Einbürgerungsskandal in Buchs AG Prominente SVP-Unterstützung für Funda Yilmaz

Das Verhalten der Buchser Behörden im Fall von Funda Yilmaz bringt die Gemeindepräsidentin von Eglisau ZH zum Kochen. Mehr noch: Die gebürtige Buchserin Ursula Fehr, Ehefrau von alt Nationalrat Hans Fehr (beide SVP), wird von ihrer eigenen schlimmen Vergangenheit im Aargauer Dorf eingeholt.
100 Zürcherinnen Lokalfürstinnen Corine Mauch, Ursula Fehr Theres Weber
© LUCIAN HUNZIKER

Ursula Fehr, 66, alt Buchserin und SVP-Gemeindepräsidentin von Eglisau

Das Einbürgerungs-Protokoll über das abgewiesene Gesuch der Türkin Funda Yilmaz in der letzten «Schweizer Illustrierten» hat nach über 60 Jahren meinen Eindruck vertieft, dass seit meiner Geburt in diesem Dorf sich offensichtlich wenig geändert hat.

Nichts Herausragendes im Dorf

Schon als Kind habe ich mich in Buchs nie heimisch oder gar wohlgefühlt, obwohl ich als Heimgeburt dort geboren wurde. Natürlich haben mir das Elternhaus und das Kleinquartier rundherum gefallen, denn dies war meine erste Heimat, da waren meine Familie und die engsten Freunde, der Garten mit der hohen Birke, auf der ich einen Hochsitz hatte, den ich über alles liebte.

Doch schon der Schulweg war mir zuwider. In meinem Dorf fand ich weder einen gemütlichen Kern noch etwas Herausragendes. Es gab zwar die Bäckerei Jaisli und die Metzgerei Gysi, und beide waren gut. Hie und da traf man sich im langweiligen Tearoom Lareida, und plötzlich wurde an der Hauptstrasse ein Migrosladen gebaut, wenn auch nur einstöckig und deshalb leider ohne Rolltreppe. Spannend war jedoch, wenn mich meine Mutter zur Schneiderin schickte, denn das schien mir die einzig schicke Frau im Dorf zu sein, die gleichzeitig auch noch nett und klug war, und ich verehrte sie.

Schrecklicher Kindergarten

Die täglichen Einkäufe machten wir im Konsum unseres Quartiers, und gegenüber war der Coiffeur, welcher ebenfalls Gysi hiess und mir alle zwei Monate die Haare so kurz und rund schnitt, dass ich grauenhaft brav aussah.

Mit Schrecken erinnere ich mich an den Kindergarten, der in einem Keller installiert war und von einem hinkenden und mürrischen Fräulein dominiert wurde. Als Einstieg galt es für alle, mit orangebeiger Bastschnur eine Nescafé-Büchse zu umwickeln. Mir wurde angelastet, dass ich sagte, mir würde das Silberne der Büchse so gefallen, dass ich sie nicht umwickeln möchte.

Schliesslich brüllte ich jeden Morgen, ich wolle nicht mehr in den Kindergarten, bis mich meine Mutter zu Hause behielt und die Nachbarn munkelten: Leider sei das jüngste Kind – und das war ich – nicht kindergartentauglich, und das würde sich bestimmt später rächen.

Schlag ins Gesicht

Natürlich hatten sie recht. Ich fand den Rank erst später in der Bezirksschule in Aarau. Vorher hatte ich noch unter dem strengen Fräulein Maurer und dem oft missgelaunten Herrn Schweizer, welcher regelmässig die Buben heftig ins Gesicht schlug, und vor allem unter der ungerechten Handarbeitslehrerin zu leiden.

Sie war in einer andern Partei als mein vehement politisierender Vater aktiv und liess mich deshalb hocken. Sie fand, ich hätte zwei linke Hände, und bemerkte meine Fehler in der Strickarbeit immer erst so spät, dass ich jeweils die halbe Socke oder was immer es auch war, wieder auflösen musste.

Ganz schlimm war das Handarbeiten im Garten, denn mein linkisches Häkeln oder Schneidern war nie gut genug, um die Schuhe ausziehen und die heissen Füsse am Gartenschlauch abspritzen zu dürfen, so wie die andern.

Ich wurde fies und stahl

In diesen mühsamen Buchser Kinderjahren wurde ich fies, liess meinen Frust am bevorzugten Theresli mit dem blonden Lockenschopf los, begann, kleinere Sachen zu stehlen, und als alles nichts half, wurde ich hie und da überfallmässig einfach ohnmächtig. Der Dorfarzt wurde zurate gezogen und meinte, es seien harmlose Wachstumsstörungen, die wohl vorübergehen würden.

Tatsächlich gingen mir nach fünf Jahren Primarschule in Buchs dann in Aarau an der Bezirksschule und im Lehrerseminar sämtliche Knöpfe auf, und ich wandelte mich in der schönen Kleinstadt zur kulturell interessierten Schülerin, schrieb für das «Aargauer Tagblatt» und engagierte mich im Kleintheater Tuchlaube oder im Filmclub.

Endlich weg von Buchs

Mit knapp 20 Jahren verliess ich den Aargau, fand meine erste Stelle als Primarlehrerin in Basel, und drei Jahre später zog ich in den Kanton Zürich. Seit bald 40 Jahren wohne ich nun im lebhaft schönen Landstädtchen Eglisau am Rhein und bin als Gemeindepräsidentin stolz auf unsere Aufgeschlossenheit.

Deshalb wundert mich, dass eine junge Frau dafür kämpft, im biederen Buchs eingebürgert zu werden, wo doch die Mehrheit des Einwohnerrates noch so engstirnig und stur zu sein scheint wie vor vielen, vielen Jahren mein Kindergartenfräulein, Fräulein Maurer, Herr Schweizer und die Handarbeitslehrerin zusammen. 

Ich schäme mich

Liebe Funda Yilmaz, bei uns in Eglisau und, wie ich hoffe, in den allermeisten anderen Gemeinden unterhalten wir uns interessiert und fair mit unseren Einbürgerungswilligen und konzentrieren uns auf die wesentlichen Fragen, die – wie mir scheint – bei Ihnen alle erfüllt sind.

Ich schäme mich für meinen Geburtsort und bin froh, andernorts meinen Frieden gefunden zu haben, in interessanten Jobs in den Medien, an der Schule und am Gericht.

Und als ich vor knapp einem Jahr sogar noch von der Schweizer Illustrierten zu einer der 100 prägenden Zürcherinnen vorgeschlagen wurde und mich im Ringier-Pressehaus, wo ich früher gearbeitet hatte, mit lauter interessanten Zürcher Frauen treffen durfte, da wurde mir plötzlich klar: Nun hast du Buchs, deine beiden linken Hände und die ganze traurige Dumpfheit der ersten Schuljahre endgültig überwunden.

Gerne würde ich mich noch diesen Sommer mit Ihnen, Funda Yilmaz, in unserer wunderschönen «Rhybar» bei einem sprudelnden Vivi Kola oder einem gespritzten Weissen – ich hoffe doch sehr, dass Sie beide Urschweizer Getränke kennen – unterhalten.

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