Heftige Waldbrände Diese Schweizerin entkam dem Inferno in Griechenland

Feuer-Horror in der Feriendestination! Waldbrände kosten in Griechenland mindestens 80 Menschenleben. Die Schweizerin Sonia Bachmann hat das Feuer hautnah miterlebt. Nun hilft sie ihren Freunden, die Hab und Gut verloren haben. 
Sonia Bachmann
© Stefan Walter

Die Zürcherin Sonia Bachmann steht im völlig zerstörten Strandcafé Cavos in Rafina, östlich von Athen. 

Etwas stimmt nicht, denkt Sonia Bachmann, 49, als sie am Montagnachmittag in ihrem Haus in Nea Makri aus dem Fenster schaut. Vom Pendelis, dem kegelförmigen Berg, an dessen Fusse die gebürtige Zürcherin 40 Kilometer östlich von Athen wohnt, kommt eine riesige graue Wolke auf sie zu. «Es hat unglaublich gestürmt.»

Was Bachmann zu diesem Zeitpunkt nicht weiss: Die Wolke ist der Rauch eines lodernden Feuers, das auf dem Berg ausgebrochen ist. «Ich hatte Angst, konnte die Situation zuerst nicht einschätzen», sagt Bachmann, die alleine mit ihrer Tochter zu Hause ist. «Wir wollten den Fernseher anschalten, um zu erfahren, was los ist, doch der Strom war weg», sagt ihre Tochter Natalia Limpe-ropoulou, 19.

 
 
Sonia Bachmann und Tochter Natalia Limperopoulou
© Stefan Walter

Betroffen: Sonia Bachmann, 49, und ihre Tochter Natalia Limperopoulou, 19, in ihrem Haus unweit der Brandherde. 

Die beiden Frauen haben Glück. Das Feuer verschont ihr Haus. Doch vor den benachbarten Orten Mati und Rafina, beliebte Feriendestinationen der Athener, machen die Flammen nicht halt. Es ist die grösste Brandkatastrophe, die Bachmann in den 20 Jahren, in denen sie schon in Griechenland wohnt, miterlebt. Mindestens 80 Menschen sterben, über 170 Personen sind zum Teil schwer verletzt, 1200 Häuser sind zerstört. Noch immer suchen Angehörige verzweifelt nach ihren vermissten Liebsten.

Ausgebrannte Autos
© Stefan Walter

Todesfalle: Dutzende ausgebrannte Autos blockieren die Strasse. Menschen können nicht fliehen.

Als Bachmann weniger als 48 Stunden nach dem Ausbruch des Feuers durch Mati läuft, um Freunde zu besuchen, zeigen sich die Spuren der Zerstörung. Das Feuer hat sich durch die Gassen und über die Felder gefressen. Zurückgeblieben ist eine schwarze, tote Kulisse. Es riecht verbrannt. An der Hauptstrasse sitzen erschöpfte Feuerwehrmänner. Ihre Blicke starr und leer vor Müdigkeit – und von den schrecklichen Dingen, die sie gesehen haben.

 
Feuerwehrmann Griechenland
© Stefan Walter

Feuerwehrmänner kämpfen in Rafina gegen die Flammen. Sie müssen viele tote Menschen bergen. 

Am roten Hafen in Mati sind 26 Menschen verbrannt, Familien mit Kindern. Sie wollten wohl Richtung Meer flüchten, als sie die Flammen sahen. Klippen und Zäune versperrten ihnen den Weg – das Feuer kam und schloss sie ein. Viele Leichen wurden sich in den Armen haltend gefunden. 

 
Ausgebranntes Café Rafina
© Stefan Walter

Ausgebrannt: Das Café im Küstenort Rafina ist komplett zerstört. Viele Menschen versuchten, sich ins Meer zu retten. 

Das grosse Feuer ist fast verschwunden, dafür sind Reporter aus der ganzen Welt gekommen. Bachmann gibt dem deutschen TV-Sender Sat.1 ein Interview. Dann trifft sie auf Werner van Gent, 65. Der bekannte Korrespondent berichtet für das Schweizer Radio und Fernsehen. Als das Feuer ausbrach, war er mit seiner Frau, einer gebürtigen Griechin, auf der benachbarten Insel Tinos – und sah den Rauch aufsteigen. «Es war furchteinflössend. Wir sind ins Auto gestiegen und ins Dorf geflüchtet.»

Er selber ist bestürzt von den Geschehnissen – er kennt die Gegend gut und hat Bekannte, die hier leben. «Es ist eigentlich eine sichere und urbane Gegend. Warum konnte man dieses Gebiet nicht schützen?» Die wirtschaftliche Misere Griechenlands spiele sicher eine Rolle: «Es gibt in diesem Land einfach zu wenig Geld für die Feuerwehr.»

Werner van Gent und Sonia Bachmann
© Stefan Walter

Reporter Einsatz: Werner van Gent berichtet fürs Schweizer TV.

Sonia Bachmann kommt 1988 als Au-pair nach Griechenland. «Das Land hat mir gut gefallen, aber für Ferien. Nicht für immer. Dann habe ich mich verliebt.» Sie und ihr griechischer Mann gründen eine Familie und bauen ein Haus. Natalia und ihr Bruder Stavros, 19, studieren heute in Patras, im Westen des Landes. Die Ehe ist geschieden. 

Seit Oktober lebt Bachmann wieder in der Schweiz, arbeitet Teilzeit in einer Bäckerei und macht noch eine Zweitausbildung als Kindergärtnerin. «In Griechenland würde ich als Alleinverdienende nicht durchkommen.» Dennoch ist sie viel vor Ort, um ihre Kinder und ihr altes Haus  zu besuchen. «Ich bin froh, war ich während des Feuers nicht in der Schweiz, sondern bei meinen Kindern!» 

Löschhelikopter in Griechenland
© Stefan Walter

Feuerwalze: Ein Löschhelikopter über dem Küstenort Rafina. Die Rauchwolke war bis auf die Insel Tinos sichtbar. 

Weniger Glück hatte Josef Tupay, 83, der Vater einer guten Freundin von Bachmann. Der Österreicher lebt seit 62 Jahren mit seiner Frau in Griechenland. Nun steht er in den Trümmern seines Sommerhauses. Die Weingläser liegen geschmolzen am Boden neben dem ausgebrannten Piano. «Ich sah drei Meter hohe Stichflammen 80 Meter vom Haus entfernt. Wir liessen alles liegen und hauten so schnell wie möglich ab», sagt er.

Josef Tupay
© Stefan Walter

Der Österreicher Josef Tupay lebt seit 62 Jahren in Mati. Sein Sommerhaus ist komplett zerstört. 

Mit seiner Frau, seiner Tochter und seiner Enkelin gelang ihnen die Flucht mit dem Auto – weil sie dem Feuer ausgewichen sind. «Auf der Strasse war Chaos. Von überall kamen Fahrzeuge. Zum Glück sind wir nicht stecken geblieben!» Das Haus wollen sie wieder aufbauen. «Aber wir haben kein Geld und keine Ahnung, ob wir etwas vom Staat bekommen. Wenn überhaupt, dann wahrscheinlich erst in 20 Jahren», sagt Tupay. 

Abgebranntes Geschirr Griechenland
© Stefan Walter

Zerstört: Im Haus von Josef Tupay ist alles abgebrannt. Seine Weingläser sind in der Hitze geschmolzen. 

Auf Hilfe wartet niemand hier, man hat gelernt, selber anzupacken. «Es ist alles extrem unorganisiert», sagt Sonia Bachmann. «Vom Staat kommt fast nichts, nur von den Einwohnern.» In ihrem Dorf haben am Tag nach dem Brand 200 Freiwillige zusammengefunden. Menschen jeden Alters. Sie sammeln für die Opfer: Wasser, Schuhe, Zwieback, Windeln. Alles liegt sortiert in der Turnhalle. 

Wasserflaschen in Turnhalle
© Stefan Walter

Nothilfe: In einer Turnhalle, früher eine Militärbasis, richten sich die Helfer ein. «Vom Staat kommt fast nichts.»

Auch Bachmann hat Lebensmittel gebracht – und geholfen, ein Heim mit zehn behinderten Menschen zu evakuieren. Am Montag muss sie wieder zurück zur Arbeit in die Schweiz. Doch sie verspricht ihren Freunden: «Ich komme so bald wie möglich wieder, um euch zu unterstützen!» 

 
Auch interessant