«Senkrecht» mit Natascha Knecht

Zuverlässig unzuverlässig

Natascha Knecht, 48, Journalistin und Alpinistin, Buchautorin und Bloggerin, sinniert über die Nachteile des neunen WhatsApp-Zeitalters und trauert der Verbindlichkeit nach.

© Geri Born

Natascha Knecht, 48, Journalistin und Alpinistin, Buchautorin und Bloggerin.

Erinnern Sie sich an die Zeit, als es noch keine Smartphones gab? Wie umständlich es war, mit Freunden in Kontakt zu bleiben? Uns stand die analoge Briefpost zur Verfügung. Oder das schnurgebundene Festnetztelefon. Wenn wir die Nummer mit der Drehscheibe wählten, konnten wir nur hoffen, dass die gewünschte Person am anderen Ende der Leitung abnimmt. Erwarteten wir einen Anruf, mussten wir in der Nähe des Apparats bleiben.

Oft war es nötig, dieses Ritual mehrmals zu wiederholen, bis es klappte. Abends nach 20 Uhr anzurufen, galt als unhöflich, ebenso sonntags. Hatten wir ein Treffen vereinbart, galt das als beschlossen und besiegelt. Kurzfristiges Verschieben oder Absagen war viel zu kompliziert. Pünktlichkeit betrachteten wir als Ehrensache.

Heute sagen wir dazu: haha. Das Smartphone gibt uns Freiheit und Spielraum. Es erlaubt uns, schnell, unkompliziert und über mehrere Kanäle zu kommunizieren. Aber nicht nur das: Dank diesen kleinen multifunktionalen Geräten können wir jederzeit mit unseren Freunden in Verbindung treten – ohne verbindlich zu werden.

Gestern traf ich meinen ehemaligen Arbeitskollegen Märk. Er hatte mir Anfang Jahr per E-Mail «Es guets Nöis» gewünscht und gefragt, ob wir «zeitnah zum Mittagessen abmachen». Klar! «Wann ginge dir?», fragte ich per E-Mail zurück. «Muss noch schauen. Melde mich», antwortete er.

Eine Woche später schlug er vor: «Nächsten Montag?» Ich schaute in meine Agenda und sah, dass ich da provisorisch mit meiner lieben Freundin Iris abgemacht hatte. In ihrer letzten SMS-Nachricht schrieb sie: «Geht mir ziemlich sicher, aber ich kann es erst am Freitag definitiv sagen.» Also antwortete ich Märk: «Montag geht mir nur vielleicht. Wie sieht es bei dir am Dienstag aus?»

So ging der E-Mail-Verkehr zwischen Märk und mir hin und her, schier endlos. Es dauerte Tage bis wir Datum, Ort und Zeit definiert hatten. Ich trug den Termin bei mir ein – und gestern früh erinnerte mich mein Smartphone zuverlässig daran: Märk, Mittagessen, 12 Uhr.

Kurz darauf folgte von Märk ein WhatsApp: «Können wir eine halbe Stunde nach hinten verschieben?» Ich antwortete modern: mit dem Daumen-hoch-Emoji. Pünktlich um 12.30 Uhr sass ich in der Beiz – wie bestellt und nicht abgeholt. Von Märk keine Spur. Stattdessen kam eine weitere Nachricht: «Bin 10 Minuten zu spät, sorry.» Es wurde 12.50 Uhr bis Märk auftauchte, mit fröhlichem Gesicht und ohne schlechtes Gewissen. Wozu auch? Zuverlässig unzuverlässig ist das neue Normal.

Eine Person ungeniert warten zu lassen – das kam früher nur beim Arzt vor, allenfalls noch beim Coiffeur. Nicht aber im Arbeitsleben, nicht im Privaten und schon gar nicht unter Freunden. Nun leben wir jedoch im Goldenen Zeitalter des Smartphones. Fix ist nix mehr. Jetzt läuft alles flex – sprich flexibel. WhatsApp sei Dank! Freundschaften zu pflegen scheint mir mitunter umständlicher als anno dazumal im Vor-Smartphone-Zeitalter.

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Natascha Knecht am 5. Februar 2018, 15.49 Uhr