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«Wir haben dieselbe Luft geatmet»

Max Göldi und Rachid Hamdani verbindet eine Geiselhaft

In Libyen gingen sie durch die Hölle: Max Göldi und Rachid Hamdani waren die Geiseln von Muammar Gaddafi. Nun reden sie erstmals gemeinsam über ihre Geschichte.

Max Göldi und Rachid Hamdani SI Shooting Ausgabe 45/2018

Wiedersehen: Die beiden Ex-Geiseln besprechen das neu erschienene Buch: Autor Max Göldi (l.) und Rachid Hamdani im Restaurant Blunt in Zürich.

Joseph Khakshouri

Der eine wägt ab, der andere holt aus. Der eine hält sich zurück, der andere gestikuliert. So unterschiedlich die beiden Männer sind, sie verbindet etwas, das nur wenige kennen: Entführung, Gefängnis – und monatelanges Warten. Max Göldi, 63, und Rachid Hamdani, 78, waren während knapp zwei Jahren Geiseln des Diktators Muammar Gaddafi. Menschliches Pfand einer zähen diplomatischen Krise zwischen Libyen und der Schweiz.

Wiedersehen bei einem Tee

Zürich. Im orientalischen Restaurant Maison Blunt trinken Göldi und Hamdani Tee. Sie sitzen nah beieinander, ab und zu berührt der eine den anderen am Arm. Göldi, der Abwägende, wohnt unterdessen in Asien. Er ist in der Schweiz, um sein Buch «Gaddafis Rache – Aus dem Tagebuch einer Geisel» zu bewerben. Hamdani, der Ausholende, ist aus dem Welschland angereist. Seit ihrer Freilassung 2010 sehen sie sich einmal pro Jahr, wenn Göldi in die Schweiz kommt oder Hamdani ihn in Asien besucht. «Wir sind sehr gute Freunde geworden», sagt Göldi. «Wir haben dieselbe Luft geatmet», sagt Hamdani, «wir sind wie eins.»

Max Göldi SI Shooting Ausgabe 45/2018

Geprägt: Max Göldi: «Wenn wir uns sehen, entdecken wir jedes Mal ein neues Detail unserer Geschichte.»

Joseph Khakshouri

Vor zehn Jahren begegnen sich die beiden Männer zum ersten Mal – in einer dreckigen und überfüllten Gefängniszelle in Tripolis. Zu diesem Zeitpunkt verbindet sie nicht mehr, als dass sie Schweizer sind. Rachid Hamdani hat zusätzlich auch den tunesischen Pass. Doch ihre Nationalität ist kein Zufall.

Am 15. Juli 2008 werden Hannibal Gaddafi, Sohn des Diktators Muammar, und seine schwangere Frau Aline in Genf verhaftet. Ihre Hausangestellten hatten sie angezeigt – sie seien geschlagen und bedroht worden. Da Hannibal nicht aus dem Hotelzimmer kommt, führt ihn die Genfer Polizei in Handschellen ab. Eine Demütigung für seine mächtige Familie.

Rachid Hamdani und Max Göldi

Lebenszeichen: Hamdani und Göldi posieren 2009 für Amnesty International vor der Schweizer Botschaft.

Keystone

Sie landen im Gefängnis

Göldi und Hamdani kriegen davon erst nichts mit. Göldi leitet seit einem Jahr die ABB-Repräsentanz in Tripolis. Drei Tage nach Hannibals Festnahme wird er abgeführt – angeblich wegen eines fehlenden Dokuments. Auch der Ingenieur Rachid Hamdani, der in Libyen lebt und arbeitet, wird ins Gefängnis gebracht. Beide müssen den Schweizer Pass abgeben. «Wir dachten, das Missverständnis werde sich schnell aufklären.»

Das Gegenteil ist der Fall. Göldi sitzt nach der Entlassung auf Kaution in der Schweizer Botschaft fest. Mitarbeiter des libyschen Geheimdienstes parkieren in Sichtweite und folgen ihm, sobald er das Haus verlässt. Hamdani kommt bei Bekannten unter. Auch er wird beobachtet und kann nicht ausreisen.

Micheline Calmy-Rey Alt Bundesrätin und Muammar Gaddafi

Zähes Ringen: Die damalige Bundesrätin Micheline Calmy-Rey verhandelt mit Muammar Gaddafi.

Keystone

Hamdani zeigt sich optimistischer

Hamdani kommt oft in die Schweizer Botschaft, um zu erfahren, ob es etwas Neues gibt. Hoffnung und Enttäuschung wechseln sich ab. Zum Zeitvertreib bleibt den Geiseln ein Pingpong-Tisch. «Wir sind etwa gleich starke Spieler», schreibt Göldi in seinem Buch. «Rachid hat zwar oft einen besseren Start, aber ich hole gegen Schluss jeweils wieder auf.» Mit der Krise gehen sie unterschiedlich um. Göldi hält Hamdani zeitweise für einen «unverbesserlichen Optimisten». Der entgegnet: «Ich bin halb Schweizer, halb Araber, deshalb habe ich die libysche Mentalität besser verstanden.» Göldi hingegen verzweifelt beinahe an der Aufschiebetaktik – «bukra», hört er oft, «morgen …».

Max Göldi Hannibal Gaddafi

Inszeniertes Treffen: Göldi macht vor Diktatorensohn Hannibal «gute Miene zum bösen Spiel» in Tripolis.

Keystone

Einig sind sich beide darin, dass die Schweiz schneller hätte reagieren müssen. Göldis Buch liest sich teilweise wie eine Abrechnung mit der Schweizer Regierung, die «zu stolz und zu langsam» gehandelt habe. Ein Beispiel: Pascal Couchepin, zu Beginn der Krise Bundespräsident, bemüht sich nicht um ein frühes Treffen mit Muammar Gaddafi, sondern geht in die Ferien.

Max Göldi und Micheline Calmy-Rey

Befreit: Nach fast zwei Jahren kehren Rachid Hamdani und Max Göldi 2010 endlich in die Schweiz zurück.

Keystone

«Es hat uns stärker gemacht»

Die Familien der Geiseln versuchen, in Bern Druck zu machen. Max Göldis Frau Yasuko konnte allein in die Schweiz zurückreisen. Göldi fragt sich, wie die Beziehung diese Belastung verkraften wird. Heute sagt er: «Es hat uns stärker gemacht.» Yasuko trifft sich auch oft mit Hamdanis Ehefrau Bruna, die in der Schweiz lebt. Die Ehepaare schreiben sich Briefe und können immer wieder miteinander telefonieren.

Während der Zeit in Libyen müssen Göldi und Hamdani zweimal ins Gefängnis, weil Libyen den Druck auf die Schweiz erhöhen will. Perfid: Eines Tages werden sie aus der Botschaft gelockt. Danach dürfen sie bald ausreisen, heisst es. Für einen «Gesundheits-Check» werden sie in ein Hinterzimmer gelockt und von dort aus verschleppt. Einzelhaft. «Ich wusste nicht, wo ich bin – ob jemand anders weiss, wo ich bin», sagt Göldi. «Das war eine der schlimmsten Phasen für mich.»

Die Wärter isolieren die beiden Männer. Manchmal begegnen sie sich dennoch im Gang, können sich kurz zuflüstern: «Wie gehts?» – «Alles okay?» 53 Tage müssen sie in benachbarten Zellen ausharren, hören ab und zu die Geräusche des anderen. Der einzigen Person, die gerade dasselbe erlebt.

Rachid Hamdani SI Shooting Ausgabe 45/2018

Glücklich: Rachid Hamdani: «Ich bin stolz, dass wir aus dieser Situation wieder rauskamen.»

Joseph Khakshouri

«Es ist hart zu akzeptieren, wie sehr man als zivilisierter Mensch gedemütigt werden kann», sagt Hamdani. «Das ist ein Schock, wie ein Unfall.»

«Wir denken jeden Tag daran zurück»

Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz brauchten beide Zeit, um sich an die Freiheit zu gewöhnen. «Anfangs bin ich zusammengezuckt, wenn ich Polizisten gesehen habe», sagt Göldi, der sich entschieden hat, nicht mehr in arabische Länder zu reisen. Hamdani hat seine Familie in Tunesien besucht, geht aber nicht mehr nach Libyen. «Wir denken jeden Tag an das, was uns passiert ist», sagen die beiden Pensionäre.

Ein für Hamdani schwieriger Moment war übrigens seine Freilassung. Er durfte im Februar 2010 zurück in die Schweiz reisen, vier Monate vor Göldi. Er freue sich, sagte er nach seiner Ankunft. Aber: «Vergessen kann ich das Geschehene erst, wenn Max wieder zu Hause ist.»

Von Lynn Scheurer am 13.11.2018