Ringier-Journalist Jan Kuciak

Erschossen kurz vor der Hochzeit!

Er kämpfte für eine bessere Welt, sie freute sich auf Familienglück. Ringier-Journalist Jan Kuciak, 27, und seine gleichaltrige Verlobte Martina wurden daheim ermordet. Die blutige Mafia-Tat erschüttert die Slowakei. 

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Gedenken: Redaktionskollegen zünden für das erschossene Paar Kerzen an und geloben, seine Recherchen weiterzuführen.

«Jan war kein Draufgänger, eher schon ein Stubenhocker. 20 Stunden pro Tag recherchierte er im Netz nach Verbrecher-Spuren», sagt Peter Bardy über seinen ermordeten Kollegen Jan Kuciak. Chefredaktor Bardy sitzt im Konferenzraum des slowakischen Recherche-Mediums «Aktuality.sk» und ringt um Worte. «Ich war nicht einfach sein Chef, ich war sein Freund, sein Mentor. Letztes Jahr bekam Jan ein Angebot von der Konkurrenz. Er wollte bei mir bleiben, obwohl er dort viel mehr verdient hätte.» 

Im Netz ist Jan Kuciak weltweit unter Datenjournalisten bekannt, er recherchierte die Panama Papers aus slowakischer Sicht. Privat beschreiben ihn seine Kollegen hingegen als scheu, freundlich und introvertiert. Sein gewaltsamer Tod passt gar nicht zu seinem stillen Leben. «Er verkehrte nie in der Halbwelt, nie mit den Mächtigen. Am liebsten sass er daheim vor dem Computer», sagt sein Freund Bardy.

Jan und Martina wollten in wenigen Wochen heiraten

Trotzdem kam der Mörder nicht ganz unerwartet. Seit einiger Zeit recherchierte Jan im Netz die Verbindungen zwischen den in der Slowakei heimisch gewordenen Exponenten der kalabresischen Mafia ’Ndrangheta und höchsten Regierungskreisen. Jan fand heraus, wie die Mafia in die Agrarwirtschaft einstieg und ihre Leute von der Regierung und der EU Subventionen kassierten für Land, das sie nicht besassen, für Getreide, das sie nie ernteten, und für Tiere, die sie nie im Stall hatten.

Dabei stiess der Ringier-Journalist auf die Geschichte von Antonino und Sebastiano Vadala aus dem Mafiadorf Bova Marina. Ihre Namen tauchen in Gerichtsakten auf. Es geht um einen slowakischen Bauern, der sein Land den Italienern nicht verkaufen will. Eines Morgens im Herbst 2013 hängt eine Tasche am Eingang des Hofes. Ihr Inhalt: Streichhölzer, zehn schussfertige Patronen und ein Beerdigungskranz mit dem Namen des Bauern: «Gerhard». Der Bauer lebt noch. Sein Knecht wurde zusammengeprügelt. Die Untersuchung gegen seine Einschüchterer ist im Sand verlaufen.

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Mafiakontakte: Antonino Vadala infiltrierte mit Miss Universe-Finalistin Maria Troskova die Regierung.

Jan und Martinas Tode tragen alle Merkmale eines Mafiamordes. Bereits letztes Jahr spürte Jan erste Einschüchterungsversuche, fühlte sich bedroht. Doch auf seine Strafanzeige hin krümmte die Polizei keinen Finger, was Jan auf Facebook bitter beklagte.

Sein Mörder – oder die Mörder – kam vermutlich letzten Donnerstag direkt zu ihm heim in ein kleines Dorf, 65 Kilometer von der Hauptstadt Bratislava entfernt. Dort hatten Jan und seine Verlobte gerade erst ein Haus gekauft, das sie zusammen renovieren wollten, um eine Familie zu gründen. 

Zuerst wurde Jan erschossen, von vorn in die Brust. Seine Verlobte Martina hörte die Schüsse und versuchte von der Küche in den Keller zu fliehen. Dabei wurde sie von hinten in den Kopf getroffen. Neben den Toten – quasi als Drohung an die Recherchejournalisten des Landes – lagen demonstrativ noch weitere Patronen. Doch Jans Kollegen wollen nicht aufgeben.

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Tatort Eigenheim: Die Killer feuerten zuerst Jan in die Brust, dann auf seine Verlobte, die 
in den Keller fliehen wollte.

Seine letzten Recherchen über die Verbindung von Antonino Vadala ins Büro von Premier Robert Fico wurden am Mittwoch allen Medien von Ringier und Axel Springer zur Verfügung gestellt, damit die ganze Welt erfährt, was in der Slowakei passiert ist. Dabei geht es um eine illustere Frau, die 2007 an den Miss-Universe-Wahlen im Final stand. Sie ist heute die engste Mitarbeiterin von Premier Fico, der Journalisten als «dreckige, antislowakische Prostituierte» beschimpft.

2011 hat Maria Troskova mit dem dubiosen Agrarunternehmer Antonino Vadala aus Kalabrien eine Management-Firma gegründet. Wenig später wechselte sie in die Politik und wurde Assistentin eines Parlamentariers aus Ficos Partei, Viliam Jasans, der kurz darauf Sekretär des nationalen Sicherheitsrates wurde.

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Spionin der Mafia? Maria Troskova (h. l.) begleitet den slowakischen Premier Robert Fico (v. m.) auf Schritt und Tritt.

Brisant: Kuciaks letzte Recherchen zeigen auf, dass der nationale Sicherheits-Sekretär Jasan direkt mit dem wegen Mafiakontakten beschuldigten Vadala Geschäfte macht als Businesspartner in einer privaten Sicherheitsfirma. Wenn es auch wichtig ist, die Täter zu finden, so ist es doch noch wichtiger, die Hintermänner zu outen, sagen Jans Freunde auf der Redaktion.

 «Jan und Martina wollten in wenigen Wochen heiraten», sagt Peter Bardy. «Um seine Verlobte, eine Archäologin, die nichts mit Journalismus am Hut hatte, zu schützen, hat Jan bewusst nie mit ihr über seine Recherchen geredet.» Jan kommt aus ganz armen Verhältnissen. «Das Einzige, was ich jetzt tun kann, ist, für die Angehörigen zu sorgen und unsere Journalisten zu schützen, damit sie weiterarbeiten können. Die Mörder zu finden, ist hingegen die Arbeit der Polizei.»

4 Fragen an Ralph Büchi, CEO der Ringier Axel Springer Schweiz

Herr Büchi, was geht uns in der Schweiz die Ermordung von einem Journalisten und dessen Verlobter in der Slowakei an?
Es darf uns nicht egal sein, ob die Medienfreiheit in anderen Ländern Europas respektiert wird. Dieser Doppelmord ist ein Angriff auf menschliche und demokratische Grundwerte.

Der letzte Report des Ermordeten zeigt, wie eng die kalabresische Mafia mit der slowakischen Regierung verbandelt ist. Wenn alles korrupt ist, wie bleibt Ringier da sauber?
Indem wir den faktenbasierten und unabhängigen Journalismus hochhalten – überall, wo wir tätig sind. Unsere Journalisten decken Korruption auf. 

Kann man dort überhaupt noch Journalismus betreiben, ohne um sein Leben zu fürchten? Sind unsere Kollegen genug geschützt?
Niemand konnte mit diesem furchtbaren Verbrechen in der Slowakei rechnen. Sofort haben wir mit Polizei und Sicherheitsdiensten ein Dispositiv zum Schutz unserer Mitarbeiter aufgezogen. Aber unsere Journalisten lassen sich von dieser grausamen Tat nicht abschrecken. Die Motivation, Missstände aufzudecken, ist stärker denn je. 

Sie waren am Montag bei Premier Robert Fico. Was sagten Sie ihm?
Dass wir die schonungslose Aufdeckung des Verbrechens erwarten und wir selbst unsere Recherchen intensiv fortsetzen werden.

© David Biedert

Vor Ort: Ralph Büchi, Chairman Ringier Axel Springer Media AG, das Mutterhaus für Osteuropa.

Hier geht es zum Online-Kondolenzbuch: www.allforjan.com

Werner De Schepper am 28. Februar 2018, 20.00 Uhr