Ein Dorf auf der Couch Die grösste Homestory der Schweiz

Mehr als 400 der 1000 Einwohner der Aargauer Gemeinde Freienwil haben mitgemacht und sich zu Hause für ein einmaliges Experiment vor die Kamera gesetzt. 

Ruth Erdt, in Freienwil besuchten Sie ein halbes Jahr lang über hundert Haushalte. Wie kams dazu?
Ich wurde zu diesem Kunstprojekt von Dorothea Strauss eingeladen. Sie verantwortet bei der Mobiliar das Gesellschaftsengagement und hat «Eine Chronik für Freienwil» in Verbindung eines Hochwasserschutzprojektes entwickelt.

Die Verlegung des Dorfbaches führte zu einem Kunstband für Freienwil.
Mich hat das Projekt sofort angesprochen, weil es einmalig ist und eine Herausforderung darstellte. Dafür habe ich Zürich verlassen und bin nach Freienwil gezogen. Es war wichtig, da zu wohnen und nicht von ausserhalb zu kommen.

Cooler Job.
(Lacht.) Einen Moment überlegen musste ich schon, bevor ich zusagte. Ich ahnte, dass das Projekt intensiv würde, aber eben auch spannend. Also suchte ich mir auf eigene Faust eine Wohnung. So wurde ich temporär ein Teil des Dorfes. Ich ging in Freienwil einkaufen, spazieren, joggen, und ich kannte bald viele Leute.

Wie erlebten Sie Ihre Arbeit als Künstlerin vor Ort?
Vor jeder Begegnung mit den angemeldeten Freienwilern hatte ich grossen Respekt. Nie wussten wir, was uns erwartet, wie die Location aussieht, was es für Menschen sind. Mir war wichtig, die Menschen so zu porträtieren, wie sie sich darstellten, in ihrem Zuhause, in ihrem Leben, und eine Authentizität im Bild zu vermitteln.

Wie strukturierten Sie Ihre Arbeit?
Alle Interessierten konnten sich via Gemeinde freiwillig für ein Shooting bei mir anmelden. Rasch waren es 200, 300 Personen. Dann zog ich mit meiner Crew systematisch von Tür zu Tür.

Es war wichtig, da zu wohnen

Und jene, die nicht mitmachen wollten?
Man respektierte sich gegenseitig. Es kamen im Laufe meiner Arbeit Zusagen dazu. Weil die Nachbarn schwärmten, wie toll die Fototermine abliefen.

Wie bewahrt man sich bei der Fülle an Porträts die Kreativität?
Es braucht Disziplin, ein «frisches Auge» zu behalten. Doch die Abwechslung erleichtert die Arbeit. Ich fotografierte Grossfamilien, Singles, alte Menschen, junge Menschen. Auf Bauernhöfen, in Villen und in Blockwohnungen. Bei jeder Familie war der Termin für mich etwas Spezielles und Intimes, egal, ob ich vorher schon fünf andere besuchte.

An der Vernissage in Freienwil standen die Leute diesen Sommer Schlange, damit Sie das Buch signieren. Viele küssten und umarmten Sie.
Das hat mich umgehauen und sehr berührt. Es war eine meiner schönsten Vernissagen. Es sind so viele Freundschaften entstanden. Das Projekt hat enorm Kraft freigesetzt. Nicht nur bei mir, sondern auch zwischenmenschlich und in der Dorfgemeinschaft.

Wie meinen Sie das?
Viele sagten mir, dass sie ihr Dorf anders, bewusster wahrnehmen, seit es das Buch gibt.

Unter den vielen abgebildeten Schweizer Vorzeigefamilien fällt auf, wie stolz und selbstbewusst die Alleinstehenden posieren.
Eine spannende Beobachtung. Und ein gutes Zeichen für unsere Gesellschaft.

Auch interessant