Fall Rupperswil: Interview mit dem Opfer-Anwalt «Ich glaube noch ans Gute im Menschen»

Er gibt den Angehörigen im Fall Rupperswil eine Stimme: Markus Leimbacher. Der Anwalt und Freund des Partners und der Eltern von Carla S. über das Leid der Opfer und die Psyche des Täters.
Rupperswil Anwalt
© Geri Born

Kopf lüften: Die Aare ist nur wenige Minuten von Markus Leimbachers Anwaltsbüro in Brugg AG entfernt.

Herr Leimbacher, wie geht es den Eltern und dem Partner von Carla S.?
Sie sind erleichtert, dass der Prozess vorbei ist. Und sie sind zufrieden mit dem Urteil.

Haben die Angehörigen je von Todesstrafe gesprochen?
Nein, dieses Wort ist nie gefallen. Für sie war aber wichtig, dass Thomas N. weggesperrt wird. Damit so etwas Schreckliches nie mehr passiert. Eine lebenslängliche Verwahrung wäre ihnen am liebsten gewesen. Jetzt ist es eine ordentliche Verwahrung, die sich an die lebenslängliche Freiheitsstrafe anschliesst.

Vierfachmord von Rupperswil
© Linda Greadel
Abartige Gedanken: «Die Idee, mit dem Buben sexuell zu verkehren, wurde zum eigentlichen Schwungrad meiner Pläne. Das Finanzielle war das zweite Motiv.»

Damit besteht die Chance, dass der Täter wieder in Freiheit kommt …
Schaut man die Statistik der letzten Jahre an, sind von 144 Verwahrten gerade mal 2 Prozent rausgekommen. Dann waren sie alt und gebrechlich.

Hat es so ein Mensch verdient, weiter zu leben?
Die Todesstrafe passt nicht in mein Menschenbild. Ein Mensch darf nicht über einen anderen Menschen richten.

Was haben Sie für eine Beziehung zu den Angehörigen?
Den Lebenspartner von Carla S., Georg Metger, kenne ich schon lange, wir sind befreundet. Auch Carla S. habe ich gekannt. Metger hat mich im Juni 2016 gebeten, die Opferfamilie zu vertreten.

Vierfachmord von Rupperswil
© Linda Greadel
Szenen aus dem Gerichtssaal: DIENSTAG, 13. MÄRZ 2018 Das Gericht verhandelt das Schicksal von Thomas N. (r., Mitte) in einem abgedunkelten Raum der Mobilen Polizei in Schafisheim AG.

Wie haben Sie ihn seit der Tat erlebt?
Nach aussen wirkt er though. Als Filialleiter einer grösseren Bank ist er sich diese Rolle gewohnt. Ich habe aber gemerkt, was in ihm vorgeht. Wenn er auf einmal viele SMS und Mails schrieb, wusste ich: Jetzt beschäftigt ihn die Tat wieder enorm.

Hat er deshalb ein Buch darüber geschrieben?
Genau. Es ist ein Teil seiner Strategie, das Geschehene zu bewältigen. Als er mir das erste Mal davon erzählte, war ich skeptisch. Der Grat zur Betroffenheitsliteratur ist schmal. Er konnte mir aber gut erklären, warum er es macht. Und als ich Auszüge des Buches gelesen hatte, war für mich klar: Für ihn ist es der richtige Weg.

Und wie geht es den Eltern?
Nicht gut. Die Mutter bricht in Tränen aus, wenn ich bei ihr bin. Sie hat Schlafstörungen, geht kaum mehr aus dem Haus. Sie bekommt Medikamente, die scheinen ihr aber nicht gross zu helfen. Der Vater versucht die Fassade zu wahren. Aber auch er ist antriebslos, depressiv. Der Bruder von Carla S. hat seinen Beruf. Dort kann er Abstand gewinnen. Aber er ist in psychologischer Betreuung.

Vierfachmord von Rupperswil
© Linda Greadel
DER BEFUND DES GUTACHTERS: Gerichtspsychiater Josef Sachs (r.)sagt dem Gerichtspräsidenten Daniel Aeschbach, dass der Täter therapiert werden kann. Aber das dauert sehr lange.
 

Wie eng war der Zusammenhalt der Familie vor der Tat?
Im Plädoyer habe ich ihre Geschichte wie ein Märchen erzählt. Ich startete mit den Eltern von Carla S.: «Es war einmal ein junges Paar, Rosa und Georges. Rosa wurde von allen Rösly genannt. Sie lernten sich kennen, sie lernten sich lieben. Sie heirateten und bekamen Kinder. Rösly war noch nicht 22, als Manuel zur Welt kam, und nicht einmal ein Jahr später gebar sie Carla.» Danach erzählte ich, wie eng der Zusammenhalt der Familie über Generationen war, wie viel sie zusammen unternommen haben. Dass sie alle Geburtstage im Wohnwagen auf dem Zeltplatz feierten. Oder dass Carla und ihr Bruder Manuel wie Zwillinge waren. Das Märchen hört aber leider nicht damit auf: «Wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute.»

Ist der Prozess für die Angehörigen zur Verarbeitung notwendig oder eine extreme Belastung?
Beides. Den Täter zu sehen, das Geschehene so detailliert zu hören, ist extrem belastend. Gleichzeitig ist es für die Trauerarbeit wichtig, dass der Prozess stattfindet, der Täter verurteilt wird. Man musste ja immer damit rechnen, dass sich Thomas N. das Leben nimmt. Deshalb hat ihn die Polizei 24 Stunden überwacht.

Das Risiko eines Selbstmordes besteht immer noch.
Ja, er wird nicht mehr ständig überwacht. Er sitzt jetzt in der Strafvollzugsanstalt Pöschwies in einer normalen Einzelzelle. Und geht dort jeden Tag zur Arbeit.

«Ich bin mitten in der Nacht aufgewacht und habe angefangen zu plädieren»

 

Wie haben Sie Thomas N. während dem Prozess erlebt?
Wie eine Sphinx. Nach seinen Aussagen am ersten Prozesstag habe ich mein Plädoyer nachts um 2 völlig umgeschrieben. Dieser Mann lügt nicht nur, er beschönigt und manipuliert. Er gibt den anderen die Schuld. Hätte sich Dion nicht befreit, wäre nichts passiert. Hätte Carla die Tür nicht aufgetan, wäre gar nichts passiert. Er kann die Leute um den Finger wickeln, vielleicht sogar seine Verteidigerin.

Er soll laut Psychiatern einen IQ zwischen 116 und 123 haben!
Ja, sein IQ ist höher als meiner. Was das Leben angeht, ist es eine andere Sache. Mit seiner Pädophilie kam er nicht klar. Das nehme ich den Psychiatern ab.

Wie stark hat Sie der Fall persönlich belastet?
Ich habe die letzten zwei Wochen nicht mehr richtig geschlafen. Mitten in der Nacht bin ich aufgewacht und habe im Halbschlaf angefangen, wie im Gericht zu plädieren. Ich habe in einer eigenen Welt gelebt. Ohne meine Frau weiss ich nicht, wie ich diese Zeit durchgestanden hätte.

Vierfachmord von Rupperswil
© Linda Greadel
DAS WORT HAT DER ANGEKLAGTE: «Das Einzige, was ich tun kann, ist hier zu stehen und die Fragen zu 
beantworten. So weh sie auch tun», sagt Thomas N., bewacht von einem Kantonspolizisten.

Die ganze Schweiz verfolgte den Prozess. Haben Sie das gespürt?
Während des Prozesses habe ich über 60 Mails mit Ratschlägen bekommen. Etwa, ob man überprüft habe, ob Thomas N. nicht Mitglied bei der IS war – wegen des Barts.

Was ist Thomas N. für Sie? Das personifizierte Böse?
Ich weiss nicht, ob bös das richtige Wort ist. Er ist für mich unfassbar, unbegreiflich, verstörend.

Am Schluss des Prozesses hat er sich bei den Angehörigen entschuldigt. Nehmen Sie ihm die Reue ab?
Nicht wirklich. Entschuldigen kann man sich ja eigentlich nicht. Man kann nur um Entschuldigung bitten. Und verzeihen können ihm die Angehörigen nicht. Für mich war klar, dass Thomas N. sich entschuldigt. Er will gefallen.

Ist Ihr Menschenbild durch ihn ins Wanken gekommen?
Nein. Ich bin jetzt 60. Thomas N. ist die erste Person in meinem Leben, die so ist. Und ich bin fest davon überzeugt, dass ich keinem zweiten solchen Menschen begegne. Ich glaube immer noch an das Gute im Menschen.

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