Die Flösser vom Ägerital Auf einer Insel aus Holz treiben sie auf dem eiskalten See

Wenn Wälder Wellen schlagen. Seit Jahrhunderten treibt man im Ägerital das Holz als Floss über den See. Die letzte schwimmende Tradition dieser Art in ganz Mitteleuropa.

Da treibt der halbe Wald im Wasser. Samstag, 5. März, 8.50 Uhr. Es schneit, es ist kalt, viereinhalb Grad hat der See. Fjordfeeling. Trotzdem gehts heiss zu und her. Die vier Forstarbeiter feiern, prosten, paffen. Die Männer schwimmen buchstäblich auf ihrer Arbeit, einer Insel aus Holz: Da hocken sie auf zusammengebundenen, auf dem Wasser treibenden Bäumen. Über 200 Stämme - das Holz haben sie in den letzten Monaten geschlagen.

Eine feucht-fröhliche Sache; fröhlich, obwohl ziemlich feucht. Es spritzt, wogt, plätschert und gluckst. Nur nicht reinfallen. Die Baum-Mannschaft hat in einer Eisenwanne Feuer gemacht, ein Kochchessi darübergehängt, darin siedet Kaffeewasser. Die Schwimmweste als Sitzkissen wärmt den Hintern, Schnäpse den Bauch, Stumpen das Gemüt, und das Foto eines Postergirls im Tornister eines Forstarbeiters befeuert gleich alle Sinne miteinander.

Dann fährt er los, der grösste Stammtisch der Schweiz - ein Floss. 130 Meter lang, 50 Meter breit, 600 Tonnen schwer. Ahoi für die Flösser vom Ägerisee.

Seit Jahrhunderten treiben die Menschen hier das Holz über den See. Flösserei gibts nur noch in Skandinavien - und im Kanton Zug. Die Flösser im Ägerital sind die letzten in ganz Mitteleuropa. Der Grund, warum sie das noch immer tun, heisst Bergwald.

Am südlichen Ufer des Sees, an einem stotzigen, 400 Meter hohen, schwer zugänglichen Hang, steht der Bergwald. Er gehört Unterägeri und Oberägeri. Der Bergwald sei ein «wüchsiger Wald» heissts. Gutes Holz, aber schwer zu erreichen, noch schwerer zu fällen und schier unmöglich abzutransportieren. Lediglich ein drei Spaziergänger breites Naturweglein schlängelt sich dem Ufer entlang. Wer hier versucht, Stämme mit einem Lastwagen wegzubringen (Heli und Seilbahn sind zu teuer oder zu kompliziert), ist auf dem Holzweg. Bleibt einzig der Weg übers Wasser.

9.10 Uhr. Das Floss nimmt Fahrt auf. Zwei Fischerboote mit Motor stossen den Koloss mit Tempo 2 km/h vorwärts. Erstaunlich, wie allein zwei Boote 600 Tonnen Holz präzise zu steuern vermögen. Dafür ist das Zugerland ja bekannt - Steuerparadies.

Der Zielhafen Unterägeri, keine drei Kilometer entfernt, ist nicht in Sicht, zu dicht ist das Schneetreiben. Die vier Forstarbeiter auf dem Floss giessen sich Kaffee nach. Und anderes. Sie frönen dem lustigen Bordleben (um das Floss kümmern sich jetzt andere). Heute sind sie Ehrenfahrgäste, dürfen ausruhen, feiern, ausnahmsweise mal auf den Putz hauen. Alkohol ist im Alltag der Forstarbeiter sonst absolut tabu, dazu ist die Arbeit im Wald viel zu gefährlich. Im Bergwald sowieso. Das haben die Männer in den letzten Wochen zur Genüge erfahren.

Kurz nach Neujahr. Der Motorsägenlärm hallt vom Bergwald her durchs ganze Ägerital. 200 Bäume müssen gefällt werden. Grosse, alte Bäume, manche 50 Meter hoch und 100 Jahre alt, die dem Nachwuchs Licht und Saft wegnehmen. Die Forstarbeiter stiefeln im Steilhang herum, weit unten glänzt der Seespiegel. Der Waldboden ist nass, schlammig und glitschig. Wer ausrutscht, schlittert den halben Hang runter. «Liegt Schnee, müssen meine Männer sogar Steigeisen anziehen», sagt Roman Merz. Er ist der Forstverwalter von Unterägeri, 29-jährig und von bulliger Statur, Merz trägt Kappe, Vollbart und die ganze Verantwortung hier. Damals, als er die Försterschule in Graubünden besuchte, hätten ihn die Kollegen aus den Bergkantonen oft aufgezogen: Was, aus dem Kanton Zug bist du, das ist ja langweiligstes Flachland. «Die müssten jetzt mal sehen, in was für Gelände wir hier Holz schlagen.»

Ein «Aaaachtung!» hallt durch den Wald. Kantig knochiges Knacken, dann anschwellendes Ächzen - schon kippt eine Rottanne bergwärts um. Bis hierhin war das normale Forstarbeit, ab jetzt beginnt der speziellere Teil, der aus den Forstarbeitern Flösser macht. Den Baum sichert man mit Seilzug und Stahlseil (er soll noch nicht ins Tal schlittern), die Äste kommen weg. Das untere, dicke Ende des Stamms wird mit der Motorsäge halbrund zugeschnitten - erst dann lässt man den Baum los. Mit bis zu 100 km/h rasen die Trämel ins Tal. Reisten heisst das in der Fachsprache. Die Arbeiter gehen in Deckung, das vibrierende Ende eines Stamms kann wie eine Peitsche ausschlagen. Dank dem abgerundeten Stumpf bleibt der abgleitende Stamm nicht im Boden hängen, er rast Richtung See, schiesst mit einer Fontäne ins Wasser, taucht unter. Bleibt unten. So lange?

Nicht jedes Holz schwimmt. Nadelhölzer wie Rot- und Weisstanne treiben gut auf dem Wasser, einige Laubbäume hingegen, etwa Ulme, Esche oder Ahorn, sinken ab, weil sie sich mit Wasser vollsaugen. Und Buchenholz schliesslich versinkt sofort.

Endlich, nach überraschend langer Wartezeit (gefühlte zehn Sekunden), taucht unser Baum auf, ploppt in seiner ganzen Länge an die Oberfläche, wie ein U-Boot. Und jetzt, erst jetzt, juchzen oben im Wald die Arbeiter. Sie warten jeweils, bis der Stamm auch wirklich wieder auftaucht. Während der zwei Monate Reisten gehen fünf Bäume verloren, Buchen, die schwimmen nicht, sie liegen auf dem Seegrund.

10 Uhr. Die Hälfte des Seewegs ist geschafft, Unterägeri kommt in Sicht. Die vier lustigen Passagiere, die Forstarbeiter, legen Holzscheite nach, brauen frischen Kaffee, lassen Schnaps-Guttere kreisen, schenken sich gegenseitig nach. Stammt Flössen eigentlich vom Wort einflössen?

Wie die Stäbchen eines Mikadospiels treiben die Stämme im See

Die zwei Fischerboote stossen die Holzinsel weiter voran, stoisch, stetig, 2 km/h. Das Floss besteht aus einem riesigen, dreieckigen Rahmen aus zusammengebundenen Stämmen (mit dem Grundriss eines Schiffs), darin schwimmen die restlichen 200 Trämel mit.

Ein drittes Boot, eine Nussschale (der metallene Rumpf hat Dellen und Schrammen von den Stämmen), umkreist das Floss. Im Boot sitzt Kari Henggeler, 56, gewitztes Wesen, keckes Schnäuzchen, seine Nase ähnelt der Spitze seines Flösserhakens. Henggeler begleitet und kontrolliert das Floss. Er ist der Förster von Oberägeri. Am schlimmsten wäre, sagt Kari, wenn Wind aufkäme. «Die kleinste Brise kann das Floss aufschaukeln, abtreiben und im schlimmsten Falle auseinanderreissen.» Der Förster stachelt und stochert mit dem lanzenähnlichen Flösserhaken und einer Art Spitzhacke namens Zapin am Flossholz herum. Schaut, dass die Verbindungen halten, kein Drahtseil reisst, keine Guntelkette klemmt, kein Bundhaken rausgerissen wird.

Das Floss - ist Karis Floss. Er ist der erfahrenste Flossbauer im Ägerital. Das hier ist sein achtes. Jede Generation übergibt das Flossbau-Wissen mündlich an die nächste. Karis «Lehrling» ist sein Kollege Merz aus Unterägeri. Die zwei Förster bauen dieses Floss heuer gemeinsam.

Mit Karis Nussschale sammeln die beiden die Trämel im See ein. Eiserne Bundhaken (eine Art riesige Bostitchklammern) werden in die Stämme gehauen, Taue daran festgebunden. So wird Baum um Baum abgeschleppt, in eine windstille Bucht geschifft, wo der riesige, dreieckige Rahmen aus Stämmen vertäut liegt. Das Floss wird mit Drahtseil verspannt, kompakt zusammengezurrt - und so seetüchtig gemacht.

Die beiden Förster balancieren auf den Stämmen, hüpfen von einem zum nächsten. «Wenn man weiss, wie, ist das so sicher wie auf dem Trottoir», meint Kari. Je gerader gewachsen der Baum, umso eher dreht er sich um die eigene Achse und wirft den Flösser ab. Auf krummen Stämmen marschiert es sich drum sicherer.

Einmal erst. Einmal in all den Jahren ist Kari beim Flossbau ins Wasser gestürzt, «das ist so kalt, da bist du gleitig wieder draussen». Wobei … Kari stutzt, überlegt und sagt dann, nein, eigentlich sei er zweimal reingefallen. Das erste Mal im Alter von vier. Damals habe er mit dem Vater den Flossbauern zugeschaut. Daheim hat dann Klein Kari im Brunnentrog mit Haselstecken und Schnur das Flössen nachgespielt. Und ist vor lauter Eifer in den Trog geplumpst.

11.15 Uhr. Einlauf in Unterägeri. Das halbe Dorf steht am Ufer und schaut zu, wie die Flösser die riesige Holzinsel vertäuen.

Ab Montag wird man die Stämme dann ein paar hundert Meter den Fluss Lorze hinabtreiben, wo ein Forstkranschlepper die tönnigen Stücke herauskrallt. Die Stämme werden zugeschnitten und klassifiziert, man rechnet mit 40 LKW-Fuhren Holz. 80 Prozent wird als Bauholz verkauft, der Rest ist Energieholz. Das Flössen mag wohl Tradition sein, doch die Förster betonen, es sei trotz allem auch immer noch ein Geschäft.

Das Holz ist geflösst, das Floss am Ziel, alles ist gut gegangen, windstill bis zum Schluss. Keiner ging über Bord, keiner der vier Flossfahrer hat beim Festen überbordet. Erst in vier Jahren wird man das nächste Floss auf dem Ägerisee bauen.

Die Förster Kari und Roman atmen auf, wochenlange Anspannung weicht, sie sind erleichtert, froh, stolz auch und nun richtig aufgekratzt. Oder wie Kari es sagt: «Jetzt könnt ich glatt Bäume ausreissen.»

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