Lohnprozente von Arbeitgebern und -nehmern Adecco-Chef Alain Dehaze fordert eine 4. Säule für Weiterbildung

Als CEO der Adecco-Gruppe ist Alain Dehaze Chef über 33 000 Mitarbeiter. Der weltweit grösste Personaldienstleister vermittelt Jobs immer häufiger vollautomatisch per Computer. Jetzt fordert Dehaze eine 4. Säule für Weiterbildung.
Alain Dehaze
© Geri Born

Der Belgier Alain Dehaze kann sich vorstellen, Schweizer zu werden.

Die Wirtschaft brummt, die Arbeitslosigkeit ist tief. Alain Dehaze, goldene Zeiten für Adecco?
Alain Dehaze (lacht): Goldene Zeiten haben wir seit mehr als fünfzig Jahren! Im Ernst: Es stimmt, weltweit sehen wir zurzeit eine breit abgestützte Konjunktur. Und gerade in Frankreich, Spanien und Italien wächst die Wirtschaft beachtlich.

Also alles in Butter?
Die Digitalisierung schafft grosse Chancen für uns, die wir gerne nutzen möchten.

Aber auch Risiken.
Wir sehen im Wandel vornehmlich Chancen für die Gruppe. Zum Beispiel mit unseren Plattformen Adia und Vettery, mit denen wir auf rein digitalem Weg Stellen vermitteln. Dabei arbeiten wir mit künstlicher Intelligenz. Sie bringen Stellensuchende und Unternehmen direkt zusammen.

Das persönliche Vorstellungsgespräch zählt nichts mehr?
Unsere Computer sind inzwischen eine hervorragende Ergänzung zum Bauchgefühl. Wenn wir Programmierer suchen, können wir vollautomatisch sehr genau feststellen, was ein Bewerber wirklich kann. Sozialkompetenz erkennt man immer noch besser im persönlichen Gespräch.

Und wenn Sie einen Programmierer brauchen, der kreative Lösungen findet?
Die Software kann inzwischen auch Kreativität messen. 

Bald brauchen Sie bei Adecco gar keine Mitarbeiter mehr, wenn alles vollautomatisch läuft.
Im Gegenteil. Die Digitalisierung ermöglicht uns, effizienter zu agieren, bessere Services für unsere Kunden und Kandidaten zu liefern und neue Dienstleistungen anzubieten. Der Mensch bleibt dabei im Mittelpunkt. Die Technologie steht im Dienst der Menschen und nicht umgekehrt. Generell nehmen wir die USA als Beispiel: Um 1900 arbeiteten dort 40 Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft. Heute sind es noch 2 Prozent. Trotzdem gibt es in den USA so wenig Arbeitslose wie noch nie. Weil immer wieder neue Jobs entstanden sind!

Aber nehmen wir hier meinen Kollegen Werner De Schepper, Co-Chefredaktor der Schweizer Illustrierten, 52 Jahre alt. Hat er noch eine Chance in ein paar Jahren?
(Lacht und blickt zu De Schepper.) Ja, sicher! Im Ernst: Weil wir immer älter werden, müssen wir länger im Arbeitsleben bleiben. Die grosse Herausforderung ist aber tatsächlich, älteren Arbeitnehmern zu helfen, sich die notwendigen digitalen Kompetenzen anzueignen.

Sie würden mir als mittelalterlichem Herrn also raten, für sechs Monate programmieren zu lernen.
Drei Monate Kurs bei unserer Tochterfirma General Assembly reichen vielleicht schon.

Wer soll das bezahlen? Ich habe bald drei Kinder, die machen viel Freude, aber kosten auch …
Eine gute Frage! Klar ist: Das alte Modell funktioniert nicht mehr, bei dem wir zuerst 25 Jahre lang lernten und dann 40 Jahre lang arbeiteten. Heute müssen wir beides tun: permanent lernen und arbeiten. Deshalb sage ich: Wir brauchen einen neuen Sozialvertrag für Weiterbildung.

Was meinen Sie damit?
Wir müssen ein neues System entwickeln. Dieses regelt, wer wie viel an die regelmässige Weiterbildung bezahlt: Arbeitnehmer, Arbeitgeber und Staat.

Was wäre fair?
Wir sollten uns an der heutigen Altersvorsorge mit ihren drei Pfeilern AHV, Pensionskasse und 3. Säule orientieren. Mein Vorschlag ist: Arbeitgeber und Arbeitnehmer zahlen permanent Lohnprozente auf ein Weiterbildungskonto ein – dazu kommt die Möglichkeit einer steuervergünstigten privaten Einlage. Wichtig dabei: Der Arbeitnehmer muss das angesparte Kapital mitnehmen können, wenn er die Firma wechselt. Wie ja bei der Pensionskasse heute schon. So schaffen wir eine 4. Säule für Weiterbildung.

Hatten Sie dafür bereits Kontakte mit der Schweizer Politik?
Bisher führen wir diese Diskussion auf internationaler Ebene. Wir sind sehr offen für eine Zusammenarbeit mit der Politik in dieser Frage.

Auch der Vaterschaftsurlaub ist ein grosses Thema in der Schweizer Politik – müssen wir ausbauen?
Ich denke schon. Ich war bei Adecco einige Jahre für die skandinavischen Länder zuständig. Dort gibt es ein hervorragendes Modell: Vater und Mutter können selbst entscheiden, wie sie die Elternzeit von bis zu einem Jahr untereinander aufteilen.

Haben Sie selbst auch Kinder?
Vier!

Haben Sie immer voll gearbeitet?
Mehr als voll! Wegen meinem Beruf sind wir oft umgezogen: Belgien, Frankreich, Deutschland, Schweiz. Glücklicherweise hat mich meine Frau dabei immer sehr unterstützt und unsere vier Kinder gemanagt. Als der jüngste Sohn 15 Jahre alt war, hat sie sich entschieden, nochmals ein Studium zu machen – als Landschaftsarchitektin. Auch das ist lebenslanges Lernen.

Wie bilden Sie selbst sich weiter, um mit der Digitalisierung Schritt halten zu können?
Glücklicherweise habe ich Wirtschaftsingenieur studiert – und schon vor 30 Jahren Algorithmen entwickelt. Und ich habe auch schon Technologie-Teams geleitet. Das hilft mir heute.

Was haben Sie Ihren vier Kindern geraten, um fit zu werden für den Arbeitsmarkt?
Ich habe ihnen immer empfohlen, in den Schulferien zu arbeiten. Damit haben sie schon im Alter von 15 Jahren begonnen. 

Wie sind Sie selbst ins Berufsleben eingestiegen?
Meine Mutter führte in Belgien einen eigenen Papeterie- und Presseladen. Dort habe ich mit zehn begonnen zu helfen. Und später habe ich alles gemacht: geputzt, gekellnert, die Buchhaltung einer Kinderkrippe geführt. So wusste ich früh, wie hart man arbeiten muss, um Geld zu verdienen.

Sie sind Belgier, haben eine internationale Karriere gemacht. Jetzt bremst die Schweiz die Zuwanderung. Können Sie das verstehen? 
Für die Schweizer Unternehmen ist es wichtig, die richtigen Talente im Haus zu haben – und hier ist die Schweiz zum Glück als Standort sehr attraktiv.

Trotz Ja zur Masseneinwanderungsinitiative?
Mit diesem Entscheid ist es sicher schwieriger geworden, die besten Talente weltweit in die Schweiz zu holen.

Es gibt zu wenig gute Schweizer?
Es gibt sehr viele gute Schweizerinnen und Schweizer. Aber manchmal brauchen Sie einfach einen Experten, den Sie in der Schweiz nicht finden. Und als internationales Unternehmen müssen wir die Möglichkeit haben, unsere Mitarbeiter für ein paar Jahre in die Zentrale zu holen.

Verstehen Sie die Sorgen der Schweizer, wenn jedes Jahr 60 000 bis 80 000 Personen einwandern?
Ich verstehe, dass die Schweizer die Zuwanderung regulieren wollen. Aber mit der jetzigen tiefen Arbeitslosigkeit ist es auch wichtig, genügend Fachkräfte finden zu können. Im Bau, Gesundheitswesen oder der Informatik und Forschung ist das sehr schwierig. Deshalb sollten Drittstaatenkontingente aufgehoben werden.

Da kommen wir auch wieder zum Thema Weiterbildung!
Genau. Aber es geht auch um Kinderbetreuung, Kitas und so fort.

Wollen Sie wieder nach Belgien zurückgehen, dort hat es das ja alles?
Ich und meine Familie würden gerne in der Schweiz bleiben.

Warum?
Wir fühlen uns hier sehr wohl. Ich finde auch die direkte Demokratie sehr wertvoll und darüber hinaus die Stabilität, Qualität und Zuverlässigkeit.

Haben Sie schon den Schweizer Pass?
Dazu muss ich erst zehn Jahre hier wohnhaft sein. Aber wir werden sehen.

Neben Ihnen sitzt der neue Schweizer «CEO for One Month». Was ist das Ziel dieses Programms?
Wir wollen der jungen Generation die Möglichkeit geben, Erfahrung zu sammeln. Das erhöht ihre Jobchancen. Denn mangelnde Praxiserfahrung ist oft der grösste Hemmschuh für junge Leute zu Beginn ihrer Karriere. Für uns ist es sehr interessant, diese Jungen an unserer Seite zu haben. Sie sagen uns, wie sie unser Unternehmen sehen, und haben einen unverstellten Blick auf die Dinge. Die mehr als 200 000 Bewerber in 47 Ländern in diesem Jahr zeigen den Stellenwert dieser Initiative für junge Leute.

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