Stammtisch-Serie Teil 3: «Goldener Anker» in Interlaken BE «Ritschi hatte in der Schule ein grosses Mundwerk»

 Wer setzt sich in Zeiten von Internet, Pendeln und Rauchverbot überhaupt noch an einen Stammtisch? Die «Schweizer Illustrierte» hat sich an fünf Runden dazugesetzt und zugehört. Im dritten Teil: Der «Goldene Anker» in Interlaken BE.
Ritschi von Plüsch am Stammtisch ohne Frau & Familie
© Thomas Buchwalder

Eingeschworen: Seit Jahren treffen sich Musiker wie Hanery Amman und Ritschi im «Goldenen Anker» in Interlaken.

Was ist die stärkste Droge?», fragt Mundart-Urgestein Hanery Amman, 64, und schaut in die Runde. Niemand sagt etwas. Da ruft Amman: «Der Bahnhof ! Wenn du einen Zug nimmst, bist du weg.» Andreas Ritschard, 37, bekannt als Ritschi von der Mundart-Pop-Band Plüsch, lacht und schüttelt den Kopf.

Am Stammtisch des «Goldenen Ankers» in Interlaken BE sitzen neben den zwei Musikern noch Dachdecker Hanspeter Frutiger, 67, Kaufmann Lukas Brawand, 47, und Bauer Reto Keller, 36. Die Beiz gehört Hanery Ammans Schwester, Jeannette Sutter, 62. Sie führt das Lokal seit 38 Jahren gemeinsam mit ihrem Mann René, 64, und gilt als gute Seele im Haus.

Für ihre Stammgäste tischt sie belegte Brötchen auf. An diesem Donnerstagabend reden die Gäste über die wilden alten Zeiten, als Polo Hofer auch noch mit am Stammtisch sass. Hier wurden viele Musiker entdeckt - auch Ritschi von Plüsch. Hanery Amman erinnert sich gerne daran: «Aber ich bin kein sentimentaler Schnäbler!» Ritschi dreht den Kopf zu ihm und sagt: «Ein bisschen schon!»

Legendäre Abende habe man hier erlebt, sagt Amman. Etwa, als der jamaikanijamaikanische Reggae-Musiker Jimmy Cliff auftrat und die Strasse vor dem Lokal gesperrt wurde, damit auch die Leute draussen zuhören konnten. Dachdecker Hanspeter Frutiger war damals dabei: «Im ‹Goldenen Anker› ist man den Stars ganz nahe. Aber niemand wird hier besser behandelt als andere», sagt er und nippt an seinem Bier. Derweil diskutieren Ritschi und Hanery Amman über Schweizer Musiker und welche Band die besseren Gitarristen hat.

Zwischen ihnen sitzt der Bauer Reto Keller. Nach der Arbeit auf dem Bauernhof trinkt er hier oft sein Feierabendbier. Keller ging mit Ritschi in die Sekundarschule. Seit mehr als drei Jahren haben sich die beiden nicht mehr gesehen: «Ritschi hatte bereits in der Schule ein grosses Mundwerk! Ich habe schon damals gewusst, dass er auf die Bühne gehört!» - «Und trotzdem hast du mich nicht zu der Klassenparty eingeladen», entgegnet Ritschi. Dafür stossen sie heute im «Goldenen Anker» an.

Im 1. Teil: der «Rathskeller» in Olten SO
Im 2. Teil: der «Prättigauer Hof» in Schiers GR.
Im 4. Teil: der «China Wok» in Wil SG.

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