Claudia Graf Die Bierbrauerin zeigt ihr Reich

Prost Nägeli! Die erste Schweizer Braumeisterin, Claudia Graf, behauptet sich taff in einer Männerdomäne. Und widerspricht als Leiterin der Rheintaler Sonnenbräu auch mal ihrem Vorgänger, dem Vater.

Rote Nase, dicker Bauch, verschwitzte Haare, brauner Lederschurz? Nicht bei der Rheintaler Brauerei Sonnenbräu. Der Familienbetrieb, gegründet 1891 von Eduard Graf, wird in der fünften Generation geführt von dessen Ururenkelin Claudia Graf. 28 Jahre, Pumps, schickes Kleid. Ausgebildete Braumeisterin und Bankkauffrau. Mit klarem Ziel: das Image des Biers korrigieren. Weg vom «Saufgetränk», hin zum eleganten Drink. Wofür sich auch Frauen begeistern können. «Zu bitter», hört Claudia Graf oft als Argument. «Das ist ein Campari Orange aber auch», entgegnet sie dann.

Eine Jugendliebe war der gehopfte Gerstensaft aber auch für sie nicht. Ihr erstes Bier probiert sie zur Konfirmation mit 16. «Offiziell», sagt sie schmunzelnd. Zumindest «ein bisschen Schaum» lässt sie sich als Brauereitochter schon früher auf der Zunge zergehen. Da hält sich die Begeisterung über den Geschmack noch in Grenzen. Doch der Geruch, der ist ihr damals schon vertraut. Sie wächst wenige Schritte von der Brauerei entfernt in Rebstein SG auf. Hilft als Jugendliche in den Ferien im Betrieb aus. Beim «Bügeln» zum Beispiel. Nicht etwa beim «Öbergwändli»-Bügeln. Sondern beim Montieren der Bügel an den Flaschen.

Nicht im Traum denkt sie damals daran, dass sie in den Betrieb eintreten könnte. Ihr Vater auch nicht. «Geht lieber mal nach München und lernt einen jungen Braumeister kennen», sagt er jeweils aus Jux zu seinen drei Töchtern. Doch Claudias ältere Schwestern Stephanie, 31, und Regula, 29, werden Krankenpflegerinnen wie ihre Mutter Christina, 67. Claudia macht eine KV-Lehre auf der Bank und danach ein Sprachlehrjahr. Erst während der Berufsmatura macht sie sich konkret Gedanken über ihre Zukunft. Ihr Ziel: ein Job im betriebswirtschaftlichen Bereich. Mit dem gesunden Familienbetrieb im Hintergrund und ihrem Traditionsbewusstsein ist der Fall bald klar. Zumal sie inzwischen Bier richtig mag.

Was für eine Freude für den Papa! Zwar würde so zum ersten Mal nicht ein Eduard oder Arnold, wie alle Vorfahren hiessen, die Sonnenbräu führen. Aber Hauptsache, eine Graf! Claudia macht Praktika im Betrieb und bei vier weiteren Brauereien. Danach zieht sie nach München! Nicht um den besagten jungen Braumeister zu finden, sondern um selber einer zu werden. Auswahl für einen Bräutigam hätte sie jedoch genug: Von den 44 Auszubildenden sind nur drei Frauen. In der Zweitausbildung für junge Nachfolger gar nur noch zwei.

Als erste Schweizer Braumeisterin tritt sie 2009 in die Sonnenbräu ein, vorerst in den Bereichen Marketing und Verkauf. Drei Jahre später übernimmt sie die Geschäftsführung. Und plötzlich haben die Mitarbeitenden statt dem jahrzehntelang tätigen Patron eine junge Frau vor der Nase. Die Umgangsformen sind von Vornherein geklärt, denn im Rheintal sieht man das locker: Hier ist man viel schneller mit allen per Du. Eben auch mit der Chefin. Verantwortung zu übernehmen, hat Claudia früh in Pfadi und Turnverein gelernt. Und wie man sich Gehör verschafft, kann sie regelmässig bei ihren Referaten an Wirtschaftstagungen oder Frauenforen trainieren.

Im Vergleich zu ihrem Vater hat sie im Betrieb zwei, drei Regeln mehr aufgestellt. «Bei Papas natürlicher Autorität wusste man gleich, was man durfte und was nicht.» Dank den Regeln ist es nun auch bei ihr klar. Und was, wenn es Unstimmigkeiten zwischen ihnen beiden gibt? «Wir sind uns oft einig», sagt sie. Der Papa liess sie von Anfang an machen, steht ihr aber bei wichtigen Entscheiden zur Seite, etwa bei der Beschaffung der neuen Abfüllanlage für zwei Millionen Franken. «Das letzte Wort habe ich.» Wenn er damit nicht einverstanden sei, frage er: «Hast du dir das gut überlegt?»

Claudia Grafs erstes «Baby»: Sonnenbräu alkoholfrei. Arnold Graf hatte sich immer gesträubt, weil für ihn ein «richtiges» Bier alkoholhaltig ist. Sie hingegen störte es mehr, eine fremde Marke im Sortiment zu haben. Die Chefin hatte das letzte Wort. Ihr zweites Baby: ein Moscato-Bier-Cocktail im edlen Alufläschchen. «Diva» verkauft sich wie warme Weggli. Vor allem bei Frauen, die sie damit auf den Geschmack von Bier bringen will.

Und jetzt noch ein richtiges Baby? «Irgendwann schon, ja.» Wäre es ein Sohn, hiesse er nach ihrem eigenen Wunsch Eduard oder Arnold. Aber zuerst muss ein Papa her dafür. Schliesslich ging Claudia Graf damals nicht nach München, um einen Braumeister für sich zu suchen.

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