Frauen im Militär - die grosse Reportage «Hier lerne ich, mich gegen Männer durchzusetzen»

Not am Mann! Die Armee hat zu wenig Rekruten. Darum sollen künftig mehr Frauen ins Militär. Anna Lena Schafroth ist eine von 200 Frauen, die sich jedes Jahr freiwillig zum Dienst melden. Warum?

Es ist die kälteste Woche des Winters im kältesten Januar seit 30 Jahren. Steif gefrorener Schlamm splittert unter schweren Kampfstiefeln. Rot die Nasen, weiss die Gesichter, waldgrün die Uniform. Uhrzeit «Dreizehnnullfünf». Zug 5 der 3. Kompanie der Infanterieschule 13 Liestal BL - seit zehn Wochen in der Rekrutenschule, seit sechs Stunden im Schnee - macht sich zum Gefecht bereit. Am Hügel gegenüber steht der Feind. Vier Scharfschützen aus Pappmaché, zwei Panzer und ein Geländewagen auf Leintücher gesprayt.

Flugplatzsicherungssoldat Schafroth legt einen 7.5-Millimeter-Patronen-Gurt für das Maschinengewehr 51 ins Magazin, steigt in den Turm des gepanzerten Geländefahrzeugs Eagle; und drückt ab. Metall schneidet die steife Bise, ein Donner laut wie Fels, der vom Berg bricht - 50 Schuss in drei Sekunden.

Wie lange dauert es, bis man nicht mehr bei jedem Schuss zusammenzuckt? «Zwei Tage», sagt Soldat Anna Lena Schafroth, 20, während sie sich eine Strähne des roten Haars zurück unter den Helm steckt. In der Schweizer Armee gibt es keine weiblichen Gradbezeichnungen. Bei nur 0.67 Prozent Frauenanteil lohnt es sich nicht, nach einem weiblichen Äquivalent für Hauptmann zu suchen, das weder lächerlich noch degradierend klingt. Anna Lena Schafroth ist folglich Fachmaturandin, Tochter, Schwester, Volleyballerin, angehende Studentin, Harfenspielerin - und Soldat.

257 Frauen haben 2016 die Rekrutenschule freiwillig begonnen. Zu wenig findet Verteidigungsminister Guy Parmelin. Da es der Schweizer Armee an qualifiziertem Nachwuchs mangelt, soll der Orientierungstag auch für Frauen obligatorisch werden. Das Parlament entscheidet noch dieses Jahr.

Wirklich schlimm am Militär ist nichts. Unbequem vieles

Soldat Schafroth reibt sich die weissen Fingerknöchel warm, während ihr Zug die Übung beendet. «Am Orientierungstag habe ich eigentlich nur eine Freundin begleitet. Sie hat damals einen Rekruten kennengelernt und sich darum für alles Militärische interessiert.» Die Schwärmerei der Freundin ist schnell vergessen, Anna Lena Schafroth hingegen marschiert drei Jahre später als Durchdienerin und designierte Wachtmeisterin über ein vereistes Kornfeld zur Theoriestunde Checkpoint Warenkunde.

«Fünfzehnnullnull», zehn Minuten Pause. Zehn Minuten Pause, das heisst: 29 junge Männer, zwei Frauen, 13 Red Bull, 15 Zigaretten, Müesliriegel mit Aprikosengeschmack, Hibiskustee aus der Feldflasche und feuchte minus neun Grad. Was ist das Schlimmste am Militär? Anna Lena zuckt mit den Schultern. «Wirklich schlimm ist nichts. Unbequem vieles.» Was ist das Beste? Soldat Schafroth strahlt: «Das Schiessen!»

Oberst im Generalstab Hubert Bittel sagt, er zucke auch heute noch bei jedem Schuss innerlich zusammen. «Ausser natürlich, wenn ich selber schiesse.» Im Gegensatz zu den meisten Schweizer Armee-Angehörigen hat Bittel tatsächlich in bewaffneten Konflikten Dienst geleistet - sieben Monate als Kommandant des 11. Swisscoy-Kontingents im Kosovo, zudem drei Jahre in der Swiss Mission to Nato. Heute ist er Kommandant der Infanterie-Rekrutenschule 13. «Ganz ehrlich - ich hätte früher nie darum gebeten, weibliche Rekruten auszubilden. Heute ist es mir eine Freude.»

Als der Primarlehrer aus dem Oberwallis vor 30 Jahren selbst Rekrut wird, sind Frauen nicht zum Militärdienst zugelassen. Erst seit 1995 dürfen sie gemeinsam mit den Männern Dienst leisten - mit Kampfauftrag, also in der Infanterie oder Panzertruppe, allerdings erst ab 2004. Unterdessen ist der höchste weiblich besetzte Rang der eines Brigadiers.

Zum Abendessen gibt es Bratwurst, Härdöpfelstock, Erbsen und Rüebli - Feldküche aus der Gamelle. «Nach einem Feldtag schmeckt alles gut», sagt Anna Lena. «Neunzehnnulldrei», bereit machen zum Abmarsch. Soldat Schafroth führt ihren Zug während des einstündigen Marschs bis zur Kaserne. Eine Vorbereitung auf die Offiziersschule, die sie in zwei Wochen beginnt. 75 Prozent der Frauen, die Militärdienst leisten, lassen sich auch zum Unteroffizier oder Offizier ausbilden. Ein Drittel der einberufenen Männer bricht die Rekrutenschule wieder ab. Frauen würden dem Militär guttun - und umgekehrt, sagt Oberst Bittel. «Da die Frauen freiwillig hier sind, ist ihre Motivation bedeutend höher als die der Männer.»

Geduldig, aber bestimmt fordert der Schulkommandant einen vorbeimarschierenden Rekruten dazu auf, sein Sturmgewehr doch umgehend zu sichern. Ebenso unaufgeregt fährt er fort: «Das Militär hat einen sehr integrativen Charakter. In der RS sind alle gleich. Egal, woher sie kommen, wer ihre Eltern sind, welches Geschlecht sie haben oder welche Sprache sie sprechen - gleiche Rechte, gleiche Pflichten, gleicher Sold. Man ist Kamerad.»

In der Kaserne von Liestal riecht es nach einer Vielzahl von Duschmitteln und Schweiss. «Zweiundzwanzigdreinull», Abendverlesen. Kameradin Schafroth ist nach 16.5 Stunden im Einsatz vor allem eins: müde. Sie sitzt im Sporttenue auf der Pritsche in ihrem Zimmer, das sie sich mit der einzigen anderen Frau ihres Zugs teilt. Anna Lenas Bettnachbarin will später die Polizeischule machen, andere weibliche Rekruten möchten Blauhelm oder Ärztin in Krisengebieten werden. Eine militärische Grundausbildung ist da angezeigt. Anna Lena aber will lieber einen «ganz normalen» Beruf. Warum tut man sich die 430 Tage Durchdiener dann an? «Das frage ich mich auch manchmal. Ernsthaft: Ich hatte nach der Fachmatura ein Jahr zu überbrücken. Der Orientierungstag hat mich neugierig gemacht, mir gefiel die Herausforderung.» Anna Lena lächelt. «Ausserdem will ich einmal einen technischen Beruf ausüben.» Auch das eine Männerwelt. Wie man sich als Frau darin bewegt - genau das erhofft sie sich, im Militär zu lernen.

«Jedes Mal, wenn du lächelst, wird ein Kätzchen geboren», steht auf der Postkarte, die in Soldat Schafroths Spind hängt. Ansonsten alles nach Norm: das Gewehr zu den Füssen, das Magazin im Schliessfach, der Grabstein «auf Mann» - auch wenn die Brust, die ihn trägt, weiblich ist. Soldat Schafroth stört das nicht.

Mit Menstruationsbeschwerden marschieren? Ich wüsste nicht wie

Wenn sie nicht gerade eine Pumpgun abfeuert, liest Anna Lena gerne Fantasy-Romane oder spielt am Computer. «Alles ausser Kriegssimulationen oder Ballerspielen», sagt die Gamerin. Auf ihrem Oberarm ist das Emblem ihres Lieblingsspiels tätowiert. Darin rettet ein junger Held im Alleingang ein ganzes Königreich.

Seit 2007 werden bei der Einteilung von Frauen die gleichen körperlichen Anforderungen gestellt wie bei den Männern. Auf dem Nachttisch von Soldat Schafroth liegt neben der Tube Perskindol ein flaches Spiegel-Trückli. Darin eine Pillenpackung. Anna Lena nimmt die Anti-Baby-Pille nicht zur Empfängnisverhütung. Das Hormonpräparat verhindert, dass sie während ihres Diensts Regelblutungen bekommt. «Mit Menstruationsbeschwerden marschieren? Ich wüsste nicht wie. Aber es gibt Kameradinnen, die schaffen sogar das.» Können Frauen körperlich mit den Männern mithalten? Anna Lena lacht. «Meine Zimmergenossin schon. Ich bin nicht wahnsinnig sportlich, aber ich kann auf die Zähne beissen.»

Anfeindung von Kameraden? Nie! Aber einmal hat mich eine Rentnerin angespuckt

Soldat Schafroths Grossvater ist Oberleutnant, der Vater Soldat, der Bruder doppeluntauglich wegen einer Milbenallergie. Ihr Umfeld reagiert überrascht, als sie sich für den Wehrdienst interessiert, aber unterstützt sie bei ihrem Vorhaben. Gibt es Anfeindungen von männlichen Kameraden? «Nie.» Dumme Sprüche? «Klar», aber darüber könne man lachen. Nur einmal habe sie eine «ältere Dame» angespuckt, als sie zu Hause in Erlenbach ZH im Kampfanzug auf den Zug wartet.

Die gleiche Expertengruppe, die dem Bund das Obligatorium für den Orientierungstag angeraten hat, hat auch die Einführung einer allgemeinen Dienstpflicht geprüft. Die Idee wurde als nicht mehrheitsfähig verworfen. In 10 bis 15 Jahren könnte eine allgemeine Dienstpflicht für beide Geschlechter gelten, so die Einschätzung von Oberst Bittel. «Die neuen Generationen von Rekruten sind sehr viel emanzipierter, als wir es waren.» In sechs Stunden ist Tagwache. Bevor sie ins Kissen sinkt, sagt Soldat Anna Lena: «Es ist nicht fair, dass die Dienstpflicht heute nur für Männer gilt. Sorry, aber Gleichberechtigung geht anders.»

Im Dossier: Weitere Reportagen der «Schweizer Illustrierten»

Auch interessant