Sieben Tage Leutschenbach Gion Mathias Cavelty testet das Schweizer Fernsehen

Die Schweiz streitet über das neue Radio- und TV-Gesetz. Schriftsteller und Satiriker Gion Mathias Cavelty wagt den Selbstversuch und schaut eine Woche lang nur Schweizer Fernsehen. Wie viel Service public kriegt man für seine Gebühren? Der schonungslose Report.
Gion Mathias Cavelty über RTVG SRF Kritik Abstimmung
© Kurt Reichenbach

«Irgendwie habe ich das Gefühl: SRF will gar keine tollen Sendungen machen», sagt Gion Mathias Cavelty.

Donnerstag
Um 17.40 Uhr schalte ich den Fernseher ein. Auf SRF zwei läuft der Dokumentarfilm MODERNE WUNDER KOMPAKT: WHISKEY-HERSTELLUNG. Dokumentarfilme sind gut, da kann man immer etwas lernen. Bravo, SRF! Ich erfahre, dass George Washington nicht nur der erste Präsident der USA war, sondern auch selbst eine Whiskey-Destillerie besass. In der Folge wird demonstriert, wie man einen Whiskey namens Moonshine brennt, «der so stark ist, dass man von ihm sagt, dass er den Durst des Teufels löschen kann». Doch, doch, mein Horizont wird durch diese Sendung eindeutig erweitert. Und auch für die kleinen Kinder im Land, die jetzt durchs Nachmittagsprogramm zappen, ist das Ganze bestimmt lehrreich.

18.40 Uhr: GLANZ & GLORIA. Moderatorin Annina Frey interviewt Roberto Blanco (originelle Wahl!) in einer pinken Stretch-Limousine. Roberto untermauert sein fortschrittliches Frauenbild mit Aussagen wie: «Oh, was sehen meine Augen: Die schönste Beinen aus der Schweiz! Kuck! Sieh mal das an! Alles für Roberto!» Journalistisch hochstehend dann auch das Interview von Frau Frey, bestehend aus «frechen Behauptungen» wie «Roberto Blanco - Sie lieben es, ein Star zu sein» oder «Roberto Blanco - ich behaupte: Sie wollten schon immer berühmt werden». In einem Kurznachrichtenblock erfährt der Zuschauer, dass Johnny Depp Ärger mit der «australischen Behörde» hat, weil er seine Hunde bei der Einreise offenbar nicht in Quarantäne brachte. «glanz & gloria»: eine wichtige Sendung!

22.25 Uhr: AESCHBACHER. Thema: «Vollgas». Dazu passend: Der erste Gast, eine Coiffeuse, die sozial Benachteiligten für ganz wenig Geld die Haare schneidet … äh, Moment mal … was das mit «Vollgas» zu tun hat, erschliesst sich mir jetzt zwar doch nicht ganz. Aber egal. Ein waschechter Obdachloser, Typ Wurzelsepp, mit langem, struppigem Bart und rosa Hosen (so gefällt es dem Schweizer Fernsehen!) setzt sich auf den Coiffeurstuhl auf der Bühne. Die Coiffeuse fabriziert aus seinem Haupthaar eine blaue Punkfrisur (auf eigenen Wunsch, wie Aeschbacher mehrfach betont). Fantastisch! So tolle Kombinationen hat das Schweizer Fernsehen halt einfach gern (immer dem gleichen Strickmuster à la «Die Herbstzeitlosen» folgend: Seniorinnen eröffnen eine Reizwäsche-Boutique oder so - Sie verstehen).

Freitag
20.05 Uhr: SRF BI DE LÜT - WUNDERLAND. Nik Hartmann kraxelt wieder einmal in der Schweiz herum. Im Kanton Obwalden trifft er einen Holzbrillenmacher namens Dominik, der seine Brillen partiell aus Wurzelholz aus dem Lungernsee herstellt. Superspannend! Dann trifft er eine Longboarderin, die ihm erklärt, wie sie es schafft, das Rollbrett bei voller Fahrt anzuhalten: «Wenn es zu schnell wird, kann ich die Füsse an den Boden halten, und dann bremst es.» Millionen Zuschauern im Land stockt der Atem.

21.50 Uhr: 10 VOR 10. Ehrlich gesagt: Diese Informationssendung schaue ich nicht wegen der Informationen. Wer informiert sich im Jahr 2015 noch im Fernsehen? In zwei Minuten hat man alles im Internet gelesen. Nein: «10 vor 10» schaue ich nur wegen der schönsten Frau im Schweizer Fernsehen, Andrea Vetsch. «Andrea-Vetsch-Anglotzing» nenne ich das. Von mir aus könnte man auch alte Folgen von «10 vor 10» immer wieder bringen (natürlich nur von Andrea Vetsch moderierte alte Folgen). Würde garantiert niemandem auffallen. Wetten?

22.25 Uhr: ABSTIMMUNGS-ARENA. Thema Fortpflanzungsmedizin. «Spielt der Mensch Gott?», hiess es grossmundig in der Ankündigung. Alain Berset ist im Studio. Sieht Gott so aus wie Alain Berset? Dunkel raunt eine Vertreterin der EVP von ominösen Türen, die man nicht noch weiter aufstossen dürfe. Ständerat Peter Föhn ist der Meinung, die Vorlage sei «schwierig zu verstehen für den einfachen Bürger. Ich habe das Gefühl, das Volk wird das nicht verstehen.» Vielen Dank auch! Die EVP-Nationalrätin murmelt derweil weiter von Türen, die nicht noch weiter geöffnet werden dürfen. Wer sieht sich so etwas freiwillig an? Der Erkenntnisgewinn nach 80 Minuten ist 0. Könnte man nicht im Reagenzglas extrem attraktive Politiker mit langen blonden Haaren und megagrossen Brüsten züchten, damit man wenigstens etwas fürs Auge hätte? Oder dass alle so aussähen wie Andrea Vetsch?

Samstag
20.10 Uhr: SING MIT DEINEM STAR. Eine neue Kinder-Trällershow. Worum es geht, erklärt Moderatorin Nicole Berchtold zu Beginn: «Chlini Chnöpf stönd mit ihrne Stars uf de Bühni.» Wenn man für das Samstagabendprogramm auf Kinder zurückgreifen muss, ist das natürlich kein besonders gutes Zeichen … Schon beim ersten Song, den die Kinderkandidaten («Kindersoldaten», hätte ich fast geschrieben, Jesses) gemeinsam auf der Bühne zum Besten geben, wird klar: Diese Kinder singen sehr schlecht. Das wird ein langer, qualvoller Abend. Und wer sind eigentlich die Stars, mit denen sie auftreten? David Bowie? Lemmy Kilmister von Motörhead? Madonna? Nicht ganz: Es sind Baschi, Fabienne Louves, Luca Hänni … Kinder! Wisst ihr denn nicht, was ein Star ist? Hat man euch eiskalt verarscht?

Sonntag
11.00 Uhr: STERNSTUNDE PHILOSOPHIE. Gast: Nassim Taleb. Mit Nassim Taleb kann man nichts falsch machen. Mit seinem schwarzen Schwan hat er den Vogel abgeschossen. «Keiner erklärt so wie er, warum sich die Welt nicht erklären lässt», führt ihn Gesprächsleiter Stephan Klapproth ein, «in der Presse wird er als der heisseste Denker auf dem Planeten bezeichnet.» Während der Sendung kriegt man allerdings zunehmend den Eindruck, dass Klapproth sich selbst für den heissesten Denker auf dem Planeten hält. Seine drei besten Sätze: «Hatten die Römer schon Koffer … Koffern?», «Die Maya hätten den Rollkoffer erfinden können, wenn sie … sich das besser, äh, überlegt hätten?» und «Wir alle haben Rollkoffer». Vielleicht sollte Klapproth besser «Sing mit deinem Star» moderieren.

21.40 Uhr: REPORTER. Eine Grosstierärztin holt notfallmässig ein Kalb aus einer Kuh. Blut, Schleim etc. Das Kalb wird Valentin getauft. Will das jemand wissen/sehen? Respektive hat man das nicht schon oft genug im TV gesehen?

22.10 Uhr: GIACOBBO/MÜLLER. Diese Sendung stelle ich dann ein, wenn ich mal 45 Minuten lang NICHT lachen will. Und auch heute enttäuscht mich «Giacobbo/Müller» nicht.

Montag
22.55 Uhr: SCHAWINSKI. Zu Gast der ehemalige Fifa-Funktionär Guido Tognoni. «Sepp Blatter - wie hat er das geschafft, immer wieder?», ist die Frage, die Schawinski existenziell beschäftigt. Super-Egomanen interessiert natürlich nur der eigene Machterhalt (mit «Super-Egomanen» in diesem Fall gemeint: Blatter UND Schawinski). Ich könnte tagelang nur «Schawinski» schauen, ungläubig-fasziniert. Am liebsten mit herausgeschnittenen Gästen, also «Schawinski» nur mit Schawinski. Oder «Blatter» nur mit Blatter.

Dienstag
18.15 Uhr: MINI BEIZ, DINI BEIZ. Sorry - ich kann mir diese Sendung wegen des infantil-doofen, angestrengt munteren Hö-hö-hö-Off-Kommentators einfach nicht anschauen («Oooooh! Uf DIÄ Sosse bini aber gspannt!»). Schade, hätte gerne gewusst, wie man in der Pizzeria Da Luigi in Fahrwangen isst. Oder auch nicht.

21.05 Uhr: KASSENSTURZ. Schon beim ersten Thema ist meine Spiessbürgerseele auf 180: Ein rechtschaffener Schweizer hat bei einem bösen deutschen Internet-Autoreifenhändler vier Pneus bestellt und nicht bekommen. Trotzdem soll er sie bezahlen. Eine Betreibungsandrohung flattert ins Haus. «Wieso soll ich öppis zahle, wo-n-ich nie übercho han?», fragt der betrogene Kunde in die Kamera (zu Recht! Vollkommen ZU RECHT!!! Noch nie in meinem Leben konnte ich mich mit einem Satz dermassen identifizieren!). Mein Puls rast, ich bin total aufgewühlt. Die Welt ist ja sooooo schlecht. Und das ist gut (für den «Kassensturz»).

Mittwoch
20.55 Uhr: RUNDSCHAU. Die heutigen Beiträge: «Grossmutter versteckt Enkelin», «Wie kommen die Grünen aus der Krise?» und «Seeufer für alle - Villenbesitzer müssen Land abgeben». Ich müsste lügen, wenn ich behauptete, eines der Themen interessiere mich brennend. Sowieso merke ich, wie meine Kräfte langsam schwinden. Ich möchte ins Bett. Mich eine Woche lang dem Programm des Schweizer Fernsehens auszusetzen, war wohl einfach zu viel des Guten. Vielleicht ist aber auch einfach nur die «Rundschau» bestialisch langweilig.

22.25 Uhr: KULTURPLATZ. Thema: Menschen, die ausgegrenzt werden oder bewusst «den Rand suchen» - von geistig behinderten finnischen Punkrockern über Konstantin Wecker bis hin zu Mädchen in Afghanistan, die sich im Alltag als Buben verkleiden. Beliebiger gehts nicht. Und das sage ich als begeisterter Art-brut-/Outsider-Kunst-Fan. Zu diesem Thema hätte man eine wirklich tolle Sendung zusammenstellen können. Aber irgendwie habe ich das Gefühl: Das will beim Schweizer Fernsehen gar niemand.

Gion Mathias Cavelty, 41, ist Schriftsteller, TV-Kritiker und Satiriker aus Zürich. Seine Website: www.nichtleser.com

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