Seit einer Woche ist die Schweiz auf Monsterjagd Experte erklärt das Pokémon-Go-Fieber

Im Park, auf der Strasse, sogar auf dem Friedhof: Überall lauern Monster, und die Schweizer jagen sie mit dem Handy. Seit letzter Woche ist Pokémon Go offiziell zu haben und bricht Rekorde. Hype oder Spielrevolution? Experte Niels Weber weiss, was hinter der Euphorie steckt.
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© Dukas

Was ist Poémon Go? Das Gratis-Handyspiel von Nintendo nutzt das Kamerabild der Handys und versteckt in der realen Umgebung virtuelle Monster, die gefangen werden müssen.

Schweizer Illustrierte: Niels Weber, wie erklären Sie sich das Pokémon-Go-Fieber in der Schweiz?
Niels Weber: Man muss das Pokémon-Universum nicht kennen, um Spass daran zu haben. Jeder kann einfach loslaufen, und wenn etwas auf dem Bildschirm auftaucht, damit interagieren. Man muss keine Tastenkombinationen kennen. Es ist ein Spassuniversum mit süssen Wesen, die jeder auf seine Art cool oder niedlich finden kann.

Ist das wirklich so neu?
Nein. Der Vorgänger von Pokémon Go war das Spiel Ingress, das die gleichen Regeln hatte. Was den Hype macht, sind die Monster. Viele der heutigen Erwachsenen kennen die Figuren noch aus den 90ern und finden sie nun in neuer Verpackung. 

Wird der Hype lange anhalten?
Das Spiel wird vielleicht in drei Monaten langweilig. Im Moment ist das Wetter gut. Nintendo muss das Spiel danach verbessern, eine Neuheit bringen.

Ist es der Beginn einer neuen Ära?
Kann sein. Aber Nintendo muss die Bedürfnisse der Spieler bedienen.Die Konsole Wii U war ein Flop. Jetzt ist Nintendo zurück und kann wirklich, wirklich viel Geld verdienen. Ich erwarte, dass man die Spieler bald mehr zur Kasse bitten wird.

Sie spielen Pokémon Go. Macht es Spass?
Ja, sehr. Gestern war ich mit dem Spiel unterwegs. Ich habe Player jeden Alters getroffen. Wir haben aufgeschaut und uns angelächelt.

Warum spielen Erwachsene?
Spielen ist ein grosser Teil unserer Existenz. Kinder brauchen es, um sich zu entwickeln. Früher sah man es nicht als wertvolle Tätigkeit für Erwachsene an. Aber das wandelt sich. Viele sind schon mit Computerspielen aufgewachsen und bleiben dabei. Es ist ein guter Weg zu kommunizieren. Wer zusammen spielt, muss sich über Regeln einigen. Man bildet Teams und kann nur siegen, wenn man den Gegner versteht. Dabei lernen wir viel über uns. Bei Pokémon Go muss man sich draussen bewegen und online andere nach Pokémon-Plätzen fragen.

Finden Sie es nicht schräg, durch die Gegend zu laufen und auf Ihr Telefon zu starren?
Eine Frage der Perspektive.

Das nervt doch auch Passanten.
Ja. Ich kann verstehen, wenn Aussenstehende das schräg finden.

Einige suchen ihre Pokémon sogar auf Friedhöfen und in Kirchen.
Hier kollidieren die Spielregeln und die Aussenwelt.Deshalb müssen wir besonders jüngeren Spielern beibringen, mit solchen Orten respektvoller umzugehen. Es wäre von den Spieleentwicklern her gut, mehr Hinweise zu geben. Aber mit zu vielen macht es auch keinen Spass mehr.

Sie organisieren eine Spielliga und beraten im Job Menschen, die mit dem Gamen ein Problem haben. Ist das kein Widerspruch?
Nein. Es geht um verantwortlichen Umgang damit. Meist rufen Eltern an, die nicht wissen, wie sie den Konsum ihrer Kinder regulieren können. Ein Zuviel ist immer ein Alarmzeichen für reale Probleme wie Depressionen oder geringes Selbstwertgefühl. In der Gaming Federation machen wir viele Veranstaltungen, um die Spieler zusammenzubringen, und denken dabei auch über verantwortliches Spielen nach. Es soll keiner isoliert in einem dunklen Raum sitzen. Schädlich sind nicht die Spiele, sondern was die Kinder damit machen können. Zum Beispiel mit Fremden chatten, wie neulich im Entführungsfall Paul mit Minecraft.

Pokémon Go verschmilzt virtuelle und reale Welt. Verwirrt das nicht?
Nein. Was ich im Spiel mache, hat Konsequenzen in der Realität und umgekehrt. Es ist wie in einem Auto. Ich kann auf der Autobahn fahren oder auf der Landstrasse. Die Regeln auf den beiden Strecken sind unterschiedlich, aber ich mische sie nicht und bleibe im gleichen Fahrzeug. 

Pokemon go Schweiz Experte Hype und Nintendo
© Nicolas Righetti

Psychologe Niels Weber, 32, berät Spielsüchtige und ist Präsident der Swiss Gaming Federation.

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