Schriftsteller Lukas Hartmann über Rupperswil «Mörderische Gewalt könnte in uns allen lauern»

Der Fall Rupperswil hat die Schweiz schockiert – und gefesselt. Warum das so ist, beschreibt Lukas Hartmann. Der Autor hat selbst erlebt, wie ein unauffälliger Mann zum Mörder wurde.  
Lukas Hartmann SI Ausgabe vom 16.03.2018
© KEYSTONE/Alessandro della Valle

Der Berner Autor, 73, hat mit «Ein passender Mieter» die Story des Mitternachtsmörders nacherzählt.

Manchmal kommt das Böse auf leisen Sohlen daher, in meine Nähe, oder eine Ahnung vom Bösen ist auch in mir selbst, und ich möchte es lieber gar nicht entdecken. Aber was ist es denn, das Böse? Es ist in meinen Augen das Zerstörerische, das Mitleidlose, die Lust, andere gefügig zu machen, Macht über sie zu haben, sie auszubeuten, zu quälen, zu töten.

Vor Jahren gehörte ein unauffälliger junger Mann zu meinen Nachbarn. Er war schweigsam, ein hart trainierender Sportler, wir grüssten uns höflich. Und dann stellte sich heraus, dass er der Mitternachtsmörder war, den die ganze Region während Wochen fieberhaft gesucht hatte, der Mann, der junge Frauen verfolgt, misshandelt und eine von ihnen getötet hatte. Es war ein Schock für mich. Was hatten wir übersehen? War ich, waren wir alle im Quartier denn blind gewesen? Dass der Mörder sich später in seiner Zelle erhängte, war kein Trost.

Thomas N. schien einer zu sein wie du und ich

Der Vierfach-Mörder von Rupperswil hat sich nicht selbst gerichtet. Er sass im Gerichtssaal und bleibt jetzt lebenslänglich im Gefängnis. Was er verbrochen habe, sei krank, hat er selber gesagt. Seine Taten haben mich erneut aufgewühlt, ebenso wie der Prozess, der in allen Medien hohe Wellen warf. Was lässt uns derart gebannt hinschauen?

Dieser Thomas N. schien doch einer zu sein wie du und ich. Und nun zeigt sich: Das war er nicht. Er hat Undenkbares getan, sich in einen grauenhaften Gewaltexzess gesteigert. Nein, keiner wie du und ich. Aber er lebte in einer Schweizer Gemeinde mit viereinhalbtausend Einwohnern, er spricht Dialekt, trainierte den Fussballklub der Junioren, das rückt ihn in unsere Nähe, macht umso unbegreiflicher, was er tat, und zugleich ist unsere Neugier, unsere widerwillige Faszination so gross, dass wir hinsehen, wenn wir eigentlich wegsehen möchten.

Diese Geschichte hat mit dem Menschsein zu tun

Wir ahnen: Diese Geschichte hat mit uns persönlich, dem Menschsein überhaupt zu tun. Wenn wir Thomas N. zum Unmenschen machen, blenden wir aus, dass die Möglichkeit zur mörderischen Gewalt letztlich in uns allen lauern könnte. Wir haben zum Glück gelernt, solche Impulse zu bändigen. Umso mehr verabscheuen wir sie bei denen, die ihnen gehorchen, und gerade deshalb, vermute ich, wollen wir alles wissen, was mit ihren Taten zusammenhängt.

Der extreme Einzelfall von Rupperswil erlaubt es, uns mit den Opfern, dem ganzen erschütterten Dorf zu solidarisieren und den Täter zu verabscheuen. Das ist weniger komplex, leichter durchschaubar als ein Kriegsgeschehen, ein blutiger Terroranschlag mit Hunderten von Toten weit weg.

Das Abartige, das Böse schlägt uns in seinen Bann

Was uns derart in Bann schlägt, das Abartige, das Böse, das wir in Thomas N. erkennen, ist jedoch nicht einzigartig. Seine Spuren ziehen sich durch die ganze Menschheitsgeschichte. Im alten Rom wurden die frühen Christen in der Arena, zum Gaudium des Publikums, von wilden Tieren zerrissen. Im Mittelalter gab es, und dies im Namen der Gerechtigkeit, furchtbare Todesarten vom Häuten bei lebendigem Leib bis zum Verbrennen von Hexen, dem Tausende von Gaffern beiwohnten. Das Schrecklichste war wohl der Massenmord in den Konzentrationslagern des Dritten Reichs; es ist kaum erträglich, sich damit vertieft auseinanderzusetzen. Was heute im Syrienkrieg geschieht, was gerade auch Kinder bei Belagerungen und Bombenangriffen zu erleiden haben, wirkt wie ein Echo auf eine Zeit, die wir überwunden glaubten.

Wir müssen einsehen, dass der Mensch ein Mischwesen ist, zu Gutem ebenso fähig wie zum Allerschlimmsten. Warum die einen zu Folterern werden und andere die Kraft haben, sich mörderischen Befehlen zu widersetzen, ist für mich letztlich ein Rätsel.

Die Würde der Demokratie

Wir in diesem Land sind privilegiert, wir leben in einem Rechtsstaat, und das darf uns beruhigen. Es wird immer wieder zu unbegreiflichen Taten kommen. Aber der Rechtsstaat mit seinen Gesetzen und den unabhängigen Gerichten grenzt das Böse ein, tritt ihm entgegen, verurteilt die Täter nach seinen Massstäben, lässt eine gewaltsame Lynchjustiz nicht zu. Das gehört zur Würde einer Demokratie. Unsere Gesetze gewähren auch in einem monströsen Fall wie dem von Rupperswil dem Täter einen fairen Prozess mit Anklage und Verteidigung, selbst wenn in den sozialen Medien die Rachephantasien überschwappen.

Darüber bin ich froh, denn auch in mir blitzt momentweise der Gedanke auf, dass ein Mensch wie der Täter von Rupperswil ein Weiterleben nicht verdient. Doch die Stärke des Rechtsstaats zeigt sich im Umgang mit seinen schlimmsten Gegnern. Und letztlich schützt mich der Rechtsstaat, zu dem ich gehöre, nicht nur vor anderen, sondern auch vor mir selbst, und das ist gut so.

 
 
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