Familiensache: im Basler Zoo Löwen, Affen & Ablenkung

Für viele Familien ist ein Zoobesuch ein gewöhnlicher Sonntagsausflug. Für die Albarrows ist es mehr: Affen beobachten und Löwenbabys bestaunen hilft ihnen, sich abzulenken. Von den schrecklichen Erinnerungen an ihre Heimat Syrien.

Beim Besuch mit ihren Eltern und den vier jüngeren Geschwistern im Basler Zoo freut sich Malak am meisten auf die Löwen: «Die haben süsse Babys!» Die Zwölfjährige war schon mit ihrer Schulklasse hier und kennt sich sehr gut aus.

Vom Eingang Dorenbach her gelangt die Familie zuerst zum Nashorn-Gehege, wo jetzt drei Tiere zu beobachten sind. «Das sind Junge», sagt Malak, «die Mutter ist noch viel grösser!» - «Das sind ja Riesenbabys», ruft die Mama auf Arabisch, die ihren viermonatigen Sohn Nuradin im Wagen schiebt, und alle lachen. Malak übersetzt für ihre Eltern, die Fotografin und die Journalistin. Sie und die zweitälteste Tochter Falak, 10, besuchen in Basel die fünfte und die dritte Klasse, beide sprechen fliessend Hochdeutsch. Die Kleinen, Amira, 4, und Qama, 7, bringen von Spielgruppe und Kindergarten Mundartwörter nach Hause. Im Zoo sucht Amira in jedem Gehege nach Vögeln, die sie besonders mag. Und vor einem Ententeich fragt sie: «Hat es hier drin auch einen Wal?» Lachend schütteln die anderen den Kopf.

Noch vor zwei Jahren haben die Albarrows mitten im Kriegsgebiet in Syrien gelebt. Dann sind Vater Salah und Mutter Safaa, beide 38, mit ihren vier Töchtern von der Hauptstadt Damaskus in die Schweiz geflüchtet. «Im Flugzeug», wie Malak erzählt, nachdem ihre Häuser zerstört worden waren. 25 Jahre hatte Salah, ein Kurde, als Plattenleger gearbeitet, mit Safaa, sie stammt aus Palästina, vier Töchter bekommen, ein friedliches Leben geführt. «Und dann war plötzlich alles anders.»

In ihrer Heimat bricht der Krieg aus, Städte werden zerstört, Menschen gefoltert, getötet oder willkürlich ins Gefängnis gesteckt. Auch Salah ist dies widerfahren. Ein Polizist hatte sich seine Identitätskarte angeschaut, sie gebogen, bis sie brach, und gesagt: «Die ist ja kaputt!» Grund genug, ihn drei Monate festzuhalten. Wieder daheim, kann Salah fast drei Wochen nichts essen, «ich hatte so viel gesehen». Auch seine Frau und die Töchter erleben Schreckliches. Malak erzählt im Zoorestaurant bei Orangensaft und Gipfel, wie ihre Lehrerin während einer Matheprüfung plötzlich schrie: «Unter die Tische!» Kurz darauf schiesst eine Bombe durch die Decke und zerstört das Schulzimmer. Manche Mitschüler sterben, viele werden verletzt. Und Falak berichtet, wie sie und ihre Gschpändli nach der Znünipause zurück in die Schule wollten - und das Schulhaus in Schutt und Asche liegt. «Wir könnten noch tausend Jahre weitererzählen…», sagt der Papa mit Tränen in den Augen.

Jetzt lebt die Familie in einer Mietwohnung in Basel, die ihnen die Mutter eines Mitschülers von Falak suchen half. Das Visum hat ihnen Salahs Bruder Shaffan Albarrow organisiert, der vor 20 Jahren nach Deutschland ausgewandert ist und nun ebenfalls in Basel lebt. Die Familie ist froh um jede Hilfe, denn ansonsten müssten sie sich allein durch den Alltag schlagen. Basel ist für sie eine Kleinstadt - ihre Heimatstadt Damaskus zählt fast zwei Millionen Einwohner. «Aber so viele sind gestorben», übersetzt Malak, «es gibt fast keine jungen Männer mehr.»

Die Familie sorgt sich sehr um ihre Verwandten, die noch nicht aus Syrien flüchten konnten. Vor allem um die eine Tante, deren Mann verschwunden ist und die nun schutzlos allein mit ihren Kindern ist. «Oft werden nach dem Mann die Kinder entführt, und dann nehmen die Soldaten die Frau», übersetzt Malak.

In Basel gehen die Kinder wochentags zur Schule, Salah arbeitet als Plattenleger im Unternehmen seines Bruders, und Safaa kümmert sich daheim um Baby Nuradin. An den Wochenenden gehen sie wenn immer möglich nach draussen in Parks. Malak ist froh um die vielen Geschwister, denn Gschpändli zu finden, ist nicht einfach. «Viele Kinder sind nicht so kontaktfreudig mit mir.» Vielleicht wünschen sich ihre Eltern auch darum noch ein Kind. «Auch für Nuradin wäre ein Brüderchen toll», sagen sie lächelnd. Die Mädchen streicheln und küssen den Kleinen immerzu. Weder Affen-noch Löwenbabys kriegen so viel Aufmerksamkeit wie Nuradin. Beim Posieren für die Fotografin weiss sich auch die kleine Amira in Szene zu setzen, etwa mit dem V-Zeichen, das sie mit dem Zeige- und Mittelfinger macht. «Das hat sie bei den Demonstrationen in Damaskus gesehen», erzählt Malak, «sie kann sich noch erinnern.» - Und der Papa fügt schmunzelnd an: «Amira ist unser kleiner Che Guevara, wenn sie gross ist, will sie Friedensbotschafterin werden.»

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