Notabene Chris von Rohr Ein Hoch auf das, was uns vereint

Chris von Rohr, 62, Musiker, Produzent und Autor, über die Fussball-WM 2014 und die tiefgreifenden Auswirkungen auf die Menschen.

Wer friert uns diesen Moment ein? Besser kann es nicht sein! Schon wieder ist die Fussball-WM vorbei, und das Leben geht weiter. Trotzdem ist mir die wichtigste Nebensache der Welt, dieses Feuerwerk an Spielen, Menschen und Eindrücken einen Epilog wert. Wie ein Rausch war das, und die Welt schien für einen Moment etwas verbundener, freudiger und versöhnlicher.

Was macht dieses Spiel so mächtig? Der Negativdenker sagt vielleicht: «Das ist analog zum alten Rom. Gebt ihnen Brot und Spiele, und sie sind ruhig gestellt in einer völlig dekadenten Gesellschaft, die keine wichtigeren Ziele und Zwecke mehr hat.» Aber es muss mehr sein, grösser, wenn das Spiel mit gleicher Wichtigkeit neben das Brot treten kann. Der Papst sagte einmal Folgendes: Der Schrei nach Brot und Spiel sei der Ausdruck für das Verlangen nach dem paradiesischen Leben, eine versuchte Heimkehr ins Paradies. Fussball verbindet die Menschen über alle Grenzen hinweg in denselben Seelenlagen, Hoffnungen, Ängsten, Leidenschaften, Freuden und Leiden.

Die Überlegenheit und die Freiheit muss man sich erst erarbeiten

Aber es ist noch mehr. Dieses Spiel zwingt dich, dich durch Training, Durchhaltewillen und Disziplin in Zucht zu nehmen. Die Überlegenheit und die Freiheit muss man sich erst erarbeiten. Dazu kommt das Einfügen in die Gemeinschaft. Das Einordnen des Eigenen ins Ganze. Auch diese WM hat gezeigt: Ein einzelner, einsamer Stargeiger kann kein Turnier gewinnen. Es ist die Gemeinschaft, die entscheidend ist - wenn jeder für jeden da ist und alles gibt. Und gerade das hat uns diese deutsche Mannschaft so wunderbar gespiegelt: keine Überheblichkeit im Sieg, grosser Zusammenhalt und echte Wertschätzung derer, die nicht zum Zuge kamen. Wie schöner kann man das zeigen, als bei der Pokalübergabe ein T-Shirt mit dem Namen eines daheimgebliebenen Spielers hochzuhalten und im Sieg nicht zu vergessen, wie sich jener fühlen muss, der mitgeholfen hat, die Qualifikation zu schaffen, aber wegen einer Verletzung nicht zur Endrunde fahren konnte. Das hat mich beeindruckt.

Unglaublich auch mit welcher Leichtigkeit Ausnahmefigur Neymar die Last einer ganzen taumelnden, leidenden Nation auf seinen Schultern trug und hochgefährliche Gegner mit der Leichtigkeit einer Feder umkurvte, als wäre er beim Slalom in Wengen. Oder der geniale Mario Götze, der in nie gesehener Schönheit einen Pass, der eigentlich zu hoch und unverwertbar war, mit der Brust annahm und dann volley zum Sieg verwertet. So leicht und vollendet wie die ersten Töne der fünften von Beethoven. Trainer Jogi Löw nennt ihn «sein Wunderkind», und diese haben es bekanntlich nicht leicht im Leben, weil sie eine andere Sprache sprechen, anders ticken und oft isoliert sind. Auch Neymar hatte es nicht leicht. Er wurde mitten im Fussballfest so brutal in den Rücken getreten, dass er heute im Rollstuhl sein könnte. Das unglaubliche Foul wurde nicht mal geahndet - ein Hohn! Der Argentinier Messi, der klar unter seiner Form spielte, wurde zuletzt zum Spieler des Turniers mit dem Goldenen Fussball gekrönt. Auch das ist Fussball.

Wie immer nach so einer Grossparty werden nicht nur die Spieler und Trainer, sondern auch die Veranstalter gezwungen über die Resultate und ihr Wirken zu reflektieren. Die Fifa steht am Pranger und muss aufpassen. Ich gehöre nicht zu den Ewig-Bashern dieser Organisation und glaube auch nicht, dass ein Michel Platini sie besser führen würde. Trotzdem sollten Sepp & Co. vielleicht ein paar Dinge überdenken. Wenn das Spiel immer mehr zu einer schröpfenden Industrie verkommt, wird es verdorben, und es wird sich befreien müssen, so wie sich die Musikkonsumenten durch Piraterie von der starren, schröpfenden Musikindustrie befreit haben - zum Leide der Musiker und des ganzen Gewerbes. Und es kann auch nicht sein, dass Spieler auf dem Platz hinterhältig spitalreif geschlagen werden und dies keine Konsequenzen hat. Das ist nicht im Sinne des Spiels und setzt falsche Signale. Es gibt äusserst fähige und verdiente Schiedsrichter. Vollprofis mit einer natürlichen Autorität müssen solche Gipfeltreffen leiten.

Was bleibt? Der Mensch lebt nicht vom Brot alleine, aber es ist auch eine Kunst, die Disziplin in der Freiheit zu erlangen. Die Freiheit lebt auch von der Regel und vor allem vom gesunden Mitund Gegeneinander, der Unabhängigkeit vom äusseren Erfolg und der Willkür - damit wir wirklich frei werden. Und wer mit Fussball gar nix anfangen kann, dem sei das Kurzfilmchen «Fussballspiel der Philosophen» von Monty Python empfohlen. Da gewinnen die Griechen durch Kopfball von Sokrates gegen Deutschland 1:0, und es wird viel diskutiert - wie im richtigen Leben. Ja, ein Hoch auf diese Zeit - und auf dieses Spiel!

Dossier: Alle bisherigen Notabene-Beiträge von Chris von Rohr, Peter Bichsel, Peter Scholl-Latour und Helmut Hubacher.

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