Serie: Der Krampf ums Kin­der­krie­gen - Teil 4 Der unerfüllte Kinderwunsch

Kinderkriegen! Wenns bei der natürlichsten Sache der Welt nicht von alleine klappt: In unserer Serie erzählen vier Familien von Sehnsucht, Verzweiflung und Liebe. Was, wenn auch die künstliche Befruchtung nichts bringt? Stephie, 35, und Jens Schäfer, 44, aus Luzern haben nach zehn Jahren und unzähligen Versuchen aufgegeben – und ihren Frieden damit gemacht.  
Der Krampf ums Kinderkriegen Stephie und Jens Schaefer
© Sonja Ruckstuhl

Dreisamkeit: Stephanie, 35, und Jens Schäfer, 44, in ihrer Dachwohnung in Luzern. Mops Schröder liebt die Kamera.

Wer weiss, wofür es gut ist. Dieses Mantra war für Stephie Schäfer, 35, und ihren Mann Jens, 44, wie ein Seil, an dem sie sich aus den Schluchten des Lebens hochangeln konnten – in all den Jahren, als der Schwangerschaftstest «verdammt noch mal» wieder negativ war, wie sie sagen.

Die beiden verlieben sich am Festival Rock am Ring in der deutschen Eifel. Auf der Bühne donnert die Bloodhound Gang, im Zelt daneben lassen es die zwei krachen. Drei Monate später hat Stephie ein akutes Nierenversagen. Im Zuge der Erkrankung setzt sie die Pille ab und merkt mit der Zeit: «Ich bekomme ja gar keine Periode.»

Die Gynäkologin nennt als Grund eine hormonelle Störung. «Wenn Sie Kinder wollen, dann verlieren Sie keine Zeit, auf natürliche Art wird es nicht klappen!» Stephie und Jens, damals 25 und 34, wollen Kinder, egal, auf welchem Weg. «Weil wir uns so fest lieben.»

Adoptiert doch einfach ein Kind

Bald beginnt Stephie mit der Hormonbehandlung; sie nimmt drei Kleidergrössen zu. «Sind sie schwanger?», fragen die Leute auf der Arbeit – Stephie sitzt am Empfang einer Arztpraxis. «Ich wärs so gerne!», schreit sie innerlich, aber sagt stattdessen: «Nein, ich bin nur dick.» Die Hormone machen sie unberechenbar. «Wenn etwas nicht so lief, wie ich wollte, drehte ich durch.» Für Jens ist es «die Hölle» zu sehen, wie die Medikamente Stephie verändern. «Ich hatte plötzlich eine andere Frau.» Er versucht, sie abzulenken, und sei es nur mit einem blöden Spruch. Er stürzt sich in seine Arbeit als Immobilienberater. Nicht ohne nach innen ein wenig zu weinen.

Nach mehreren erfolglosen Versuchen wechselt das Paar in eine Privatklinik in Österreich, die einen hervorragenden Ruf geniesst. Dort kostet eine einzige Behandlung fast 20 000 Franken – in der Schweiz haben die Schäfers etwa einen Viertel davon bezahlt. «Wir sind keine Millionäre», sagt Jens, «aber wir haben auf vieles verzichtet: teure Möbel, Ferien, Wohneigentum.»

Der Krampf ums Kinderkriegen Stephie und Jens Schaefer
© Sonja Ruckstuhl

Hoffnungsvoll: Stephanie und Jens Schäfer schreiten in eine Zukunft ohne Kinder.

Die Behandlung in Österreich zeigt Erfolg: Stephie ist schwanger! Nur – das Glück währt nicht lange. In der neunten Woche hat sie eine Fehlgeburt. «Krass, wie ich das einfach weggesteckt habe», sagt sie rückblickend. «Aber ich dachte nur: Irgendwann, irgendwann wird es klappen.»

Die Schäfers entscheiden, in der Schweiz weiterzumachen. Die nächsten Jahre leben sie im «Standby-Modus». Einen Flug in die USA buchen? Aber es könnte sein, dass Stephie schon morgen schwanger ist! Aus dem Umfeld kommen Ratschläge: «Entspannt euch, fahrt in die Ferien» oder «Adoptiert doch ein Kind» – Sätze, die nicht böse gemeint sind, aber dennoch verletzen. Über eine Adoption diskutiert das Paar, aber da ist Jens schon über 40. «Wir hätten kein Baby mehr gekriegt», sagt er.

Geblieben ist unsere Liebe

Dann naht der Sommer 2017. Jens und Stephie reisen erstmals wieder von Festival zu Festival. Die Musik und der Spass helfen, den Schmerz zu verarbeiten. Als die Tage kürzer werden, sagt Stephie: «Ich will das nicht mehr!» Und Jens antwortet: «Gott sei Dank, ich auch nicht!»

Als sie den Kinderwunsch loslassen, fällt eine riesige Last von ihnen ab. «Das Wichtigste ist uns geblieben», sagt Stephie, «unsere Liebe.» Die Schäfers haben während der letzten zehn Jahre alles gemeinsam getragen, haben zusammengehalten im rauen Wellengang zwischen Hoffen und Bangen, Gewinnen und Loslassen. «Ich habe akzeptiert, dass wichtige Dinge manchmal nicht klappen im Leben», sagt Stephie, «wer weiss, wofür es gut ist.»

Die ganze Serie «Der Krampf ums Kinderkriegen» finden Sie hier im Dossier.

Auch interessant