Heute ist Digitaltag Das sind die Ingenieure der Zukunft

Intelligente Maschinen möchten unsere Bankberater, Assistenten und Mitbewohner werden. Aber wollen wir das auch? Softwareentwicklerin Tilke Judd und ihre Mitstreiter wissen schon heute, wie wir in zehn Jahren leben.
Tilke Judd
© Nicolas Righetti

Mehr als ein Spielzeug: Im Stahl-Iglu bei Google Zürich präsentiert Computer-Scientist Tilke Judd den «persönlichen Assistenten», der uns das Leben leichter macht. 

Tilke Judd, Google, Zürich: Allwissender Assistent

«Hey Google, wie hoch ist der Eiffelturm?», fragt Tilke Judd, 37, lächelnd. Aus der weissen Box antwortet eine freundliche Frauenstimme: «Der Eiffelturm ist 324 Meter hoch.» – «Und wer hat ihn erbaut?» Auch diese Frage beantwortet die Stimme richtig. «Google Home ist wie ein persönlicher Assistent», sagt Softwareentwicklerin Judd, «er beantwortet Fragen und hilft bei der Organisation des Alltags.» 

Digitaltag Tilke Judd
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Ein digitaler Butler: Zu Hause lässt sich Tilke Judd von Google Home wecken. «Meine beiden dreijährigen Töchter nennen ihn einfach den Google.»

Die Kanadierin lebt mit ihrer Familie seit sieben Jahren in der Schweiz. Am Google-Sitz in Zürich versucht sie, den digitalen Butler noch intelligenter zu machen. «Wir arbeiten auch an einer Version für Schweizer Kunden.» Schon jetzt kann Google Home seinen Besitzer wecken, das Licht anschalten, sagen, wie das Wetter wird, welche Termine anstehen, vom Büro aus Sprachnachrichten nach Hause schicken, Kochrezepte recherchieren, Musik abspielen und natürlich Fragen beantworten. «Googeln» heisst in diesem Fall nicht tippen, sondern mit der Maschine – auf Hochdeutsch – sprechen.

Die Box wird aktiv, sobald jemand «Hey Google» oder «Okay Google» sagt. Was sie sonst so hört, löscht sie laut Judd im Sekundentakt. Benutzer können die Software, die auch auf dem Handy funktioniert, mit dem Kalender, den Mails oder den Glühbirnen zu Hause verknüpfen – je nachdem, wie viele Daten sie preisgeben möchten. Tilke Judd denkt schon an den nächsten Schritt: Die weisse Box soll sich merken, ob sein Besitzer laktoseintolerant ist und zu welchem Beck er am liebsten geht. Ganz wie ein richtiger Butler.

Martin Kathriner, Samsung, Luzern/Lausanne: Gedanken-Übermittler

«Unsere Schüssel da oben ist der Wahnsinn», sagt Martin Kathriner, 39, und zeigt auf sein Gehirn. Zurzeit bedeckt eine Art Badekappe mit Schläuchen seinen Kopf. «Ich kann damit den Fernseher nur mit meinem Hirn steuern!» Die Mütze ist mit Sensoren versehen, die Kathriners Hirnströme messen. Auf dem TV-Bildschirm erscheinen vier Schachbrettmuster. Konzentriert er sich auf eines der Schachbretter, löst das Hirn eine Reaktion aus – der Sender wechselt oder die Lautstärke nimmt zu. «Diese Technik soll Menschen mit Beeinträchtigungen ein selbstständigeres Leben ermöglichen», sagt Kathriner, der bei Samsung Electronics Schweiz die Trends von morgen ermittelt. Die Idee hatte der Luzerner, als er von einem Forscher hörte, der mit dem Hirn das Licht ausschaltet. Zusammen mit der ETH Lausanne entwickelte Samsung das Projekt Pontis. 

Digitaltag Martin Kathriner
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TV mit Hirn: Martin Kathriner im Campus Biotech in Genf, wo die ETH Lausanne den Fernseher der Zukunft testet.

Wichtig war Kathriner, dass der Prototyp in der Schweiz und nicht im Silicon Valley in Kalifornien entsteht. «Wir haben hier hervorragende Leute!» Diese sind auch schon dabei, Pontis weiterzuentwickeln. «Unsere Vision ist ein Smart Home für Menschen mit Behinderung – alle Geräte im Haus sollen mit dem Hirn gesteuert werden.» Dazu bräuchte es aber eine kabellose Mütze oder – auch das ist noch eine Vision – einen Kleber hinter dem Ohr. Könnte diese Technik künftig für jedermann zugänglich sein? «Wieso nicht? Ich wäre der Erste, der das ausprobiert.»

Susanne Dröscher & Thomas Helbling, Caru, Zürich: Mitbewohner für Senioren

Wäre es nicht toll, hätten ältere Menschen einen Zimmergenossen, der merkt, wenn bei ihnen etwas nicht stimmt? Der hilft, den Kontakt zu Familie und Freunden zu halten? «Wir möchten Menschen, die im Alter alleine wohnen, Sicherheit geben.» Thomas Helbling, 39, und Susanne Dröscher, 34, haben das Start-up Caru gegründet. Der Elektrotechniker und die Materialwissenschaftlerin kamen nach dem Studium zum Schluss, dass ältere Personen zu wenig vom technischen Fortschritt profitieren. Deshalb haben sie in Caru Sensoren eingebaut, die registrieren, wie warm es ist, wie feucht, wie hell und – das ist wichtig – wie viel CO2 in einem Raum ist. Die Luft, die wir ausatmen, enthält sehr viel davon. 

Digitaltag Susanne Dröscher Thomas Helbling
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Ein stiller Helfer: «Auch Senioren sollten Sprachnachrichten empfangen können.» Die Deutsche Susanne Dröscher und der Thurgauer Thomas Helbling schwören auf Caru. 

So merkt Caru, ob jemand still sitzt oder aktiv ist, den Raum verlassen hat oder nicht. Mit der Zeit lernt Caru den Alltag seines Mitbewohners kennen. Bemerkt er eine Unregelmässigkeit, etwa dass die Person das Schlafzimmer bis zum Mittag noch nicht verlassen hat, schickt er eine Textnachricht an die Angehörigen: «Prüft mal, ob alles okay ist.» Zudem versteht Caru einzelne Wörter wie «Hilfe» und kann Angehörige oder Ärzte kontaktieren. «Sonst ist er aber dumm», sagt Thomas Helbling, «er misst die Lautstärke der Geräusche, versteht aber nicht, was gesagt wird.» 

Caru ist noch nicht käuflich, derzeit wird er in Altersheimen getestet. Geht es nach den beiden Entwicklern, hilft er Senioren bald dabei, länger in den eigenen vier Wänden zu bleiben. 

Mark Bürki, Swissquote, Gland VD: Berater ohne Gefühle

Wem würden Sie Ihr Geld anvertrauen: dem Anlageberater oder einem Algorithmus? Kunden von Swissquote lassen sich bei Vermögensverwaltung und Aktienhandel von einem Algorithmus namens Robo-Advisor leiten. «Wir haben zwei Millionen Produkte im Angebot», sagt Swissquote-CEO Marc Bürki, 57, «ein Mensch würde da den Überblick verlieren.» 

Digitaltag Marc Bürki
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Eine digitale Bank: Marc Bürki im Swissquote-Hauptsitz in Gland VD: «Faszinierend, aber auch etwas beängstigend, wie schnell sich Technologien entwickeln.»

Der Elektroingenieur ist ins Bankgeschäft «reingerutscht». Und zwar 1996, als er Börsenkurse in Echtzeit im Internet publizierte. Dann wurde Swissquote zur digitalen Bank. «2020 wird unser Roboter circa eine Milliarde Franken verwalten.» Wer mithilfe des Robo-Advisors Geld anlegt, gibt an, welches Risiko er eingehen möchte, welche Rendite er erwartet und wo er investieren will – eigentlich ähnlich wie beim Kaffee mit dem Bankberater. «Im Gegensatz zum Menschen bewertet der Algorithmus die Entwicklung an den Märkten innert Sekunden und lernt aus allem, was passiert.» 

Bürki kaufte sich mit 17 einen der ersten Commodore-Computer, «eine riesige Kiste». Jetzt glaubt er, dass ein virtueller Assistent einst all unsere Bankgeschäfte übernimmt: den Lohn kontrolliert, die Kreditkarte überwacht, unsere Anlagen optimiert. «Vielleicht laden wir bald ein Hologramm zum Kaffee ein.» 

Remo Kienzler, IBM, Zürich: Künstliches Gehirn

Romeo Kienzler stellt seinen Robotern ähnliche Aufgaben wie seinen Kindern. «Wenn ich sie frage, welches der Tiere auf einem Bild krank ist, zeigen sie auf jenes, das nicht frisst.» Vergleichbar funktioniert die künstliche Intelligenz. «Unsere Software stellt zum Beispiel beim Bergbauern fest, wann seine Geissen krank sind.» Den Ziegen werden Sensoren angebracht, die aufzeichnen, wie und wo sie sich bewegen. «Verhält sich eine Geiss anders als sonst, warnt die künstliche Intelligenz den Bauern.» 

Digitaltag Romeo Kienzler
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Ein neues Wesen: «Niedliche Roboter können den Menschen die Angst vor künstlicher Intelligenz nehmen.» Romeo Kienzler will Nao noch schlauer machen. 

Für IBM baut der 39-jährige Datenwissenschaftler «neuronales Gewebe, eine Art künstliches Hirn». Das ist auch bei Nahrungsmitteln nützlich: Klebt ein Importeur einen Sensor an eine Kiste Mangos, weiss er nachher, wo sie überall war und weshalb die Früchte unterwegs verfault sind. «Als nächsten Schritt soll die künstliche Intelligenz selber die beste Reiseroute für die Mangos ermitteln.» Dazu muss sie sich erinnern können und aus der Vergangenheit lernen – so wie wir Menschen auch. 

«Ich verstehe, dass das Thema manche Leute beunruhigt», sagt Kienzler, der auch erforscht, welche Fehler Algorithmen machen und ob sie voreingenommen sind. «Unser Alltag wird durch die künstliche Intelligenz erleichtert werden, aber der Mensch behält die Kontrolle.»

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