Gottfried Locher Der höchste Reformierte im grossen Religions-Interview

Tod und Auferstehung: Gottfried Locher sagt, was Karfreitag und Ostern heute für uns bedeuten. Der höchste Reformierte verteidigt die Religionsfreiheit. Und kritisiert den Islam, weil er gefährlich für seine Töchter ist.
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© Kurt Reichenbach

Gottfried Locher, 48, trägt im Berner Münster den Talar.

Schweizer Illustrierte: Sie sind der höchste Reformierte der Schweiz - und niemand kennt Sie. Gottfried Locher, was machen Sie falsch?
Gottfried Locher: Ach, inzwischen kennen mich einige Menschen ganz gut - und nicht nur meine starken Seiten (lacht). Aber wo Sie recht haben: Die reformierte Kirche braucht mehr Menschen, die sich exponieren.

Würde ein Bischof helfen?
Die Reformierten brauchen Köpfe, die man wiedererkennt. Wie auch immer man das nennt. Mein heutiges Amt heisst aber anders: Ich bin gerne Kirchenbundspräsident.

Wieso haben die Reformierten Angst vor einem richtigen Bischof?
Wir stellen ungern Einzelpersonen in den Vordergrund. Das ist gesund und gut schweizerisch. Trotzdem können wir profilierter werden, obwohl wir bereits profilierte Männer und Frauen haben.

Ein katholischer Bischof hat viel Macht. Und Sie?
Ganz wenig, zum Glück. Ich leite lieber mit Überzeugung als mit Zwang. Das lernen wir bei Jesus. Türen öffnen, Wege suchen, Mut machen: Das ist Kirchenleitung. Ob man dem Bischofsamt sagt oder nicht.

Sprechen wir über den Glauben. Wie haben Sie Ihren Kindern früher erklärt, was an Ostern passierte?
Ostern sollte man nicht erklären, sondern erleben. Wer ein Wunder erklären will, hat schon verloren. Das leere Grab von Jesus: Da ist verstehen unmöglich und erklären auch.

Wie können die Gläubigen in der reformierten Kirche Ostern erleben?
Am besten feiern sie mit, kommen in den Gottesdienst. Morgengrauen, leeres Grab, erschrockene Menschen, riesige Freude, vom Dunkel ins Licht: Ostern macht Mut - allen, die mit Verzweiflung und Angst kämpfen.

Erleben statt erklären: Das ist eigentlich das Rezept der Katholiken.
Eine gute Predigt ist auch ein Erlebnis, und gute Predigten sind typisch reformiert. Ich möchte beides: Kopf und Herz, kein Entweder-oder.

Für die Reformierten ist der Karfreitag der höchste Feiertag, also der Todestag von Jesus. Weshalb nicht wie bei den Katholiken der Ostersonntag, an dem Jesus auferstanden ist?
Das ist ein Klischee. Ostern ist auch bei uns wichtig.

Wie ist es wirklich?
Ostern kann man schlecht ohne Karfreitag feiern. Karfreitag heisst: Vor der Auferstehung war der Tod. Vor der Freude war die Verzweiflung. Erst, wer das begriffen hat, kann ahnen, wie wunderbar Ostern ist.

In traditionellen katholischen Gebieten wie dem Wallis ist der Karfreitag bis heute kein Feiertag.
Das stelle ich immer wieder mit Erstaunen fest. Schliesslich kennen die meisten Menschen das Gefühl des Karfreitags aus ihrem eigenen Leben: die Verzweiflung, ich weiss nicht mehr, wie weiter. Wie Jesus am Kreuz. Karfreitag ist sehr menschlich.

Wer hat Jesus am Karfreitag umgebracht?
Die römische und die angestammte Obrigkeit.

Sie meinen: die römische und die jüdische Obrigkeit.
Man muss aufpassen: Jesus war auch ein Jude. Es war also seine Obrigkeit, die ihn ans Kreuz brachte, nicht sein Volk.

Glauben Sie, dass Jesus an Ostern in den Himmel aufgefahren ist?
Natürlich glaube ich das!

Denken Sie, dass es wirklich so geschah?
Sicher. Weshalb nicht? Viele haben die Auferstehung bezeugt. Und sie hat die Welt verändert. Wer bin ich, dass ich es besser wüsste?

Welche Bedeutung hat Ostern heute für uns?
Dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Dass in aller Verzweiflung aus dem Nichts heraus neue Hoffnung erwachen kann.

Ist das wirklich eine Hilfe? Etwa für die Angehörigen der Menschen, die beim Flugzeugabsturz in Frankreich ums Leben kamen?
Alles zu seiner Zeit! Wer etwas so Schreckliches erleben muss, der braucht zuerst einmal eine Umarmung, keine Belehrung. Manchmal ist Schweigen das einzig richtige Wort. Neue Hoffnung braucht viel Zeit und Liebe zum Wachsen, sie ist ein zartes Pflänzchen.

In der reformierten Kirche sind Frauen und Männer gleichberechtigt. Bei Katholiken, Juden und Muslimen hingegen haben Frauen bis heute weniger Rechte. Stört Sie das?
Die Gleichstellung innerhalb der Kirche ist typisch protestantisch. Aber auch für Katholiken ist die Gleichberechtigung in der Gesellschaft unbestritten. Ich sehe hier vielmehr einen Unterschied zum Islam. Mit dem Islam kommt ein Wertesystem in die Schweiz, das teilweise anders ist als das christliche. Der Islam kennt keine Gleichberechtigung von Mann und Frau. Dagegen wehre ich mich. Schon nur meinen beiden Töchtern zuliebe.

Diese Diskussion ist mit dem Schwimmunterricht für Mädchen auch in der Schweiz aufgebrochen.
Ein echter Testfall. Die Religion hat im Schwimmunterricht nichts verloren, alle müssen ihn besuchen. Es geht ums Schwimmen-Können, nicht ums Glauben-Müssen. Ich möchte keine Schattengesellschaft, in welcher unsere Grundwerte nicht gelten sollen.

Müssen die Christen ihre Werte selbstbewusster verteidigen?
Ja, wir sollten uns stärker bewusst werden, wie wertvoll diese Werte sind. Wir müssen für sie einstehen. Öffentlich. Die Muslime, die ich kenne, schätzen es, wenn sie einer Christin begegnen, die klar zu ihrem Glauben steht. Das tun Muslime nämlich auch. Nur so entsteht gegenseitig Respekt.

Sollten sich die Muslime in der Schweiz stärker von der Gewalt distanzieren, die im Namen des Islams geschieht?
Die Schweizer Muslime müssen klar sagen, dass diese Gewalt nicht akzeptabel ist. Wenn nötig halt immer wieder neu. Sonst wächst bei mir das Gefühl, dass sich die Muslime gar nicht von dieser Gewalt distanzieren können. Mich beängstigt, was im Nahen Osten passiert. Die Religionsfreiheit wird mancherorts mit Füssen getreten. In unserem Land wird sie geschützt. Das ist nicht selbstverständlich.

Ist der Islam eine gewalttätige Religion?
Das weiss ich nicht. Die Muslime, die ich kenne, sind manchmal friedfertiger, manchmal weniger. Wie ich auch. Gewalt hat viele Motive, Religion ist nur eines davon. Aber im Namen des Islams werden gegenwärtig schreckliche Verbrechen verübt.

Soll der Islam in der Schweiz die öffentlich- rechtliche Anerkennung erhalten?
Voraussetzung ist für jede Glaubensgemeinschaft, dass sie das Vertrauen der Schweizerinnen und Schweizer geniesst. Im Moment nehme ich dieses Vertrauen noch nicht genügend wahr. Grundsätzlich aber ist Anerkennung für jeden Glauben denkbar.

Haben Sie Vertrauen in den Islam?
Ich habe eher Vertrauen in Menschen. Jeden Glauben kann man pervertieren. Nach den Anschlägen auf «Charlie Hebdo» stellten auch führende Schweizer Muslime die Meinungsfreiheit infrage. Ich sehe das anders. Freiheit ist ein hohes Gut, wir sollten sie so wenig wie möglich beschneiden. Dasselbe gilt für die Eigenverantwortung. Mitten in unserer Gesellschaft bricht jetzt ein Wertestreit auf, der zentrale Fragen betrifft.

Ihre Provokationen brachten Ihnen immer wieder Kritik ein. Etwa als Sie sagten, man müsse den Prostituierten dankbar sein. Ermüdet Sie diese Kritik?
Ich provoziere nicht absichtlich. Aber eins ist mir wichtig: das sagen, was wirklich ist. Eine Kirche, die nicht ehrlich ist - wie sollte ich der vertrauen? Die Dinge beim Namen nennen, nicht künstlich schönreden, nicht um den Brei herumreden. Ja, das eckt halt manchmal an.

Sie sind nun seit vier Jahren im Amt. Wie lange machen Sie diesen Job noch?
(Lacht.) Bis man mich hinauswirft. Im Ernst: hoffentlich noch lange. Es würde mich freuen. Ich arbeite fürs Leben gern. In diesem Amt ganz besonders.
 

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