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Zwischen Kanzlei und Kaserne

Olivia de Weck: Die Anwältin der Waffenlobby

Olivia de Weck ist die neue Vizepräsidentin von Pro Tell – und kämpft unter Männern gegen das verschärfte Waffenrecht.

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Chefin: Im Militär gibt Olivia de Weck einer Aufklärungskompanie von 150 Männern den Tarif durch.

Nicolas Righetti

Olivia de Wecks Heimweg führt durch einen dunklen Park. Vom Bahnhof Lausanne geht sie zehn Minuten abwärts, dann nimmt die 32-Jährige die Abkürzung durch den Parc de Milan. Abends ist er schwach beleuchtet, Entgegenkommende erkennt sie erst auf Augenhöhe. «Ich habe keine Angst», sagt die neue Vizepräsidentin von Pro Tell lachend, «das ist ein ungefährliches Quartier!» Hat de Weck einen Pfefferspray dabei? «Ich besitze nur eine Waffe, und die liegt in meiner Wohnung im Schrank – ohne Munition natürlich.» 

Bürger mit Waffen in der Öffentlichkeit

Am 19. Mai stimmen die Schweizerinnen und Schweizer darüber ab, ob es künftig für Waffen wie das Sturmgewehr eine Ausnahmebewilligung braucht. So will es das verschärfte Waffenrecht der EU. Pro Tell und Schützenverbände haben dagegen das Referendum ergriffen. Pro Tell, der Verein für ein freiheitliches Waffenrecht, wird zurzeit von Jean-Luc Addor geführt. Der Walliser SVP-Nationalrat wurde 2017 wegen Rassendiskriminierung verurteilt und fordert, Bürger sollten nach einem Schiesskurs ihre Waffe in der Öffentlichkeit tragen dürfen. 

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Anwaltskostüm: De Weck arbeitet in einer Genfer Kanzlei. «Bei Scheidungen versuche ich, zu vermitteln und zu schlichten.»

Nicolas Righetti

Nun, wenige Monate vor der Abstimmung taucht eine junge, moderate Frau als neues Gesicht der Waffenlobby auf: die Freiburger Anwältin Olivia de Weck. Zufall? Sie gehöre bestimmt nicht zu den «vieux moustachus», den Schnauzträgern, sagt de Weck scherzhaft. «Ich will das Image von Pro Tell modernisieren.» Ihre geräumige Wohnung teilt sie mit ihrem Freund. Er arbeitet beim Internationalen Hochschulsportverband. De Weck ist neben ihrem Anwaltsjob Hauptmann in der Armee. Mit ihrer Dienstwaffe, einer Pistole, möchte sie sich nicht fotografieren lassen. «Ich schiesse nicht oft, nur bei den Repetitionskursen.» 

Ich bezweifle, dass Terroristen das neue Gesetz lesen werden

In der Wohnung gibts keine Pflanzen – «ich habe keinen grünen Daumen» –, aber viele Fotos. Auf einem ist de Wecks Mutter als junge Flight-Attendant zu sehen. Die Freiburger Familie hat sich in Genf niedergelassen, wo der Flughafen nah ist. Auf einem anderen Foto sieht man de Wecks Vater in der Anwaltsrobe. «Er hat mir früher manchmal von spannenden Mordfällen erzählt.» Für sie sei es ganz natürlich gewesen, ebenfalls Anwältin zu werden. In einer Genfer Kanzlei beschäftigt sie sich vor allem mit Scheidungen, Betrugsfällen und Arbeitsrecht.

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Pendlerin: De Weck ist täglich zwischen der Anwaltskanzlei in Genf und ihrer Wohnung in Lausanne unterwegs.

Nicolas Righetti

Auch den Weg in die Armee fand de Weck «naturellement». Sie ist entfernt mit dem Militärhistoriker Hervé de Weck verwandt. Gleiches gilt für den ehemaligen SRG-Direktor Roger de Weck. «Meine Familie steht eher der CVP nahe als der SVP.» Trotzdem kämpft Olivia de Weck nun an der Seite strammer SVPler gegen das neue Waffenrecht. «Weil es uns alle etwas angeht, nicht nur die Schützen!», sagt sie. «Und weil die Schweiz nicht jedem Druck der EU nachgeben muss.» Sie sei nicht gegen die EU, aber das neue Gesetz würde Schützen und Polizisten nur Bürokratie bringen. «Und gegen die Terroristen wird es nichts ausrichten. Ich bezweifle, dass die das neue Gesetz lesen werden.»

Hohe Suizidrate in der Schweiz

De Weck spricht selbstbewusst und locker. 2005 machte sie die Rekrutenschule in der Gruppe Panzerjäger – «meine erste Wahl» – und war dort die einzige Frau. Die Männer hätten schon Sprüche gemacht, «de Weck, geh mal die Reifen wechseln!» zum Beispiel, «aber immer sehr sympa», erzählt sie lachend. Am Militär reizte die ehemals begeisterte Tennisspielerin die sportliche Herausforderung. «Bei der Armee ging es mir aber auch um Landesverteidigung und darum, die Schweiz kennenzulernen.» 

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Armeetenue: Olivia de Weck nahe ihrer Wohnung in Lausanne. Im Militär hat sie den Rang eines Hauptmanns.

Nicolas Righetti

Die Schweiz, das ist auch das Land mit einer der höchsten Suizidraten der Welt. Gerade Männer greifen dabei häufig zur Armeewaffe. «Jeder solche Fall ist tragisch», sagt de Weck, aber das neue Waffenrecht werde dies nicht verhindern können. «Wer entschlossen ist, findet einen Weg.» Und was ist mit Terroristen wie jenem in Neuseeland? «Wichtig ist, dass die Behörden rechtzeitig gegen verdächtige Personen vorgehen. Hierzulande sind die Gesetze streng genug.» 

Dass die Schweiz den Ausschluss aus Schengen riskiert, falls sie am 19. Mai Nein zum verschärften Waffenrecht sagt, glaubt de Weck übrigens nicht. «Es gäbe bestimmt eine alternative Lösung.»

Von Lynn Scheurer am 22.03.2019
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