbehrte von Anfang an jeglicher Realität.

Das Eingreifen Ankaras im syrischen Bürgerkrieg gegen das Regime von Baschar al-Assad und die Öffnung der Südgrenze für die Belieferung der Aufständischen mit Waffen aus Saudi-Arabien ist bei der breiten türkischen Öffentlichkeit auf wachsenden Unmut gestossen.

Erdogans grenzenloser Ehrgeiz, so wird gemunkelt, versuche an der imperialen Tradition des Osmanischen Reiches anzuknüpfen. Und er spiele mit dem Gedanken, das Kalifat von Istanbul wieder aufleben zu lassen. Diese Ambitionen sind durch den Aufruhr Hunderttausender Untertanen endgültig durchkreuzt worden. Die Anhänger der AKP sollten sich bewusst sein, dass ein grosser Teil der türkischen Städter sich zu jenem westlichen Lebensstil bekennt, den Atatürk seinem Volk mit eiserner Faust auferlegt hatte.

Es geht nicht nur um Alkohol und Schleier. Die Massenkundgebungen haben auch den mindestens fünfzehn Millionen Kurden der Türkei vor Augen geführt, dass ihr endloser Kampf für ein selbstständiges Kurdistan nicht in wilden Felsschluchten mit der Kalaschnikow ausgefochten werden muss. Der Waffenstillstand zwischen Erdogan und dem inhaftierten Kurden-Kommandeur Abdullah Öcalan steht auf wackligen Füssen. Hat sich doch im Nord-Irak bereits ein de facto souveräner Kurdenstaat herausgebildet. Der Zeitpunkt ist abzusehen, an dem die Kurden Anatoliens auf politische Selbstbestimmung und Unabhängigkeit pochen.

Mit seinem Auftreten als sunnitischer Sultan hat Erdogan zusätzlich die Glaubensgemeinschaft der Alawiten herausgefordert. Auch hier handelt es sich um einen beachtlichen Block von etwa fünfzehn Millionen Sektierern, die den Propheten Ali wie einen Gott verehren. Heute zeigen sie ganz offen ihre Sympathie für jene arabischen Alawiten, deren Geheimlehren ihren religiösen Vorstellungen verwandt sind und die bis auf den heutigen Tag die wirkliche Machtstütze für die Diktatur Baschar al-Assads in Damaskus bilden.

Selbst wenn Erdogan, wie zu erwarten ist, seine Machtposition in Ankara behaupten kann, so ist seine kühne Vorstellung, er könnte den ganzen Orient auf seine islamischen Richtlinien ausrichten, in sich zusammengebrochen.

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