Serie: Der Krampf ums Kin­der­krie­gen - Teil 5 «Der Beginn des Lebens bleibt ein Wunder»

Wenn Paare keine Kinder kriegen, hilft er: Bruno Imthurn, 62, Chef der Fortpflanzungsmedizin am Unispital Zürich, zeugt jährlich 150 Kinder im Labor. Dennoch sagt er: «Ein Recht auf Kinder gibt es nicht.»  
Der Krampf ums Kinderkriegen Bruno Imthurn
© Paul Seewer

Sprechstunde: Bruno Imthurn im Kinderwunschzentrum des Unispitals Zürich: «Ich bin glücklich, einem Menschen den Start ins Leben zu ermöglichen.»

Viele Paare wollen nicht, dass jemand von ihrem Besuch in der Kinderwunschklinik erfährt. Wie erleben Sie das, Herr Imthurn?
Eine Kinderwunschbehandlung ist sehr intim und in der Schweiz vielerorts noch ein Tabu. Paare schämen sich für ihr Versagen, obwohl sie nichts dafür können. Wobei Männer damit ein grösseres Problem haben als Frauen. Sie kommen sich unter Kollegen oft als Weichei vor, wenn es an ihnen liegt.

Ist das Problem öfter beim Mann oder bei der Frau?
Die Natur ist da sehr gerecht. Bei einem Drittel liegt das Problem vorwiegend beim Mann, bei einem weiteren Drittel vorwiegend bei der Frau, und beim restlichen Drittel liegt es an beiden.

Was sind die häufigsten Gründe?
Oft warten Paare sehr lange mit ihrem Kinderwunsch. Das kann verständliche Gründe haben. Trotzdem ist es wichtig, zu wissen, dass eine Frau bis 35 am fruchtbarsten ist. Dann nimmt die Chance, auf natürlichem Weg schwanger zu werden, rasant ab. Das Rauchen beschleunigt den Prozess. Bei Männern geht die Fruchtbarkeit ab 40 zurück.

Wie verzweifelt sind Paare, die zu Ihnen kommen?
Ich spüre Hoffnung, nicht Verzweiflung. Die Paare gehen davon aus, dass ich ihnen helfen kann. Aber wenn sich der Erfolg nicht wie gewünscht einstellt, zerschlägt sich die Hoffnung bald.

Jedes Paar wächst mir ans Herz

Wie gross sind die Chancen?
Am Kinderwunschzentrum des Unispitals Zürich können wir 70 Prozent aller Paare bis 35 zu einem Kind verhelfen. Über 40 sinken die Erfolgschancen leider schnell ab.

Sie scheitern also bei jedem dritten Paar. Hoffen auch Sie?
Klar, ich drücke immer die Daumen. Jedes Paar wächst mir ans Herz. Zwar wissen wir heute viel mehr als noch vor 30 Jahren – da scheiterten über 90 Prozent aller künstlichen Befruchtungen. Aber es gibt immer noch sehr viele Unbekannten.

Eine künstliche Befruchtung wird von der Krankenkasse nicht bezahlt und kostet in der Schweiz je nach Zentrum pro Behandlungszyklus 5000 bis 12 000 Franken. Wer kann sich das leisten?
Bedauerlicherweise nicht alle. Zwar übernimmt die Kasse die Abklärungen, doch alles, was bei einer künstlichen Befruchtung danach kommt, müssen Paare selbst bezahlen. Das kann sie, gerade wenn es mehrere Anläufe braucht, schnell zwischen 15 000 und 40 000 Franken kosten.

Reiche Leute sind also im Vorteil.
Das ist leider so. Darum sollte es möglich sein, dass die Grundversicherung bei Paaren mit geringem Einkommen und Vermögen, aber guten Chancen auf Erfolg eine begrenzte Anzahl von Behandlungszyklen übernimmt.

Hand aufs Herz: Hat jeder Mensch ein Recht auf Kinder?
Ein Recht auf Kinder gibt es nicht. Aber so wie ein Mensch Anspruch hat auf die Behandlung einer Krankheit, hat er auch den Anspruch auf die Behandlung einer Unfruchtbarkeit.

Der Beginn des Lebens ist und bleibt ein Wunder

Bei der künstlichen Befruchtung ist es neu erlaubt, die Embryonen per Präimplantationsdiagnostik (PID) im Reagenzglas zu testen. Gegner der Reproduktionsmedizin befürchten, Sie züchten Designerbabys.
Ich verstehe diese Ängste. Aber die PID dürfen wir gemäss Fortpflanzungsmedizingesetz nur einsetzen, um eine schwere oder nicht therapierbare Erbkrankheit beim Kind zu vermeiden. Es geht nicht um blaue Augen, blonde Haare oder hohe Intelligenz – das ist keine Medizin!

Weiterhin verboten bleibt die Eizellenspende.
Ja, das ist so, und ich verstehe das nicht! Die Samenspende ist ja auch erlaubt. Wieso soll eine Frau, die zum Beispiel wegen einer Krebserkrankung keine Eizellen mehr hat, anders behandelt werden als ein Mann, der keine Spermien mehr hat? Eine Frau ohne befruchtungsfähige Eizelle muss heute nach Tschechien oder Spanien reisen, um an eine Spendereizelle zu gelangen. Mir wäre es lieber, man könnte alles in der Schweiz regeln.

Seit einigen Jahren können Frauen in der Schweiz ihre Eizellen einfrieren lassen, um sie später zu nutzen. Was halten Sie davon?
Sehr viel! Durch Social Freezing werden Frauen zu ihrer eigenen Spenderin, das ist ein ethischer Fortschritt. Denn sie übernehmen die Belastung der Eizellenspende selbst und müssen nicht auf eine Spenderin zurückgreifen.

Entscheiden sich Frauen für Social Freezing, weil sie zuerst Karriere machen wollen?
Das mag es zwar geben, aber ich habe noch keine Frau in meiner Sprechstunde gesehen, die ihre Eizellen aus Karrieregründen einfrieren lassen will.

Was motiviert sie denn dann?
Meistens sind es Frauen ab 35, die sich gerade von ihrem Partner getrennt haben, aber wissen, dass sie noch Kinder möchten. Da die Suche nach einem neuen Partner erfahrungsgemäss dauert, greifen sie auf diese Möglichkeit zurück.

Sagen Sie auch mal: «Ein kinderloses Leben kann genauso erfüllend sein»?
Natürlich! Manchmal sind die Chancen auf Erfolg leider nur sehr gering. Dann zeige ich Alternativen auf: Es kann weiterhin spontan klappen, es gibt die Eizellenspende oder eben die Kinderlosigkeit. Auch die Adoption wird dann häufig noch einmal thematisiert.

Ist Fortpflanzung für Sie mehr als eine Frage der medizinischen Machbarkeit?
Der Beginn des Lebens ist und bleibt ein Wunder. Unser Wissen und unsere Möglichkeiten sind nach wie vor sehr begrenzt. Es braucht immer noch eine grosse Portion – sagen wir dem Schicksal, Gott oder einfach Glück.

Die ganze Serie «Der Krampf ums Kinderkriegen» finden Sie hier im Dossier.

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