Das persönliche Interview mit der neuen Bundesrätin Viola Amherd: «Meine Unabhängigkeit ist mir heilig»

Als Nachzüglerin hat die neue Bundesrätin Viola Amherd früh gelernt, auf eigenen Beinen zu stehen. Warum ihr Unabhängigkeit bis heute heilig ist, woher sie ihre Gelassenheit nimmt und was sie mit dem Fussballteam von Florenz verbindet.
Viola Amherd
© Kurt Reichenbach

Die stille Schafferin: Am 5. Dezember wird die Walliserin Viola Amherd im ersten Wahlgang zur Bundesrätin gewählt.

Frau Bundesrätin, was wären Sie für eine Frucht?
Eine Orange natürlich – die Farbe der CVP. Ausserdem ist sie gesund, spritzig, und man kann sie erst noch teilen.

Wann haben Sie zuletzt etwas Selbstgebasteltes verschenkt?
Das muss in der Primarschule gewesen sein. Ich bin handwerklich nicht so begabt.

Über welches Geschenk haben Sie sich zuletzt gefreut?
Als ich kürzlich mit Nierensteinen im Spital lag, schenkte mir ein Bekannter eine iPhone-Hülle mit dem Spruch «Keep calm and forza Viola». Die Hülle ist ein Fan-Artikel: Mit Viola ist das Fussballteam von Florenz gemeint. Aber sie passte perfekt.

«Brig mit einem See, das wärs!»

Was für ein Hintergrundbild hat Ihr Handydisplay?
Ein Bild von meiner Skitour auf das Spitzhorn im Simplongebiet.

Sie dürfen Ihren Wohnort neu designen: Aus welchen Städten, Dörfern und Landschaften setzen Sie ihn zusammen? 
Brig mit einem See, das wärs!

Viola Amherd
© Lukas Lehmann/Keystone

Politische Karriere: Viola Amherd wird 2005 als Nationalrätin vereidigt. 

Was in Ihrem Alltag müssten Sie aus ökologischer Sicht dringend verändern?
In eine kleinere Wohnung ziehen.

Als Sie Kind waren, was haben Ihre Eltern Ihnen da immer gesagt?
Wenn Papa mittags von der Arbeit kam, fragte er immer: «Isch z Mämmi da?» – Mämmi ist Walliserdeutsch und bedeutet Baby. Ich war ja ein Nachzüglerli, meine Schwester 14 Jahre älter. Papa sagte mir bis zur Matura so.

Erinnern Sie sich an Ihren ersten Schulschatz? 
Das war im Kindergarten. Er schenkte mir einen Plastikring – so gut verpackt, dass ich das Geschenk fast nicht öffnen konnte.

Als Sie 16 Jahre alt waren, wie sah da Ihr Zimmer aus. 
Nur an eines erinnere ich mich sicher: Da hing ein Poster der Rocksängerin Suzi Quatro.

Viola Amherd
© Kurt Reichenbach

Zäh: «Die Natur gibt mir Kraft», sagt Amherd, die letzten Monat mit Nierensteinen im Spital lag.

Welches Buch hat Ihr Leben massiv beeinflusst? 
I
ch kann nicht sagen, dass mich ein Buch massiv beeinflusst hat. Aber während des Wahlkampfs dachte ich immer wieder an Rolf Dobellis Buch «Die Kunst des guten Lebens». Darin schreibt er, man solle Dinge, die man nicht ändern kann, hinnehmen – das gelingt mir gar nicht so schlecht.

Welcher Film ist Ihnen in Erinnerung geblieben.
«The Year of Living Dangerously» mit Mel Gibson. Der Film erzählt, wie ein Journalist im Indonesien der 1960er-Jahre – inmitten von Staatskrise und Bürgerkrieg – zu sich selbst findet.

Haben Sie einen Organspendeausweis?
Ja, schon sehr lange. Als ich Kind war, machte jeweils eine Familie mit einer gleichaltrigen Tochter in unserem Chalet auf der Bettmeralp Ferien. Das Mädchen brauchte eine neue Niere. Erst nach langem Warten erhielt es eine – und starb mit 18 trotzdem. Darum: Wenn ich jemandem helfen kann, mache ich das.

Viola Amherd mit Familie
© HO

2015 empfängt sie mit Zermatts Gemeindepräsident Christoph Bürgin die damalige Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf.

Können Sie sich vorstellen, Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen?
Das kann ich aus heutiger Sicht nicht entscheiden. Im Moment würde ich sagen: eher nein. Aber ausschliessen möchte ich das nicht.

Welche Musik soll an Ihrer Beerdigung gespielt werden?
Nur keinen Aufwand, bitte! Meine Beerdigung soll so normal wie möglich sein.

Über welche Tat oder Aussage von Ihnen wird man noch lange nach Ihrem Ableben reden? 
Da mache ich mir keine Illusionen. Egal, ob man aus der Politik ausscheidet oder aus dem Leben – wer weg ist, ist weg.

Die bisher beste Idee Ihres Lebens? 
Dass ich mich nie anders gegeben habe, als ich bin.

Viola Amherd
© Kurt Reichenbach

«Ds Mämmi»: Die Schwarz-Weiss-Aufnahme zeigt die Politikerin als Dreijährige. Das Chalet bauten ihre Eltern vor 50 Jahren, es trägt den Namen Viola.

Welchen Wunsch haben Sie endgültig begraben? 
Ich träumte immer von einem Semester an der Uni Sorbonne in Paris. Die Stadt fasziniert mich, und ich liebe die französische Sprache – sie ist viel genauer als das Deutsche. 

Der beste Ratschlag, den Sie je bekommen haben? 
Meine Mutter hat mir immer gesagt: «Bleib unabhängig, Viola. Als Frau musst du auf eigenen Beinen stehen.» Meine Unabhängigkeit ist mir bis heute heilig. Ich möchte niemandem etwas schuldig bleiben. Ein Credo, das ich auch den jungen Menschen weitergebe: «Macht eine gute Ausbildung, seid selbstständig.»

Falls Ihr Leben verfilmt wird: Welche Schauspielerin soll die Hauptrolle spielen?
Catherine Deneuve – nein, das ist ein Spass! Vielleicht Meryl Streep?

Um wie viel Prozent müssten Sie Ihr Arbeitspensum reduzieren, damit Sie massiv glücklicher wären?
Gar nicht. Erstens bin ich es gewohnt, viel zu arbeiten. Und zweitens bin ich sicher, dass ich es auch als Bundesrätin ab und zu auf die Bettmeralp schaffe. Ein Tag in meinem Chalet fühlt sich an wie eine Woche Ferien. 

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