Der Koi-Boy Ein Tierarzt für schwimmende Juwelen

Der Berner Nicolas Diserens ist spezialisiert auf japanische Edelkarpfen Koi. Er verarztet ihre Wunden, salbt Schuppen, operiert Tumore und hilft den Fischen sogar bei Sonnenbrand.

Früher regte sich Nicolas Diserens jedes Mal tierisch auf, mittlerweile lächelt er, wenn an Veterinär-Fachtagungen die Berufskollegen spötteln: «Ja so was, es gibt Tierärzte, die nur das tun?»

Das Studium der Veterinärmedizin dauert fünf Jahre, das Thema Fische wird in gerade mal zweieinhalb Tagen abgehandelt. Eigentlich unverständlich, sagt sich damals der junge Student Nicolas Diserens, sind Fische doch beliebte Haustiere. Ein Tierarzt nur für Fische - das wäre doch die Marktlücke, fällt es ihm wie Schuppen von den Augen. Die Idee lässt er nicht mehr vom Haken. Er spezialisiert sich auf jenen Edelkarpfen aus Japan, der berühmt ist für seine Schönheit, Schlauheit und die Unsummen, welche Liebhaber für ihn bezahlen. Der Koi, schwimmendes Juwel und wahrer Goldfisch.

Boris ist krank. Montagmorgen in einem Garten mit respektablem Teich in Wohlen bei Bern. Der Fischdoktor macht heute Haus-, sagen wir besser Teichbesuche. Dr. med. vet. Nicolas Diserens («Koipraxis – Tierarzt für Fische» steht auf seiner Visitenkarte), 34 Jahre alt, mit dem charmanten Schwiizertüütsch eines gebürtigen Romands, kauert am Teichrand und stiert ins Wasser. 65 Koi tummeln sich darin. Dank seiner Polfilter-Sonnenbrille kann Diserens unter die Wasseroberfläche schauen. Boris ist krank. Das erkennt der Tierarzt vom Ufer aus. Einige Schuppen sind verletzt, das Fleisch drum herum entzündet, und an den unnatürlich ausgefransten Schuppenrändern wuchern sogar Algen. «Wir holen ihn raus», sagt Diserens. Boris ist ein Koi, 1,5 Kilo schwer, einen halben Meter lang, mit blonder Färbung, «darum der Name», erklärt seine Besitzerin, «er sieht aus wie Boris Becker.» Im Lauf des Morgens werden wir noch mehr beschuppte Berühmtheiten kennenlernen.

Mit einem Netz treibt der Koi-Doc die Edelkarpfen in die Enge, separiert sie und lupft Patient Boris schliesslich mit einem Kescher aus dem Teich in ein mit Wasser gefülltes Plastikbecken. Diserens hat zuvor «Koi Med Sleep» ins Becken geträufelt, der Wirkstoff 2-Phenoxyethanol sediert den Fisch - Boris schläft tief und fest in seinem Narkosebad.

Der Fischarzt nimmt zuerst einen Abstrich von Haut und Kiemen; Schleim und Gewebe wird er später in seinem improvisierten Freiluftlabor (am Gartentisch der Teichbesitzerin) unter dem Mikroskop auf Parasiten untersuchen. Zuerst aber zupft er dem Fisch jede kranke Schuppe vom Leib, schneidet wundes Fleisch weg, tupft Desinfektionssalbe auf die Blessur und versiegelt sie mit einem Pulver, das wie ein wasserfestes Pflaster wirkt. Boris bekommt Antibiotika in die Bauchhöhle injiziert. Dieser Anblick - wie der Fisch da starr und fleischig in Doktors Hand liegt, das Maul weit aufgesperrt wie zum stummen Schrei - hat etwas Surreales. Später an diesem Tag, auf der Fahrt zum nächsten Kunden, wird Diserens über die Frage «Können Fische Schmerz empfinden?» sinnieren. Die Forschung sei sich uneinig; er selber stellt sich auf den Standpunkt, dass ein Fisch Stress haben kann, aber kein Bewusstsein für Schmerz in unserem Sinne.

Boris ist entlassen. «Diese Behandlung war Routine», meint der Doc, ein kleiner Fisch sozusagen. Er trägt den Koi zurück in den Teich, wo der beduselte Fisch langsam erwacht und mit der Schräglage eines havarierten U-Boots dahindriftet. Die anderen 64 Koi umkreisen den Patienten, halten aber Abstand, als wären sie auf Krankenbesuch bei einem Hochansteckenden. Nur fünf Minuten später ist Boris wieder ganz Herr seiner Sinne und Schwimmblase und pfeilt mit den Ko(i)llegen im Teich herum.

«Andere haben einen Rosengarten, wir Koi», sagt die Teichbesitzerin; eine Wohltat für die Seele seis, wunderbar entspannend, den Fischen zuzuschauen. Und damit das gleich klar sei, sie hätte keine Luxustiere, keine abertausendfränkigen Fische, «zwanzig oder dreissig Franken habe ich pro Exemplar bezahlt, nicht mehr». Das Klischee vom schweineteuren Koi hält sich hartnäckig. Zwar hat auch Diserens Kunden, ganz wenige nur, die Tausende für ein Tier bezahlen, «aber das ist die Ausnahme, man bekommt einen schönen Koi schon für den Preis einer Pizza.»

Der mit den teigigen Hängebacken, das ist unsere Angela Merkel



Unter dem Mikroskop hat Diserens den Grund für Boris’ kranke Schuppen gefunden: Trichodina, ein Parasit. Der Fisch-Doc hat auch schon Koi verarztet, die tiefe Kratzer im Fleisch hatten «von Katzen». Passend zum Thema deutet die Teichbesitzerin auf einen ihrer Koi, den sie «Opfer» getauft hat. In letzter Sekunde habe sie ihn nämlich einem Fischreiherschnabel entrissen. Ein Koitus interruptus der fischigen Art.

Diserens räumt den Arztkoffer zusammen (ein umfunktioniertes Kofferset für Coiffeure), während die Koi der Teichbesitzerin Futter aus der Hand picken und saugen. «Koi sind zutraulich wie Hunde», weiss Diserens. Jeder Fisch hier hat einen Namen aufgrund seines Körpers oder seiner Farbe: Safran, Big Foot, Yellow, Aromat, YB-Fisch, Perle, «und der mit den teigigen Hängebacken», sagt die Teichbesitzerin, «das ist unsere Angela Merkel».

In der Schweiz gibt es nur zwei Tierarztpraxen für Fische (die andere ist im Luzernischen). Seit einigen Jahren ist Nicolas Diserens Mitglied der dreiköpfigen Koipraxis in Ulmitz FR. Naturgemäss sei die Kommunikation mit seinen Patienten eher schwierig, «weil es nämlich gar keine gibt». Keine Rückmeldung zu bekommen, sei manchmal frustrierend. Anderseits sei die Arbeit mit Fischen eine ehrliche Sache, «es gibt keine Hypochonder».

Für jeden Tierarzt ist Einschläfern ein schwieriger Moment



Unterwegs zu Koi-Visite Nummer zwei. Im Auto sitzt auch Diserens’ Hund Kafi. Er ist immer mit dabei - und inoffizieller Tester der Wasserqualität von Koi-Teichen. Kafi säuft aus jedem Koibecken. Auch aus dem Teich von Familie Salzmann in Bühl bei Aarberg. 15 Koi schwimmen hier, «alle unter tausend Franken», stellt Markus Salzmann grad klar. Der Patient heisst Winkeli, ist 45 Zentimeter lang, normalerweise von nahezu perlweisser Hautfarbe, schimmert der Koi seit ein paar Tagen orange-golden und hat rote Flecken. «Sonnenbrand», diagnostiziert Dr. Diserens.

Unter dem Mikroskop entdeckt er den Parasiten Costia, der den Fisch schwächt und ihn anfälliger für Sonnenlicht macht. Winkeli bekommt zwei Spritzen, Antibiotika und Vitamine, zudem eine Laserbehandlung. Drei Mal dreissig Sekunden kurzwelliges Infrarotlicht (810 Nanometer) zerstört Bakterien und regt den Energiestoffwechsel an. Winkeli regt keine Flosse, er ist mit «Koi Med Sleep» ruhig gestellt.

Das Betäubungsmittel verwende Diserens auch, wenn er einen Fisch einschläfern muss, eine höhere Dosis führt zum sanften Exitus. «Für jeden Tierarzt ist Einschläfern ein schwieriger Moment, aber manchmal halt die vernünftigste Lösung.» Etwa wenn ein Fisch schwer verletzt ist oder einen inoperablen Tumor hat. Man kann Koi operieren? Der Doktor zeigt auf seinem Handy Fotos eines Lymphosarkoms in Tennisballgrösse, das man einem Koi aus dem Bauch operierte. Dem Fisch gehts wieder prächtig.

Koi-Visite Nummer drei, ein Becken mit 46 Fischen in Rothrist AG. Mammut, Zwilling und Schönheit werden untersucht. Schleimabstrich, Schuppenbehandlung. Routine. Eine Stunde vor Ort kostet 300 Franken.

Es ist mittlerweile vier Uhr nachmittags. Als Koi-Arzt sei er manchmal schon etwas einsam, erzählt Diserens. Fachaustausch gibts über eine Whatsapp-Gruppe, der auch Fischärzte aus Deutschland und Österreich angehören. Ein Exot unter Veterinären zu sein, habe aber auch seinen Reiz: Bei komplizierten Fällen müsse er selber in der Fachliteratur forschen, das sei spannend. «Ich bin gern Koi-Arzt», sagt Diserens. Diese Fische seien faszinierend, ihre Formen, Farben, Muster eine Pracht. Zudem ist es interessant, mit Tieren zu arbeiten, die in einer für uns Menschen feindlichen Umgebung, dem Element Wasser, leben.

Die schönsten Koi sehen wir an diesem Tag bei Familie Schär-Villars in Zollbrück BE. Sie haben so blumige Namen wie Änneli, und Böhmeli, es geht aber auch rockiger, mit Bon Jovi und Campino. Letzterer wird herausgefischt und untersucht. Campino soll umziehen, in einen neuen Teich. Darum muss er garantiert parasitenfrei sein, sauber, rein, unbefleckt - absolut «koisch».

Dann ist Feierabend. Diserens fährt heim, nach Moosseedorf BE, in seine «fischfreie Wohnung». Trotzdem lauern da zwei Haifische. Ihre Mordsmäuler weit aufgerissen, gefrässig, gefährlich, flauschig - es sind Diserens’ Pantoffeln. Im Herbst wird der Tierarzt heiraten (seine Zukünftige hatte sich erst nur für Hund Kafi interessiert, später dann auch für das Herrchen), und eine Reise nach Japan würde er gerne mal machen, dort in Koizucht-Anlagen noch mehr über die Edelfische lernen, um selbst für die ko(i)mischsten Vorfälle gerüstet zu sein: Wie letzthin, als ein Teichbesitzer um Hilfe rief, sein Koi habe am Vortag irgendein Kleintier verschluckt, das eine Bein baumele noch immer aus dem Fischmaul. Diserens rückte sofort aus. Und zog aus dem Koi - einen Frosch heraus. «Beide», sagt der Tierarzt, «Fisch und Frosch, haben überlebt.»

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