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Zum weltweiten Klimastreik

Wir stellen 15 Schweizer Klimaretter vor

Wissenschaftler, Unternehmerinnen und einfache Bürger. Wir stellen zum Klimastreik vom 15. März 15 Klimaretter vor, die zeigen, wie jeder von uns die Welt nachhaltig verbessern kann.

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Mäzen Hansjörg Wyss, 83, machte sein Vermögen mit dem Medizinaltechnik-Unternehmen Synthes.

Keystone

Der grüne Geldgeber

Kaum einer hat von der Schweizer Illustrierten mehr Rosen bekommen als er: Hansjörg Wyss, 83, aufgewachsen in einer Dreizimmerwohnung in Bern, heute einer der reichsten Schweizer. In den letzten 20 Jahren hat der Medizinalunternehmer immer wieder Geld für die Umwelt gespendet. Seine jüngste Heldentat: eine Milliarde für den Schutz von Landstreifen und Meeresgebieten, für bessere Luft und sauberes Trinkwasser.

«Jeder von uns sollte sich über die enorme Kluft zwischen dem, wie wenig von unserer natürlichen Umwelt derzeit geschützt ist, und dem, was geschützt werden sollte, Sorgen machen», sagte Wyss, als er seine Spende öffentlich machte.

Die Förderin der Freiwilligen

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Kompensieren: Mit Myclimate bietet Kathrin Dellantonio Vielfliegern eine Möglichkeit, ihre CO2-Bilanz zu verbessern.

Thomas Buchwalder
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Manch einer nimmt beim Einsteigen ins Flugzeug nicht nur sein Handgepäck mit, sondern auch ein schlechtes Gewissen. Deshalb kompensieren Zehntausende Schweizer das von ihnen verursachte CO2 bei Myclimate. «Dieses Jahr sind es mehr denn je», sagt Geschäftsleitungsmitglied Kathrin Dellantonio. «Der Hitzesommer und die streikenden Schüler machen das Thema mehr Menschen bewusst.» Sie arbeitet seit 2004 beim ETH-Spin-off, das 2002 startete und inzwischen 70 Mitarbeiter hat. Einen Hin- und Rückflug von Zürich nach New York zu kompensieren, kostet bei Myclimate 67 Franken. «In Entwicklungsländern können wir CO2 relativ günstig einsparen», sagt die Unternehmerin. Getan wird das durch die Förderung von Solarkochern in Madagaskar oder Biogasanlagen in Indien.

«Es ist toll, dass so viele Menschen freiwillig mitmachen», sagt Dellantonio. Aber wenn man dieses «Abfallproblem» in den Griff bekommen wolle, führe kein Weg an einer gesetzlichen Lösung vorbei: «CO2 braucht einen Preis.»

Die Klimagrossmütter 

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Kämpferisch: Rosmarie Wydler-Wälti und Anne Mahrer auf dem Eisbrecher «Arctic Sunrise» von Greenpeace.

Daniel Ammann

Andere in ihrem Alter schlafen aus, klagen über erste Bresten oder hüten Grosskinder. Doch sie, sie protestieren auf hoher See gegen arktische Ölbohrungen, nehmen an Klimakonferenzen teil, verfassen Klagen. Rosmarie Wydler-Wälti, 69, aus Basel und Anne Mahrer, 70, aus Genf sind die Co-Präsidentinnen des Vereins Klimaseniorinnen. Gemeinsam mit rund 1000 Frauen setzen sie sich gegen die Folgen des Klimawandels ein. «Gerade ältere Frauen sind rein biologisch stärker von Hitzewellen betroffen, die der Klimawandel zu verantworten hat», sagt Anne Mahrer.

2016 haben die Klimaseniorinnen eine Klage gegen den Staat eingereicht, um die Treibhausgas-Emissionen stärker zu reduzieren als vorgesehen. Beim Bundesrat sind sie damit abgeblitzt. Aber sich deswegen entmutigen lassen? Doch nicht die Klimagrossmütter! Anfang Jahr zogen sie mit ihrer Klage vor Bundesgericht. «Ich als Grossmutter sehe es als eine meiner wichtigsten Aufgaben, Sorge zu tragen für die zukünftige Lebensqualität unserer Enkelkinder», sagt Wydler-Wälti. Die Co-Präsidentinnen, zwei Alt-68erinnen, sind sich Widerstand gewohnt. Sie kämpften bereits in jüngeren Jahren gegen Atomkraft und für Frauenrechte.

Die CO2-Sauger

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Ambitiös: Ein Prozent der globalen CO2-Emissionen wollen Christoph Gebald (l.) und Jan Wurzbacher bis 2025 aus der Luft filtern.

Julia Dunlop

«Ihre Bieridee schafft es in die ‹New York Times›!»: So könnte man das Geschäftsleben von Christoph Gebald, 35, und Jan Wurzbacher, 35, verschlagzeilen. Aber von vorne: 2003, am ersten Tag ihres Ingenieurstudiums an der ETH Zürich, denken die Zürcher beim Feierabendbier über eine Geschäftsidee nach. Beide interessiert die Frage: Wie kann man Kohlendioxid (CO2) aus der Luft filtern und so die Erderwärmung stoppen? Heute haben sie mit Climeworks eine eigene Firma – und eine Antwort auf ihre Frage. Sie entwickelten ein Gerät, eine Art Schwamm, in dem sich das CO2 festsetzt – wird das Gas erwärmt, kann es für Fahrzeug-Treibstoffe genutzt oder unter der Erde dauerhaft eingelagert werden.

Der Zukunftstüftler

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Solarpionier: Als sich Walter Schmid 1975 Solarzellen aufs Dach baut, sagen alle, er spinne.

Hervé le Cunff

Er ist immer einen Schritt voraus. 1975 installiert Bauunternehmer Walter Schmid, 74, die ersten Solarzellen auf seinem Dach, das erste Minergiehaus folgt etwa zehn Jahre später. Den grossen Erfinder-Durchbruch hat Schmid 1989, als er auf seinem Balkon Küchenabfälle gären lässt – bis sie explodieren. «Meine Frau sagte: Jetzt ist aber Schluss. Ich entgegnete: Jetzt gehts richtig los.» Er gründet die Firma Kompogas – mit dessen Biotreibstoff sein Auto fährt –, später verkauft er das Unternehmen an Axpo. In der Umwelt Arena Schweiz in Spreitenbach AG lässt er seit 2012 die Besucher Nachhaltigkeit erleben. Mit der grössten gebäudeintegrierten Fotovoltaik-Anlage und interaktiven Ausstellungen zu Umweltthemen von Bau über Mobilität bis zum Essen.

Die Baumpflanzer

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Erfolgreich und cool: Jungunternehmer Hänny (l.) und Gnehm in der Nähe von Schloss Lenzburg AG.

Geri Born

Ende 2016 bestand ihr Lager aus ein paar Wintermützen, hip Treeanies genannt. Heute verkaufen Robin Gnehm, 27, und Nicholas Hänny, 27, mit ihrem Modelabel Nikin täglich über 100 Mützen. Das Sortiment umfasst auch Kapuzenpullis aus Bio-Baumwolle, Caps und Thermosflaschen, zur Kundschaft gehört Model Tamy Glauser. Die Firma in Lenzburg AG hat 15 Angestellte. Das Nikin-Signet: eine Tanne. Für jedes Kleidungsstück wird ein Baum gepflanzt – irgendwo auf der Welt. «Unsere Fashion wird ökologisch und fair produziert. Wir wollen die Leute inspirieren, nachhaltiger zu leben.»

Die Esserin mit Gewissen

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Klimafreundlich: Der Federkohlkuchen von Judith Ellens, 35, ist vegan und saisonal.

PASCAL MORA

Gewusst, dass ein Kilo Schweinefleisch so viel Kohlenstoffdioxid verursacht wie 80 Kilogramm Kartoffeln? Fakt ist: Ein Drittel der Treibhausgas-Emissionen produzieren wir mit Nahrungsmitteln. Aber wie schärft man den Blick für klimafreundliches Essen? 

Judith Ellens, 35, Veganerin und Mitgründerin des Zürcher Start-ups Eaternity, hat die Lösung: eine Software, die CO2-Bilanzen von Lebensmitteln und kompletten Menüs berechnet. Über 170 Restaurants nutzen die Datenbank bereits. «Der Druck, klimafreundliches Essen zu produzieren, wird zunehmen.»

Die Wettermelderin

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Heilige Messe: Oblatin Anne-Marie Maillard im Hospiz auf dem Grossen St. Bernhard.

davidcarlierphotography.com

Dreimal täglich, immer zu fixen Zeiten, geht Anne-Marie Maillard nach draussen und beobachtet Sicht und Bewölkung. Dann meldet sie die Daten an Meteo Schweiz. Die 59-Jährige lebt im Hospiz auf der Passhöhe des Grossen Sankt Bernhard im Wallis, mit drei Augustiner-Chorherren. Seit 1817 betreibt der Orden auf 2473 Metern über Meer eine Wetterstation. Heutzutage verfügt sie auch über automatisierte Messgeräte. «Nirgendwo sonst in den Alpen gibt es eine so langjährige Messreihe.» Damit liefert sie zentrale Grundlagen für Klimawissenschaftler.

Die innovativen Bauern 

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Macher Heiner Kindhauser, Karin Keller und Toni Meier (v. l.) auf dem Hof in Flaach ZH vor Meiers Kompostwender. Ihr Agro-CO2ncept ist ein Pilotprojekt des Bundes. Bis 2020 wollen sie ihren CO2-Ausstoss um 20 Prozent reduzieren.

Joseph Khakshouri

Als sie 2012 ihren Verein gründeten, wurden sie als Spinner bezeichnet. Heute bekommen die 24 Landwirte von AgroCO2ncept Flaachtal Besuch aus der ganzen Welt. Selbst das russische Fernsehen war schon im Zürcher Weinland, um sich von den Massnahmen für eine Reduktion des CO2-Ausstosses zu inspirieren. Etwa von Toni Meier, 59, der jährlich 5000 Tonnen Grünabfall schreddert.

Den Kompost wendet er regelmässig, verkauft ihn an regionale Bauern – die dadurch keinen Kunstdünger mehr brauchen. Karin Keller, 37, betreibt Milchwirtschaft, Ackerbau und nachhaltigen Agro-Tourismus. Weinbauer Heiner Kindhauser, 59, hat auf leichte Flaschen umgestellt. Für die Produktion einer herkömmlichen 650 Gramm schweren Flasche brauchts einen halben Liter Öl, bei einer 450 Gramm leichten ein Drittel weniger. Bei Kindhausers 100 000 Weinflaschen im Jahr werden so 16 000 Liter Öl gespart.

Der Kuhbändiger

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Tierisch: Mit seinem Start-up macht Thomas Hafner Kühe klimafreundlicher.

Nicolas Righetti

Sie sind ein Schweizer Wahrzeichen – und Teil des Problems: Wenn Kühe rülpsen, entlassen sie sehr viel Methan in die Luft. «Kühe gehören leider zu den grössten Luftverschmutzern der Welt», sagt Thomas Hafner. Er ist Gründer des Start-ups Mootral, das in Rolle VD seinen Sitz hat. Mit einem natürlichen Futterzusatz aus Knoblauch und Orangenschalen will Hafner den Methanausstoss der Kühe reduzieren – um bis zu 30 Prozent. «So werden unsere geliebten Kühe bei der Bekämpfung des Klimawandels Teil der Lösung.» Das Produkt komme dieses Jahr auf den Markt. Fürze sind übrigens ein kleineres Problem. Hafner: «Bei der Kuh kommt 95 Prozent vorne raus.»

Die Sauberfrau

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Lichtblick: Chemieprofessorin Greta Patzke von der Uni Zürich will aus Wasser und Sonnenlicht Brennstoff machen.

Sophie Stieger

Wer beim Wort Fotosynthese an verstaubte Biologiezimmer und Spickzettel denkt, bekommt kurz Nachhilfe: Fotosynthese heisst der geniale Vorgang, bei dem Pflanzen aus Licht, Luft und Wasser speicherbare Energie herstellen, um zu wachsen. Nun – was die Natur kann, möchte Chemieprofessorin Greta Patzke, 45, auch können. Mit ihrem Team am Institut für Chemie der Uni Zürich forscht sie nach Möglichkeiten, die Fotosynthese im Labor nachzuahmen. Ihr Ziel: eine Technologie, mit der man unabhängig vom Stromnetz überall und jederzeit aus Wasser und Sonnenlicht flüssigen Treibstoff produzieren kann – saubere Energie für alle! Löst Patzke das Rätsel, winkt ihr womöglich der Nobelpreis.

Der ewige Gletscher-Retter

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Stolz: Glaziologe Felix Keller im Eispalast Morteratsch, den Künstler aus dem Himalaja mit Engadiner Schulkindern formten.

Nicola Pitaro

Sein Engagement ist eine Herzensangelegenheit. Der mächtige Eisfluss im Morteratsch-Gebirge hat den Engadiner Felix Keller schon als Kind in seinen Bann gezogen. So sehr, dass er Glaziologie studierte und Gletscherforscher wurde. Nun will Keller, 56, der auch Co-Leiter des Europäischen Tourismus Institutes in Samedan ist, «seinen» Gletscher retten. Denn dieser ist seit 1973 um rund 850 Meter geschmolzen. Heute misst er noch 6,2 Kilometer. Kellers Lösung: Schmelzwasser-Recycling.

Im Sommer sammelt eine Null-Energie-Schneekanone das Schmelzwasser und verwandelt es zurück in Schnee. Dieser wird dann als schützende Schneedecke zurück aufs Eis des Gletschers gebracht. «In wenigen Wochen können im Juli mehrere Millionen Tonnen gerettet werden», so Keller. Das Patent für die Maschine gibts schon. Im Sommer 2020 soll die erste Testanlage auf dem Corvatsch stehen. Nebenbei sensibilisiert der umtriebige Glaziologe mit Projekten wie dem Eisstupa-Dorf mit konischen Eiskegeln in Pontresina die Menschen für den Klimawandel. «Unsere Kinder werden nicht fragen, ob wir den Wandel gesehen haben. Sondern ob wir etwas getan haben.» «Unsere Kinder fragen nicht, ob wir den Wandel sahen, sondern ob wir etwas getan haben»

 

Der tierische Filmer

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Fleissig: In seinem Studio schneidet Donzé die Videos für Youtube. Nach dem Gymi arbeitete er als Kameramann. 

smaz

Bekannt geworden ist Julien Donzé durch Parodien und Spassvideos – doch le Grand JD, wie sich der 32-jährige Genfer auf seinem Youtube-Kanal nennt, hat auch eine ernste Seite. Er will die Jungen auf die Schönheit der Natur, bedrohte Tiere und den Klimawandel aufmerksam machen. Und wie erreicht man die Generation Youtube am besten? Mit selbst gedrehten Videos! Von sich und pfeifenden Murmeltieren auf der Alp, von Dachsen, die sich im Wald kugeln, oder neugierigen Füchsen in der Stadt.

«Wir wollen, dass die Leute die vermeintlich unspannenden Tiere neu entdecken», sagt Donzé gegenüber «24 heures». Auch bedrohte Tierarten wie Orcas oder Bären in Alaska hatte Donzé schon vor der Linse. Mit zwei Millionen Abonnenten erreicht er ein riesiges Publikum – und obwohl er Französisch spricht, ist er zunehmend auch in der Deutschschweiz bekannt.

Die Immergrüne

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Umtriebig: In den Rankings der grünsten Politiker steht Maya Graf stets an der Spitze. 

Kurt Reichenbach

Maya Graf, 57, ist das grüne Gewissen der Politik schlechthin. Seit rund 18 Jahren vertritt die Baselbieterin die Umweltanliegen im Parlament. Bekannt wird Graf durch den Film «Mais im Bundeshaus», in dem sie als frischgebackene Nationalrätin für ein Gentechmoratorium kämpft.

Zwar scheitert sie damit im Parlament, doch das Volk sagt Ja. 2012 setzen ihr dann auch die Kollegen in Bern die Krone auf und küren sie als erste Grüne zur Nationalratspräsidentin. Mit der Fair-Food-Initiative beweist die Biobäuerin 2018, dass sie noch immer voller Tatendrang ist.

Der Seitenwechsler

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Clever: Hänggis Gletscher-Initiative hat nicht direkt mit Gletschern zu tun. «Sie sind ein starkes Symbol.»

tefanwalter.ch

Null Gas. Null Öl. Null Kohle. Die Gletscher-Initiative will bis 2050 die fossilen Brennstoffe aus der Schweiz verbannen. Initiant Marcel Hänggi, 49, sorgt schon vor Beginn der Unterschriftensammlung für einen Coup: Mit FDP-Ständerat Ruedi Noser gewinnt er ein bürgerliches Schwergewicht für den Vorstand. «Natürlich hat uns der Wirbel um Noser Rückenwind verschafft», sagt Hänggi.

Der Zürcher Journalist hat lange selbst über den Klimawandel geschrieben. «Wenn du irgendwann mehr weisst als deine Interviewpartner, verlierst du die Neugier.» Nach der Berichterstattung über das Pariser Klimaabkommen wechselt der Vater zweier Töchter die Seite und wird Aktivist. Er ist überzeugt, dass der Ausstieg aus den fossilen Energien wirtschaftliche Chancen bietet. Zudem hätten auch andere Länder beschlossen, CO2-neutral zu werden – etwa Costa Rica. «Wenn es ein Entwicklungsland schafft, dann wir erst recht!» Im Mai startet die Unterschriftensammlung.

Von Sandra Casalini am 15.03.2019
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