Die neuen Väter: Mehr Familie, weniger Beruf - Teil 6 Michèle Roten: «Männer, empört euch!»

Sie lieben ihre Kinder. Sie sind Vater und Unternehmer, Vater und Schreiner oder Vater und Schlagersänger. Deshalb treten sie im Beruf kürzer - und ziehen im Haushalt voll mit. Die «Schweizer Illustrierte» zeigt, wie Väter den Spagat schaffen. Und wieso Männer mit Teilzeitjobs glücklicher sind. Im sechsten und letzten Teil: Gastautorin Michèle Roten über Vaterschaftsurlaub und 80-Prozent-Stellen
Autorin und Kolumnistin Michèle Roten
© ZVG

Michèle Roten, 36, ist Autorin und Journalistin, hat einen Sohn und lebt mit ihrer Familie in Zürich.

Fassen wir zu Beginn noch einmal zusammen, worum es bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf genau geht. Es muss möglich sein, Kinder zu haben und doch einen befriedigenden, verantwortungsvollen Job mit Aufstiegschancen - und diese Chancen sollten wir gegebenenfalls auch wahrnehmen können.

Ist doch schon längst so, rufen nun einige Scherzkekse, die Karriere gemacht haben, während die Frau die Kinder aufgezogen hat. Das bringt uns zum grossen Unterschied zwischen früher und heute: die Definition von «Kinder haben». Heute ist damit gemeint, dass sich beide Elternteile als Primärversorger verstehen, dass Care-Arbeit, Erziehung, Spiel und emotionale Bindung gleich verteilt sind.

Männer wollen heute präsente Väter sein und merken: So einfach geht das ja gar nicht. Es fängt damit an, dass die meisten Firmen den Tag, an dem ein Mann Vater wird, so wichtig finden wie den Tag, an dem er in eine neue Wohnung zieht - und es endet damit, dass er nicht auf 80 Prozent reduzieren oder flexibler arbeiten kann, ohne karrieretechnisch abgestraft zu werden.

Auch der Mann merkt jetzt: Das patriarchale System belohnt und fördert immer noch das überholte Modell. Die Veränderung, in der wir zurzeit gerade stecken, haben zwar Feministinnen losgetreten, doch jetzt, in dieser Phase des Rennens, kommt es zur Stabübergabe: Jetzt müsst ihr Männer euch aufregen. Empört euch! Seid angepisst! Lehnt euch auf!

Es muss sich vieles ändern, hier nur mal ein paar Denkanstösse:

Als Erstes brauchen wir einen vernünftigen Vaterschaftsurlaub. Ein Tag ist so hilfreich wie ein Loch im Zahn, und auch zwei Wochen sind ein Witz. Ein vernünftiger Vaterschaftsurlaub ist mindestens zwei Monate lang und modulierbar. Und wenn es dann mal diesen gesetzlich verankerten vernünftigen Vaterschaftsurlaub gibt, dann müssen wir zusehen, dass die Männer auch jeden einzelnen verdammten Tag davon beziehen - sonst wird die gängige Belohnungsstruktur einfach unverändert weiterwirken und der, der am wenigsten Vaterschaftsurlaub bezogen hat, kriegt die Beförderung.

Wir müssen uns von der Norm und dem Ideal des 100-Prozent-Jobs lösen. Wie wärs damit? 80 Prozent ist die neue Vollzeitstelle, wer (trotz Kindern) mehr arbeiten will, wird genauso sanktioniert (sozial und monetär) wie heute der Mann, der reduzieren will.

Und letztlich müssen wir alle unseren Umgang mit dem Thema ändern. Wenn Männer sich um Kinder und Haushalt kümmern, sollten wir so tun, als ob es so normal wäre, wie es ja eigentlich ist. Eine Studie der Ohio State University enthüllte, dass gerade die Väter, die sich als vorbildlichprogressiv wahrgenommen fühlen, sprich dafür gelobt werden, ihren tatsächlichen Einsatz in Care- und Hausarbeit massiv überschätzen (der übrigens immer noch bei 12.5 verglichen zu 21 Stunden der gleich viel arbeitenden Partnerin lag. Ausserdem reduzierten sie die Hausarbeit um fünf Stunden, nachdem ein Kind da war. Wahrscheinlich, um mehr Zeit mit dem Baby zu haben, bloss konzentriert die sich hauptsächlich auf Spielen und Vorlesen und nicht tatsächlich lebenserhaltende - und nicht ganz so lustige - Massnahmen wie Anziehen, Füttern, Wickeln, Baden. Aber das nur am Rande. Babysteps!).

Männer, ihr seid bereit, und das System konnte nicht mit eurer Entwicklung Schritt halten. Jetzt müsst ihr kämpfen. Keine Sorge: Wir Frauen stärken euch den Rücken. Und ein paar gute Tipps haben wir auch parat. Schliesslich beschäftigen wir uns mit dem Scheiss schon Jahrzehnte.

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