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Frauen in Männerberufen

6 starke Vorbilder für eure Töchter!

Geht nicht? Gibts nicht! Diese Vorkämpferinnen behaupten sich auf dem Bau, im Bunker oder in der Brandruine. Sie erobern Männerbastionen, managen Kinder und Karriere und zeigen dabei viel Herz und Humor.

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Marion Nitsch

Die rosa Kommandantin: Sarah Brunner, 30, angehende Berufsoffizierin

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In der Kaserne: Sarah Brunner, 30, auf dem Waffenplatz Zürich-Reppischtal. Sie ist die erste Kommandantin einer Infanteriekompanie.

Marion Nitsch/Lunax

Mit zwei pinken Sporttaschen stand Sarah Brunner als 18-Jährige vor der Militärkaserne. Ihr Leben glich einem Trümmerfeld: Sie flog vom Gymnasium, weil sie schwänzte, verbrachte mehr Zeit in Klubs als im Klassenzimmer, und von Disziplin hatte sie keine Ahnung. «Aber nie hätte ich gedacht, dass ich beim Militär lande», sagt die Stadtzürcherin.

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Die Entscheidung, in die Rekrutenschule zu gehen, traf sie mit ihrem Vater – einem «Alt-68er» wie sie sagt. «Für ihn war die Armee eine Pfadi mit Sprengstoff. Aber er wusste, das würde mir guttun.» Für Brunner hiess es plötzlich Drill und Dreck statt Partys und Prosecco. «Es war eine harte Schule.» Doch sie zog die RS durch – und leckte Blut.

«Ich hätte nie gedacht, das ich beim Militär lande.»

Sarah Brunner

Heute, mit 30 Jahren, ist sie angehende Berufsoffizierin und erste Kommandantin einer Infanteriekompanie in einem Zürcher Bataillon. Sie engagierte sich als Uno-Blauhelm in der Friedensförderung im Libanon, in Syrien und Mali. «Ich habe meinen Platz gefunden und bin glücklich.» Obwohl sie als Frau in der Minderheit sei, habe das in ihrer Ausbildung nie eine Rolle gespielt. «Klar schauen die Leute oft komisch, aber eine Frau in Uniform sieht man halt nicht jeden Tag», sagt sie und lacht. «Auch ich schaue zweimal, wenn ich eine Soldatin sehe.» Ihr ist wichtig, dass die männlichen Kameraden nie auf sie warten oder ihren Rucksack tragen mussten. «Mit meiner Truppe bin ich streng, aber fair.» Und wenn es drinliegt, trinke sie auch gerne ein Bier mit den Männern.

Die Wetterfeste: Katja Moser, 21, Strassenbauerin

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Auf dem Bau: Katja Moser wuchs mit drei Schwestern auf und arbeitet in der Baufirma ihres Vaters in Eschlikon TG.

Marion Nitsch/Lunax

Dass Katja Moser Strassenbauerin wird, überraschte niemanden ausser sie selber. «Ich habe unzählige Schnupperlehren gemacht: im Büro, im Lager, in der Tierpraxis.» Nichts gefiel ihr. «Als ich im letzten Schuljahr ohne Lehrstelle dastand, bekam ich langsam Panik», sagt die 21-jährige Thurgauerin aus Au.

«Ich bin sehr dominant und kann gut kontern.»

Katja Moser

Ihr Vater arbeitet als Strassenbauer – also schnupperte sie auf der Baustelle, und «es passte einfach». In der Berufsschule war sie das einzige Mädchen und lernte schnell, sich durchzusetzen. «Ich bin sehr dominant und kann gut kontern. Das hat mir sicher geholfen, akzeptiert zu werden.»

Strassenbauerin ist ein strenger Job, für Katja Moser aber kein Problem. «Seit ich auf dem Bau arbeite, schlafe ich gut.» Sie steht stets draussen, bei Wind und Wetter. «Irgendwann werde ich vielleicht Bauführerin.» Aber jetzt geniesse sie einfach jeden Tag, an dem sie an der frischen Luft arbeitet.

Die Allesschafferin: Simone Hofer, 50, Chirurgin

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Im OP: Simone Hofer im Kantonsspital Chur. 90 Prozent ihrer Arbeitskollegen auf der Gefässchirurgie sind Männer.

Marion Nitsch/Lunax

Sie ist müde von der Arbeit, die Kinder weinen, ein Berg schmutziger Wäsche wartet. In solchen Momenten fragte sie sich oft: «Warum tue ich mir das an?»

Simone Hofer, 50, ist Leitende Ärztin der Gefässchirurgie im Kantonsspital Chur und Mutter von vier Söhnen im Alter von acht bis 17 Jahren. «Es war und ist oft ein Krampf. Aber trotzdem bin ich glücklich», sagt sie.

Hofer arbeitet Teilzeit, 70 Prozent. Für die Zürcherin bedeutet das aber über 40 Stunden in der Woche – ohne die Wochenenddienste dazuzuzählen. «Auch wer Teilzeit arbeitet, kann alles geben. Nur so gelingt die Karriere. Aber klar, auch ich muss immer wieder Kompromisse eingehen.» In der Ausbildung war sie oft die einzige Frau. «Es gab keine richtigen Vorbilder in der Chirurgie. Vorgesetzte legten mir nahe, ich solle doch Gynäkologin oder Anästhesistin werden.»

Doch sie wusste, was sie wollte: Chirurgin sein und eine grosse Familie haben. «Ich hatte auch Glück, dass mein Mann mich in dieser Entscheidung immer unterstützte.» Er ist Urologe – sie sind seit fast 20 Jahren verheiratet.

«Meine Mutter und meine Schwiegermutter halfen uns sehr. Als die Kinder klein waren, passten die Grossmütter je einen Tag in der Woche auf ihre Enkel auf.» An den übrigen Arbeitstagen gab sie die Kinder in die Krippe. Als der älteste Sohn in den Kindergarten kam, halfen Nannys bei der Betreuung.

Wenn Simone Hofer heute zurückschaut, weiss sie: «Das Krampfen hat sich gelohnt. Ich habe viel Freude an meiner Arbeit und meiner Familie und würde alles genau nochmals so machen.» Jungen Frauen rät sie: «Kinder und Karriere lassen sich vereinbaren – man muss sich aber auf wenig Freizeit einstellen. Und wer die Karriere in Teilzeit vorantreiben will, muss sicher deutlich mehr arbeiten und sich eben nicht immer auf seine freien Tage berufen.»

«Ich kann nicht immer überall dabei sein!»

Simone Hofer

Die orange Anpackerin: Nadja Ambühl, 29, Müllentsorgerin

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Im Werkhof: Nadja Ambühl aus Davos GR will kein Bürojob. «Mit dem Müllwagen zu fahren, macht mehr Spass.»

Marion Nitsch/Lunax

Das könnte ich nie machen! Willst du keinen normalen Job? Wääh, das ist doch gruusig! Nadja Ambühl, 29, musste sich von ihrem Umfeld einiges anhören, als sie vor sechs Jahren bei der Kehrichtentsorgung in Davos GR zu arbeiten anfing. «Wichtig war nur, dass meine Familie hinter mir stand.»

Zuvor hatte die Bündnerin eine Lehre als Sportartikelverkäuferin abgeschlossen und zwei Jahre auf dem Beruf gearbeitet. «Das war ganz angenehm – aber am Abend war ich gar nicht richtig müde.» Action fehlte in ihrem Leben! Sie machte 2010 die Jagdprüfung und wechselte den Job: Zuerst ging sie als Eisenlegerin auf den Bau, später arbeitete sie bei den Bergbahnen. Und dann entschied Nadja Ambühl: Ich werde Müllfrau!

«Ich bin Berglerin und nicht auf den Mund gefallen.»

Nadja Ambühl

«Klar, man muss anpacken können, wenn man sich für diesen Job entscheidet. Ausserdem bin ich eine Berglerin und nicht auf den Mund gefallen.»

Ambühl wuchs als jüngstes Kind mit zwei Schwestern und einem Bruder in einer Bauernfamilie in Davos Sertig auf. Ihr Bruder Andres wurde Eishockeyspieler beim HC Davos. «Wir sind alle gut im Anpacken.»

Bei der Mülldeponie macht sie alles: den Müllwagen fahren, Kehrichtsäcke einsammeln und den Abfall im Werkhof sortieren. «Von der PET-Flasche bis zum Tierkadaver – bei uns kommt alles zusammen.» Und sogar an den Gestank gewöhne man sich mit der Zeit, sagt Nadja Ambühl.

Die Überfliegerin: Natacha Walther, 45, Pilotin

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Im Cockpit: «Viele schauen komisch – vorallem, wenn wir gleich zwei Frauen sind.» Natacha Walther ist Kapitänin bei der Swiss.

Marion Nitsch/Lunax

Fliegen – das war schon immer ihr grösster Traum. «Seit ich das erste Mal als kleines Mädchen ein Flugzeug betrat, wollte ich Flight-Attendant werden.» Mit 20 Jahren bewarb sich Natacha Walther dann bei der Swissair. Ihre Pläne sahen inzwischen aber etwas anders aus: Statt die Stelle der Stewardess wollte sie nun die der Pilotin – und erhielt auch einen Ausbildungsplatz. «Ich kam in eine Ausnahmeklasse, denn wir waren sogar zwei Frauen.»

Walther, 45, sitzt im Cockpit und bereitet sich vor: In einer Stunde fliegt sie mit einem Airbus A330 und rund 200 Passagieren nach New York. An ihrer Uniform trägt sie vier Goldstreifen: Walther ist Kapitänin für Langstreckenflüge bei der Swiss in Zürich.

Ihre Arbeit im Cockpit unterscheidet sich nicht von jener des Co-Piloten. Als Kapitänin hat sie aber mehr Berufserfahrung und die alleinige Verantwortung über den Flug und die gesamte Cockpit- und Kabinenbesatzung.

«Ich fliege nur mit zwei Fingern. Das braucht keine Kraft.»

Natacha Walther

Walther gehört zu den fünf Prozent Frauen, die bei der Swiss als Pilotin arbeiten. «Ich weiss nicht, warum sich nur wenige Frauen für diesen Job interessieren.» Es sei kein physischer, sondern ein mentaler Job. «Ich fliege nur mit zwei Fingern, das braucht keine Kraft.» Schon am Tag vor dem Abflug schaut sie sich die Wetterlage an. «Im Winter ist der Schnee eine Herausforderung, im Sommer die Gewitter. Wichtig ist, das ich stets weiss, was während des Fluges auf mich zukommen könnte.»

Natacha Walther lebt in Montreux VD und ist verheiratet. Als sie sich 1994 für die Stelle als Pilotin bewarb, habe sie sich keine Gedanken gemacht, ob das nun ein Männerjob sei oder nicht. «Ich wusste einfach: Ich will fliegen!»

Die Feuerfeste: Andrea Schöb, 48, Feuerwehrfrau

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Auf der Wache: «An der Stange passieren weniger Unfälle als auf der Treppe.» Andrea Schöb, 48, bei der Feuerwehr in St. Gallen.»

Marion Nitsch/Lunax

Bis 1991 durften die Frauen im Kanton St. Gallen nicht zur Feuerwehr. Als sich das änderte, schloss Andrea Schöb gerade die Rekrutenschule ab und entschied: «Ich gehe zur Betriebsfeuerwehr.»

Zwei Jahre später heiratete sie und baute mit ihrem Mann ein Haus in Thal SG. «Ich war sehr glücklich, denn ich hatte immer vom Eigenheim und einer grossen Familie geträumt.» Mit 24 Jahren bekam sie ihr erstes Kind. «Mir war es wichtig, als Mutter zu Hause zu bleiben.» Sie blieb 15 Jahre Vollzeit-Mami von zwei Töchtern und zwei Söhnen. «Ich wollte eigentlich sechs Kinder, aber irgendwann hat mein Mann gestreikt», sagt die heute 48-Jährige. Sie trat der Milizfeuerwehr im Dorf bei und gründete die Jugendfeuerwehr. Schöb wurde 2004 die erste Feuerwehrinstruktorin des Kantons.

«Ich wollte eigentlich sechs Kinder.»

Andrea Schöb

Als der jüngste Sohn zehn Jahre alt war, beschloss sie, wieder ins Berufsleben einzusteigen. «Das war nicht einfach! Aber ich wusste: Mit knapp 40 Jahren ist der richtige Zeitpunkt, um nochmals durchzustarten.»

Seit zwei Jahren ist sie die erste Frau im Kommando der vollberuflichen Feuerwehr und des Zivilschutzes im Kanton St. Gallen. «Die Männer mussten sich daran gewöhnen, Instruktionen von einer Frau zu bekommen», sagt Schöb und lacht.

Von Silvana Degonda am 30.03.2019
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