Notabene Helmut Hubacher Unter der Blüemlisalp

Der ehemalige SP-Präsident und Buchautor Helmut Hubacher, 87, über den Schweizer Zivilschutz. 

Wenn ich mit Jungen zusammensitze, lasse ich mir gerne ihre Internetwelt erklären. Irgendwie geht sie an mir vorüber. Unser Junior Simon demonstriert mir, was er mit seinem Smartphone alles anstellt. Unglaublich. Mir bleibt nur das Staunen. Zu bemerken wäre, Technik ist nie meine Stärke gewesen. Zumal ich auch noch zwei linke Hände habe. Als Handwerker wäre ich wohl verhungert.

Dafür kann ich als älterer Mensch berichten, wie es war. Dann machen Jüngere grosse Augen. Wobei ich mich dann selber ertappe, jesses, das ist tatsächlich mal so passiert. Als ob diese Vergangenheit nicht meine eigene Gegenwart gewesen wäre.

Ab und zu durchstöbere ich mein Archiv. So bin ich auf Geschichten über den Zivilschutz gestossen. Geschichten, die noch gar nicht lange zurückliegen. Aus der Zeit des Kalten Krieges nämlich. Der etwa 40 Jahre bis 1990 gedauert hat. Bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion. Gegenüber standen sich die verfeindeten Grossmächte USA und Sowjetunion mitsamt ihren Verbündeten. Beide besassen die Atombombe. Wäre der eine vom anderen angegriffen worden, hätte der noch zurückschlagen können. Dem sagt man Zweitschlagskapazität. Beide hätten sich gegenseitig zerstört. Keiner konnte deshalb einen Krieg riskieren. Dieses Patt geht als «Gleichgewicht des Schreckens» in die Geschichtsbücher ein. Daraus wurde das, was man den Kalten Krieg genannt hat. Die zwei Grossmächte praktizierten die friedliche Koexistenz aus Angst vor einem Atomkrieg. Der Kalte Krieg war die einzige Chance zum Überleben.

Bei dieser Bedrohungslage probte die Schweizer Armee permanent den Ernstfall. Generalstabschef Jörg Zumstein überraschte und erschreckte uns in der Militärkommission des Nationalrats mal mit einer unglaublichen Aussage. Nämlich: «Die Schweiz würde einen Atomkrieg überleben.» Auf die Nachfrage, ob das wirklich sein Ernst sei, wiederholte er das Gesagte. Und begründete es damit, wir hätten den besten Zivilschutz der Welt. In eben diesen Schutzräumen würden wir das atomare Inferno überstehen. Irgendwann hätten wir ja diese «Löcher» verlassen müssen. In was für eine Welt wir dann kämen, wollten wir vom höchsten Offizier erfahren? Es folgte nur verlegenes, peinliches Schweigen. Was hätte er auch sagen sollen.

Man musste wirklich Gott danken, dass wir im Ernstfall verschont wurden

Nur: Dass der Generalstabschef uns einen derartig gefährlichen Unsinn zugemutet hatte, glich natürlich einer militärischen Bankrotterklärung der Armeeführung. Da musste man wirklich Gott danken, dass wir vom Ernstfall verschont wurden.

Überlebt jedoch hat der von Zumstein gerühmte Zivilschutz. Die Schweiz verfügt über 270'000 private Schutzräume und 3500 öffentliche Zivilschutzanlagen. Die heute meistens als Lagerräume dienen, im Notfall aber Schutz für 95 Prozent der Bevölkerung bieten sollten. Das dürfte Weltrekord sein.

Einige Anlagen sind inzwischen abgebaut worden. Darunter die wohl spektakulärste und auch grösste Zivilschutzeinrichtung der Schweiz: der Schutzraum im Autobahntunnel A2 im Sonnenberg, Luzern. Auf anderthalb Kilometern hätten dort 20'000 Personen Platz gehabt. Abgesichert von Panzertoren aus Stahlbeton, fast zwei Meter dick und 350 Tonnen schwer. Damit sei er, hiess es, atombombensicher. Selbstverständlich mit der nötigen Infrastruktur ausgerüstet. Bis zum Postschalter oder dem Büro für den Seelsorger. Und mit Vorräten für zwei Wochen. Für die einen war der Sonnenberg das Nonplusultra, für die anderen ein unterirdisches Luftschloss.

Das Bundesamt für Zivilschutz hatte zur «Bewältigung besonderer Situationen» Weisungen erlassen. Ziffer 16.2 als Beispiel: «Bei Geburt die werdende Mutter von übrigen Schutzrauminsassen trennen, sie beruhigen und daran erinnern, dass die Geburt ein natürlicher Vorgang ist.»

Der Bundesrat sollte nötigenfalls auch atombombensicher weiterregieren können. Im Bundesratsbunker bei Kandersteg. Genauer gesagt, unter der Blüemlisalp. Für 238 Millionen Franken. Bezugsbereit war er im Jahr 2000. Zehn Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges. Das ist typisch schweizerisch. Lieber zu spät als nie.

Beim Schreiben merke ich, wie schnell man vergisst. Vieles ist für mich wie neu. Erstaunt bin ich auf Fakten gestossen, die man nicht glauben würde. Wären sie nicht wahr.

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