Chläus Anderegg aus Urnäsch Mit 14 allein auf der Alp

Jeden Tag nach der Schule fährt Chläus Anderegg mit dem Töffli auf die Alp Chliwald ob Urnäsch AR. Hier hirtet und melkt er ganz alleine elf Kühe. Die Geschichte eines kleinen Älplers, der Grosses leistet.

Der Name der Alp - als wär er eigens für den Bub erdacht worden: Chliwald. Auf 1259 Metern Höhe, oberhalb von Urnäsch AR, umkränzt von Weiden und Tannengruppen, beschützt vom Alpsteinmassiv, beherrscht vom Säntis, stehen ein Stall, ein Miststock und eine Alphütte. Das ist die Alp Chliwald, die Alp von Chläus Anderegg.

Im März ist er 14 Jahre alt geworden, Bauernsohn, Schüler und grosser Schwing-Fan, «selber aber leider zu klein für diesen Sport», konstatiert er mit der gleichen sachlichen Art des Bedauerns, wie Bauern über eine kranke Kuh sprechen. Chläus ist 1.40 Meter gross, auf dem Töffli erreicht er mit den blutten Zehenspitzen (in und um Urnäsch geht die Jugend barfuss) gerade so den Boden, und in seiner Schule, der zweiten Oberstufenklasse Urnäsch, ist der Bub einer der kleinsten. Leistet aber Grossartiges.

Von Ende Mai bis Anfang September bewirtschaftet er die Alp Chliwald; wohnt, hirtet und bauert hier, sorgt für 11 Kühe, 9 Rinder, 7 Kälber, 1 Hund namens Bläss und 1 graues «Pony» - Chläus’ altes 50-Kubik-Töffli. Auf dem Benzintank klebt ein Abziehbild in Herzform, darauf stiert einem eine Kuh entgegen.

In der Schweiz gibt es 7000 Alpbetriebe, auf denen 800'000 Tiere gesömmert werden. 17'000 Älpler sind im Einsatz; ihre durchschnittliche Wochenarbeitszeit beträgt 86 Stunden.

Jeden späten Nachmittag in Urnäsch, wenn die Schulglocke Unterrichtsschluss verkündet, geht Chläus z Alp. Er reitet sein Pony die Passstrasse hoch, zehn kurvige, stotzige Kilometer bis zur Chliwald. Am Rücken wippt der Schulsack, auf dem Kopf wankt der grotesk grosse Töffhelm.

Chläus wird erwartet: Bläss tänzelt vor der Alphütte, wedelt, hechelt, bellt, stellt sich auf die Hinterbeine und umklammert den Bub mit den Pfoten. Wie eine Umarmung schaut das aus, und spontan wird ein verspielter Hosenlupf daraus: Bub gegen Hund, einer jauchzt, einer jault, beide haben Spass, und Chläus kommt so doch noch zum Schwingen.

Elf Kühe stehen im Stall. Corinne, Mägi, Jola, Rosina, Andrea, Mona, Mörli, Freudi, Perla, Irene und Alma. Corinne ist fünf Jahre alt und gehört Chläus, ein Geschenk des Vaters, zur Erstkommunion. Jede Kuh habe ihren Charakter, sagt Chläus, er merke sofort, wenn bei einer etwas nicht stimme, so was habe er im Gschpüri. «Und ich glaube, die Kühe haben mich so gern wie ich sie.»

Vor der Stallarbeit isst Chläus Zvieri. Manchmal erledigt er dazu die Hausaufgaben, heute aber hockt er im Stübli seiner Alphütte, süffelt Nescafé Gold aus dem Kafiglas und blättert in der Schwingerzeitung «Schlussgang». Tipptopp aufgeräumt ist die Alphütte, sauber alles, ordentlich versorgt. An der Holzwand stecken Messer, Löffel, Gabeln blitzblank im Holzrechen; im Regal darüber stehen umgestülpte, rot-weiss gepunktete Chacheli, regelmässig ausgerichtet, wie Heuschöchli auf der Wiese. In der einen Stübliecke steht Chläus’ Bettstatt, Kissen und Duvet hat er aufgeschüttelt und glatt gestrichen. Er habe es gern sauber und aufgeräumt, «das gehört sich doch, das ist bei dir daheim doch auch so, oder?», meint Chläus. Man nickt, schluckt und denkt an die Zimmer der eigenen Söhne.

Die Familie Hans und Doris Anderegg mit ihren fünf Kindern (Chläus ist das jüngste) bewirtschaftet im Dorf Urnäsch einen Hof. Zur Sömmerung nutzen die Andereggs seit Generationen die Alp Chliwald. Während sich Vater Hans um das Vieh im Dorf kümmert, braucht es auf der Chliwald eine andere Fachkraft. Früher melkte der Grossvater auf der Alp, später ein Knecht, seit letztem Sommer kümmert sich Chläus (fast) allein um das Vieh.

Ein 14-Jähriger als Älpler - das ist ja nun doch nicht alltäglich. Der Schweizerische Bauernverband schreibt auf Anfrage sinngemäss: In der Landwirtschaft und speziell während der Alpzeit in den Sommerferien wollen viele Bauernkinder unbedingt mithelfen; es ist Aufgabe der Eltern, dass sich die Kinder nicht selber überfordern. Chläus’ Mutter, Doris Anderegg, sieht die Sache so: «Unser Sohn macht diese Arbeit mit Leib und Seele. Wir kennen unseren Bub und wissen, was wir ihm zutrauen können, und er selber weiss auch, wie viel er sich zumuten kann; Chläus ist gewissenhaft und vernünftig.» Und Chläus selber sagt, er liebe das Leben auf der Alp, geniesse die Freiheit, die Natur und die Tiere; «und Arbeiten ist etwas sehr Schönes».

18 Uhr. Melkzeit. Der kleine Älpler zieht sich einen gelben, mit Stickereien verzierten Schlüüfer über und steigt in wuchtige Gummistiefel, Grösse 39, mit Stahlkappen über den Zehen, «weil mir halt ab und zu eine Kuh auf den Fuss trampt». Den Melkschemmel um die Hüften geschnallt, kümmert sich Chläus um sein Vieh, füttert, umsorgt, putzt und melkt. Schon als kleiner Bub habe ihm sein Vater, «de Däddy», alles beigebracht. Der Stall ist picobello, sauber, aufgeräumt. Am Eingang steht Chläus’ ganzer Stolz - ein Baustellenradio. Zu Weihnachten hat er das Mordsding bekommen, traktorgrün, mit Tasten so gross wie Kuhaugen, und robust: Chläus erklärt die Vorteile des Geräts, stossfest sei es (auch gegen Kuhtritte) und spritzwassergeschützt (auch gegen Kuhpflüder). Er schräubelt am Radio, und Eviva («Der ErVolkssender» steht auf dem Display) beglückt Senn und Vieh.

Mit Sorgfalt, Ernsthaftigkeit und erstaunlicher Reife macht sich Chläus ans Werk. Jeder Handgriff sitzt, routiniert geht er vor, überlegt, gewissenhaft, mit Herzblut und respektvoll dem Tier gegenüber. Im Nu ist die erste Kuh gemolken, in einem Kessel trägt Chläus die Milch vor den Stall, leert sie durch ein Sieb in eine Kanne und stellt diese zum Kühlen in den Brunnentrog.

Eine Stunde später schwappen 75 Liter Milch in den Kannen. Mit einem Chacheli schöpft Chläus warme Milch heraus, trinkt - und grinst dann mit Milchschnauz. Auch Bläss bekommt einen Gutsch Milch, er läppelt gierig. «De frässt da wie ne Sauchog», kommentiert Chläus, will heissen: Der Hund isst das sehr gern.

Es dämmert. Am Horizont glüht der Säntis, vor dem Stall schlecken Bub und Hund Milchschaum von den Nasenspitzen. Der Fachverband Swissmilk müsste sich um dieses Werbesujet reissen.

Chläus ist vernünftig genug, sich nicht zu überfordern. Schule und Alp, beides Vollzeit, wär zu viel. «Ich bekäme zu wenig Schlaf.» Und so hilft während der Schulzeit der Vater mit. Am Abend, wenn Hans Anderegg sein Tagwerk in Urnäsch beendet hat, fährt er auf die Chliwald, nächtigt im Dachzimmer der Alphütte und melkt anderntags frühmorgens die Tiere; so kann sein Sohn länger schlafen. Später transportiert der Vater die im Brunnen gekühlten Milchkannen ins Tal. Zur gleichen Zeit saust Chläus auf dem Pony zur Schule. Singen und Werken sind seine Lieblingsfächer; erwähnt man das Französisch, verdreht er die Augen. «Wozu brauch ich das, die Kühe verstehen es ja auch nicht.»

Chläus’ letztjähriger Oberstufenlehrer, Jakob Osterwalder, schwärmt: «Sind Ihnen seine leuchtenden Augen aufgefallen, die uns alle immer zum Strahlen bringen?» Chläus zeige viel Geschick bei praktischen Arbeiten und im Umgang mit Maschinen und sei stark mit der Landwirtschaft verwurzelt. Auch singe und zäuerle Chläus mit glockenheller Stimme; er tritt drum im Buebechörli Urnäsch auf.

Eine Episode will Lehrer Osterwalder noch erzählen. Da habe die Klasse letzthin in Urnäsch eine alte Bäuerin aus Polen besucht, die im Krieg in die Schweiz geflüchtet sei. Hernach notierten die Kinder, was sie am meisten beeindruckt hat; über Hunger, Angst, Tod schrieben die meisten. Chläus schrieb, es sei furchtbar, dass die Frau ihren Bauernhof fluchtartig verlassen musste, ohne sich von ihren Tieren verabschieden zu können.

Es wird Nacht auf der Alp. Nach dem Melken trieb Chläus die Kühe auf die Weide und mistete den Stall aus. Nun kauert er in der Küche und feuert den Herd ein; Holzscheite, Sägemehl mit Petrol, das brenne sofort. Am liebsten kocht er Rösti, heute gibts Suppe. Manchmal telefoniert er noch mit den Eltern, blättert in einem Asterix-Comic oder im «Ausser- und Innerrhoder Alpkataster / einzelne Alpen und Alprechte». Chläus sagt, er schlafe auf der Chliwald besser als im Dorf. Die Luft sei hier klarer, würziger. Letzthin habe er gehört, in Japan sei die Luft verdreckt, drum wolle er nie dorthin reisen. Bald halb zehn, nun müsse er «weidli is Näscht». Er schraubt am mächtigen mechanischen Wecker; morgen ist schulfrei, also wird nicht Däddy, sondern Chläus die Kühe melken; um 5 Uhr 15 wird ihn der Wecker wach rasseln.

Im September werden Chläus und die Kühe ins Tal zurückkehren. Im Dorf könne er zwar wieder Fernseh schauen, Tier- und Trickfilme mag er, trotzdem bliebe er lieber auf seiner Alp oben.

Still liegt die Chliwald da, ab und zu hört man, wie auf der Passstrasse ein Auto viel zu schnell ins Toggenburg hinüber röhrt, «verruckti Chöge», meint der Bub. Chläus, was ist wichtig im Leben? «Man soll nicht faul sein und überall da, wo man gebraucht wird, mithelfen.» Wenn er gross ist, möchte Chläus Anderegg Bauer werden.

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