SRF-Serie mit Mike Müller ist «unrealistisch» So sieht der Alltag des echten Bestatters aus

Mit seinem Berufskollegen Mike Müller aus dem TV hat er nicht viel gemeinsam. Seine Arbeit geht über das Einsargen und Beisetzen hinaus. Daniel Lochbrunner lebt mit dem Tod.

Seine Arbeit mit dem Tod hält ihn am Leben. «Wenn ich auf einen Berg steige und die Sonne untergehen sehe, nehme ich das sehr intensiv wahr, denn ich weiss, dass schon morgen alles zu Ende sein kann», sagt Daniel Lochbrunner, 46, dunkle Igelfrisur, breites Grinsen und seit 25 Jahren Bestatter. Sein Institut an der Thunstrasse in Spiez ist klein, im Lager reihen sich um die 40 Särge aneinander.

Im SRF geht seit dem sechsten Januar Mike Müller, 51, als Luc Conrad in der dritten Staffel von «Der Bestatter» dem Beruf mit dem Tod nach. Jedoch wenig realitätsgetreu, wie Lochbrunner findet.

Oft steigt Lochbrunner mit seiner Mitarbeiterin Yvonne Tschanz mehrmals am Tag in den nachtblauen Bestattungswagen mit dem weissen Kreuz auf der Motorhaube und fährt an die Orte, wo gestorben wird: Spitäler, Heime, Daheim oder Unfallorte; bei Selbstmord auch bis zum Gleis. An manchen Tagen ist es ruhig. Heute klingelt das Telefon um acht Uhr morgens. Ein Mann ist in der Nacht verstorben. Lochbrunner fährt zur Witwe. Führt ein Trauergespräch. «Ich erkläre, was in den nächsten Stunden und Tagen getan werden muss und worum wir uns als Bestatter im Auftrag der Angehörigen kümmern können.» Jeder Fall sei anders. Doch jede Familie müsse dieselben Fragen klären: Erd- oder Feuerbestattung? Art der Trauerfeier? Welcher Sarg, welche Urne? Welche Traueranzeige, welches Leidzirkular?

Im Lager suchen Lochbrunner und Tschanz das gewünschte Sargmodell - preislich liegen sie zwischen 700 und 1600 Franken. Sie prüfen die Innenausstattung und laden den Sarg in den Wagen. Dann holen sie den Verstorbenen. In Spitälern oder Heimen wurden ihm die persönlichen Kleider bereits angezogen. Vom Totenbett wird der Verstorbene eingesargt - Innenfutter aus hellgrauer Seide, an den Rändern gerüscht, am Kopf ein kleines Kissen mit Spitzenbordüre - und ins Krematorium überführt. Hier richtet Lochbrunner den Menschen für die Aufbahrung her, wäscht ihn, wenn nötig. Damit die Haut des Verstorbenen nicht austrocknet, cremt er Hände und Gesicht ein, setzt Plastiklinsen unter die Lieder, um das Einsinken des Augapfels in die Augenhöhle zu kaschieren. Männern wird der Bart rasiert, denn durch die eingefallene Haut, stechen die Stoppeln hervor. Im Aufbahrungszimmer kann die Familie Abschied nehmen.

Wenn er einen Verschiedenen herrichte, frage Lochbrunner sich oft, was der Mensch alles erlebt habe. «Ob er vor seinem Tod leiden musste und ob er ‹das Licht› gesehen hat.» Antworten bekomme er zwar nicht - «vielleicht einmal, wenn ich selber an der Schwelle stehe».

Seit drei Jahren sind Lochbrunner und Yvonne Tschanz ein Team. Ein Bestatter fahre nie alleine los, um einen Verstorbenen zu holen, sagt Lochbrunner. Einen Toten aus dem fünften Stock hinuntertragen, das könne man nicht alleine. Beim «Bestatter» sieht das anders aus: Oft ist Luc Conrad (Mike Müller) alleine im Bestattungswagen unterwegs, nebenbei klärt er die Todesumstände seiner Kunden gleich selber auf. «Das ist unrealistisch», sagt Lochbrunner. Bei Mord ermittle er nie selbst und erfahre höchstens aus der Zeitung, ob der Täter gefasst wurde. Er findet, der TV-Zuschauer bekomme ein verzerrtes Bild vom Beruf des Bestatters vermittelt.

Für Lochbrunner, der mit 21 Jahren in die Branche einstieg, ist es ein 24/7-Job, 365 Tage im Jahr. Freunde und Familie wissen das. «Es kann sein, dass ich jeden Moment losmuss. Die Familie, die Hilfe braucht, hat Priorität.» Auch an Heiligabend fuhr er fünfmal raus.

Seine Arbeit nehme er oft in Gedanken mit nach Hause, besonders wenn es sich um schwere Schicksale handle. «Jedes Schicksal bewegt mich, ich kann nicht einfach die Bürotür schliessen», sagt der Vater von drei Kindern und erzählt, wie er einst ein 14-jähriges Mädchen einsargen musste, das Selbstmord begangen hatte. Oder die Eltern, die nach dem Tod ihres Sohnes nicht mehr leben wollten. «Ich betreute sie, als ihr Sohn starb. Einige Monate danach nahmen sie sich gemeinsam das Leben.» Auch damals wurde er gerufen. Solche Geschichten gehen ihm nah. Die Bilder sind für immer in sein Gedächtnis eingebrannt. «Manchmal fehlen mir die Worte.» Es komme auch vor, dass er bei einem Trauergespräch weine.

Als Einziger in der Schweiz praktiziert Lochbrunner als Thanatologe. Das heisst, er richtet die Toten, die durch Unfall, Suizid oder Krankheit schwer entstellt wurden, wieder so her, dass die Angehörigen Abschied am offenen Sarg nehmen können. Wenn ein Verstorbener längere Zeit aufgebahrt bleiben soll oder die Verwesung bereits weit fortgeschritten ist, balsamiert Lochbrunner den Körper auf Wunsch der Familie ein. Dazu führt er formalinhaltige Flüssigkeit in die Arterien, um den Körper von innen zu konservieren.

Die Angst vor dem Sterben ist Lochbrunner geblieben, denn es gebe verschiedene Möglichkeiten zu sterben. Was ihm sein Beruf aber genommen hat, ist die Angst vor dem Tod. «Ich stelle ihn mir sogar schön vor.»

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